Konzert

„Ich sehne mich nach einer Freundin“

Im Lifestyle-Interview: Max Giesinger

Max Giesinger gehört zu den Senkrechtstartern der deutschsprachigen Musikszene. Den 20. Februar sollten sich Fans vormerken, denn dann kommt der sympathische Sänger in die Rockhal und stellt die Songs seines neuen Albums „Die Reise“ vor.

Max, kann es sein, dass deine Stimme ein Stück weit rauer und irgendwie männlicher klingt auf dem neuen Album?
Max Giesinger: Und ob das sein kann! Ich habe so unglaublich viel gesungen in letzter Zeit, allein 2017 habe ich 180 Konzerte gespielt. Das ist nicht spurlos an meiner Stimme vorbeigegangen.

Überhaupt macht das Album einen etwas weniger glatten, dafür persönlicheren Eindruck als „Der Junge, der rennt“.
Giesinger: Das war jetzt keine bewusste Entscheidung von vornherein, aber man entwickelt sich naturgemäß auch weiter und bekommt Lust, andere Dinge auszuprobieren. Ich wollte mich auch nicht wiederholen und finde im Nachhinein, dem letzten Album hätten ein paar Ecken und Kanten mehr ganz gutgetan. Also habe ich auf „Die Reise“ versucht, nicht den ganz sicheren Weg zu gehen und Songs zu machen, die so sehr offen sind, dass sich wirklich jeder mit ihnen identifizieren kann. Sondern ich habe verstärkt über Themen gesungen, die mich selbst betreffen und interessieren, in „Australien“ zum Beispiel erzähle ich über meine Reise, die ich vor über zehn Jahren nach dem Abitur gemacht habe.

Was war das Besondere daran?
Giesinger: Die Unbeschwertheit. Wir sind in einem Camper-Van durch die Einöde gefahren und hatten so wenig Kohle, dass ich morgens einen Apfel und eine Banane aß und mir mittags ein Sandwich kaufte, das für den restlichen Tag reichen musste. Mit zunehmendem Alter und den Millionen von frischen Erinnerungen, die ich ansammeln durfte, mache ich mir gleichzeitig mehr Gedanken darüber, wie es einmal war.

Ein Song wie „Lieber geh ich“, in dem es darum geht, dass du deine Freundin kein weiteres Mal enttäuschen willst, ist nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch interessant, fast ein wenig jazzig.
Giesinger: Ja, da spielen wir den Drumbeat nur auf der Gitarre, das macht es originell. „Lieber geh ich“ oder auch „Die Reise“ habe ich, in Zusammenarbeit mit meinen Songwriting-Kollegen in Mannheim und Berlin, schon ziemlich früh geschrieben, im Februar 2017. Ich wollte diesem Druck, irgendwann schnell eine neue Platte machen zu müssen, ausweichen, indem ich einfach dranblieb und die Songs in Etappen aufnahm. Das hat auch wirklich prima funktioniert.

In „Wir waren hier“ lässt du noch mal deinen bisherigen Werdegang Revue passieren, vom Jugendlichen, der in der Fußgängerzone Oasis-Songs singt bis zu dem Popstar, der mit „80 Millionen“ den Sommerhit 2016 landete und jeden Abend vor tausenden von Leuten spielt.
Giesinger: Ich bin damals gerne nach Baden-Baden gefahren und habe mich mit der Gitarre in die Fußgängerzone gestellt. Ich wusste, das ist ertragreich, denn dort wohnen eine Menge reicher Leute.

Haben sich die Auftritte in der Fußgängerzone rentiert?
Giesinger: Manche haben mich gesehen und dann direkt als Hochzeitssänger engagiert. Das ist erst zehn Jahre her, aber es kommt mir viel länger vor. Dann kam „The Voice“, ich nahm mein erstes Album per Crowdfunding auf, immer hungrig auf den Erfolg, der sich lange nicht so recht einstellen wollte und auf der Suche nach Bestätigung und Anerkennung. Und plötzlich erfüllt sich vor zwei Jahren auf einmal mein Lebenstraum.

Denkst du jetzt „Ich habe es geschafft“?
Giesinger: Das ist eine zweischneidige Angelegenheit. Wenn du dir jahrelang den Arsch abarbeitest, damit in der Karriere endlich mal was läuft, dann bist du glücklich, wenn dein Song im Radio läuft, du in der U-Bahn zehn Selfies pro Fahrt machen musst und in vollen Hallen spielst. Aber du gewöhnst dich auch sehr schnell daran, erfolgreich zu sein. Wenn du an sieben Abenden pro Woche vor 5.000 Menschen spielst, dann empfindest du das als ganz normal. Irgendwann kickt dich das nicht mehr so und du beginnst, dich nach einer Balance zu sehnen, nach Privatleben, vielleicht mal nach einer Freundin.

Im Frühjahr 2018 bist du tatsächlich auf eine längere Reise gegangen, du warst sechs Wochen in Thailand. Wie fällt dein Fazit aus?
Giesinger: Gemischt (lacht). In Thailand wollte ich testen, ob ich noch normal bin und ob ich überhaupt noch alleine sein kann.

Und?
Giesinger: Ich glaube, der Kontrast zwischen dem rasanten Leben hier und der Stille in Thailand war zu viel für mich. Das Abschalten von Hundert auf Null hat nicht so gut geklappt wie erhofft. Die erste Woche bin ich mit einem Kumpel gereist, das war schön. Aber die restliche Zeit war ich ganz allein unterwegs, und das ist mir schwergefallen, teilweise war ich echt einsam. Ich bin einfach nicht runtergekommen, und ich war auch nicht immer in Stimmung, Leute anzusprechen. Viele meiner Begegnungen waren sehr oberflächlich. Manchmal habe ich mich richtig gefreut, wenn andere Deutsche da waren und mich mit „Hey, Max Giesinger, was geht?“ begrüßten. Weil ich so abends merkte, dass ich den ganzen Tag noch nichts gesprochen hatte. War aber auf jeden Fall eine lehrreiche Erfahrung – noch mal fahre ich nicht allein so lange weg.