Stadtleben Kultur Party

„Man muss Herz in die Sache stecken“

Kiez Street vom 28. bis 30. Juni – Im Gespräch: Die Macher Ali Haidar und Der Belichta

Qualitatives Essen lokaler Gastronomen trifft gemütliche Atmosphäre: Bei der Kiez Street verwandelt sich die Fleischstraße drei Tage lang in eine köstliche Meile. Organisiert von den Gastronomen Ali Haidar und Klaus Tonkaboni sowie dem Künstler Der Belichta, sprachen wir mit Ali Haidar und dem Belichta.

Hallo ihr beiden! Wollt ihr euch mal kurz vorstellen?
Ali: Yo! Ich bin Ali Haidar. Ich liebe gutes Essen. Irgendwann habe ich mir als Hobbykoch gedacht, das Ganze zu professionalisieren und eine Ausbildung als Koch zu machen. Zwei Jahre Schloss Monaise, ein Jahr Schlemmereule. Anschließend hab ich einige Jahre in verschiedenen Gastronomien als Küchenchef gearbeitet, bevor ich mich selbstständig gemacht habe.

Belichta: Der Ali ist nicht nur ein grandioser Koch, sondern auch Organisator und Geschäftsmann. Es gibt da die Story, wie er früher in der Grundschule Litschis verkauft hat, die zu dem Zeitpunkt ziemlich unbekannt waren, bis den Eltern aufgefallen ist, dass ihre Kinder ihr ganzes Taschengeld dafür ausgaben und das dann unterbunden wurde. Im Grunde genommen ist das aber genau das, was wir heute auch machen: Litschis verkaufen. Nur komplexer und im größeren Rahmen und socialmediamäßig aufgearbeitet. Hätten wir uns damals schon gekannt, hätte ich ihm vermutlich aus Karton einen Stand gebastelt, irgendeinen catchy Namen für die Sache erfunden. Uns hätte nichts aufhalten können. Wir hätten die Litschi zu der Frucht gemacht, deren Stellenwert sie heute auch haben sollte. Aber da kannten wir uns leider noch nicht. Jetzt sind die Litschis mehr Underground.

Ali: Wir haben uns 2015 kennengelernt, als ich mit dem Streetfood Market Trier angefangen habe. Ich habe relativ früh den Belichta und Steve Trappen mit an Bord genommen, weil ich gefeiert hab, was die beiden mit der Agenda191 am Moselufer gemacht haben. Die Streetfood-Geschichte ging dann danach weiter und seit Dezember 2016 habe ich mit dem Herrlich Ehrlich auch mein eigenes Restaurant, wo es libanesisch-europäische Fusionsküche gibt, also eine Kombination aus dem libanesischen Essen, das ich seit meiner Kindheit kenne, dem, was ich in meiner Ausbildung gelernt hab und mir auch selbst beibringe.

Belichta: Das ist pure Integration! Ja, und ich bin der Belichta, mache den ganzen kreativen Kram. Viele Fotos, woher auch der Name kommt, aber mittlerweile auch vermehrt zeichnerisch oder illustratorisch unterwegs. Die Texte, die man bei Facebook sieht, sind auch von mir. Also ich bin im Grunde genommen für das äußere Erscheinungsbild zuständig. Das mach‘ ich seit der Moselufer-Sache, das mach‘ ich für den Streetfood Market, für das Herrlich Ehrlich und für alle Kiez-Geschichten. Mit Miez-Kiez am Mergener Hof hat das angefangen, dann der winterliche Kraft-Kiez bei den Freunden von Kraft-Bräu …

Ali: Liebe Grüße an Klaus Tonkaboni an der Stelle, der Cheffe vom Blesius Garten und Kraft Bräu, der mit uns zum dritten Mal mittlerweile die Kiez Street veranstaltet und aus Zeitgründen nicht beim Gespräch dabei sein kann.

Belichta: Genau. Liebste Grüße! Mittlerweile machen wir den Kunst-Kiez, auf Alis wunderschöner Terrasse vorm Herrlich Ehrlich auf dem Gelände der Kunstakademie. Die Kiez-Mischpoke ist auch leider auf Ali und mich zusammengeschrumpft, da dieser Steve mittlerweile aufgrund seiner Schauspielkarriere nicht mehr die Zeit hat.

Ali: Der ist halt immer international unterwegs. Wenn man in Hongkong auf roten Teppichen rumläuft, dann hat man natürlich keine Zeit mehr, zwischendurch irgendwelche durchgesessenen Sofas in den Hof zu schleppen.

Was ist denn dieser Kiez-Gedanke?
Belichta: Ich denke, was wir machen, ist am einfachsten als Bauklotzprinzip zu erklären, was aber als Prozess gewachsen ist. Der Grundgedanke ist sonntagliches Rumgammeln bei guter Mukke an schönen Orten. Mit Ali kam dann der Gastrogedanke mit rein. Dann gibt’s so Sachen wie Flohmarkt beim TrödelKiez und so. Andere machen das vielleicht mit ähnlichen Elementen, aber das Ergebnis ist dann vielleicht uninspiriert und langweilig. Man kann ja mit den gleichen Bauklötzen komplett verschiedene Sachen bauen.

Es kommt nicht nur darauf an, diese Bauklötze zu haben, sondern wie man was damit baut. Tatsächlich kommt‘s hauptsächlich auf das Wie an. Unsere Herangehensweise … Also wir biedern uns nicht an. Wir überlegen uns nicht, was der Masse gefallen würde, sondern machen genau das, was wir gut finden und worauf wir Bock haben. Seit Ewigkeiten haben wir beispielsweise DJs, die einfach gute Musik auflegen und keinen Chart-Müll spielen. Paradoxerweise kommt aber genau das gut an. Das Wichtige ist, authentisch zu sein und das kompromisslos zu machen, wo man dahintersteht.

Ali: Genau. Ich hab‘ vom Belichta einen Grundsatz übernommen: Bevor man was schlecht macht, lässt man‘s besser bleiben. Man muss Herz in die Sache stecken. Das merken die Leute auch. Diese Liebe auch in den kleinen Dingen. Der Belichta steckt so viel Liebe und Arbeit in seine Fotos und Zeichnungen. Wenn man da halbherzig irgendwelche Handyfotos oder so nehmen würde, dann würde man das merken.

Und wie schaut‘s bei der Kiez Street aus?
Ali: Da ist das tatsächlich genauso. Wir ziehen da schon auch unser Ding durch. Handwerklich gut gemachtes Essen, eine gemütliche Atmosphäre, wo man auch mal den ganzen Tag verbringen und Leute treffen kann. Ich werde wie in den letzten Jahren neben dem Herrlich-Ehrlich-Stand wieder Sofas auf nem Teppich hinstellen. Das wird cool.

Belichta: Jeder macht seinen Stand halt auch individuell so, wie er das machen will. Ich kann mich dran erinnern, wie Ali Boussi von der Weinwirtschaft Friedrich Wilhelm im ersten Jahr seinen Stand aufgebaut hat und da etwas unglücklich drüber war, dass der nicht so spektakulär war wie andere, die sich was aus Paletten und so zusammengeschraubt hatten. Ne knappe Stunde später kam ich noch mal vorbei und dann haben die irgendwelche Schranktüren, die er irgendwo her hatte, an den Stand geschraubt. Er war richtig motiviert und hatte echt Spaß daran, Sachen kreativ zweckzuentfremden und zu improvisieren. Der hatte dieses Kiez-Konzept so schnell verinnerlicht! Genauso haben wir‘s beim MiezKiez auch immer gemacht. Aus der Not heraus. Aus wenig viel.

Ali: Bei der Sache mit dem Altstadtfest insbesondere kann man natürlich nicht nur improvisieren. Das ist planungs- und aufbaumäßig ja schon ne Leistung; dadurch, dass wir so viele komplexe Essensstände haben, die alle mit verschiedene Geräten kommen und Strom brauchen. Deshalb sind wir auch so froh, dass Klaus Tonkaboni mit dabei ist, der da wirklich extrem gut organisiert ist. Wir zwei Kreativ-Chaoten haben mittlerweile auch einiges an Erfahrung und so.

Aber Klaus ist da echt Profi und hat echt viele gute Leute hinter sich. Da sind wir doch ne sehr gute Gruppe! Der Klaus ist ja auch ein klasse Gastronom und ein guter Dude. Außerdem hat der Blesius Garten auch einige Jahre schon seinen festen Platz in der Fleischstraße, bevor wir überhaupt im Entferntesten daran gedacht haben, auf dem Altstadtfest was zu machen. Wir machen ja fast ne Gegenveranstaltung innerhalb der Veranstaltung. An der Stelle ganz liebe Grüße an die ttm, die Trier Tourismus und Marketing GmbH! Da arbeiten ganz liebe, entspannte, motivierte Menschen! Wir schätzen uns glücklich, dass die Bock auf unseren Kram in dem Rahmen haben.

Belichta: Speziell musikalisch ist das bei uns ja auch Kontrastprogramm zum Rest des Altstadtfests. Wir hatten ja die letzten zwei Jahre sogar Live-Rap von den Porta-Supporta-Jungs. Das war so ne Aus-Prinzip-Nummer. Aber vom Platz und so her ist die Fleischstraße da leider weniger geeignet. Wir werden dieses Jahr aber wieder ne gute Ansammlung an guten DJs haben. Hip-Hop, Funk, Disco, Reggae … alles Mögliche. Einfach nur gute Musik. Ich hab die letzten Jahre da so viele positiven Zusprüche gehört. Das war davor zwischen all den Played-Out-Hits und Cover-Bands undenkbar. Bei uns ist Summer-of-69-freie Zone!

Ali: Konzeptuell ist die Kiez Street aber auch anders aufgebaut vom Essensangebot. Es geht primär um Trierer Gastronomen und da auch um die, die gar nichts mit Streetfood am Hut haben. Das ist dann interessant zu sehen, was bei rumkommt. Auch für die Besucher ist es interessant, dadurch Restaurants kennenzulernen. Beispielsweise haben vermutlich die wenigsten Altstadtfestgänger beim Becker‘s gegessen. Und wenn man bei uns dann von Sternekoch Wolfgang Becker was bekommen kann, ist das ja ne super Sache, kulinarisch seinen Horizont zu erweitern.

Belichta: Außerdem ist es für uns Underground-Litschis auch cool, neben all den Birnen und Bananen mitten in der Innenstadt was zu machen. Die Fleischstraße ist schon ein verdammt schöner Ort, wenn – wie vorletztes Jahr beispielsweise – sonntagmittags mitten in der Fußgängerzone 2zg-Beats von dEnk & Hentzup durch die Straße hallen, während die Kinder rumtollen, man Leute trifft und es überall leckere Sachen gibt.

Und was gibt’s dieses Mal für leckere Sachen?
Ali: Die werden wir noch zeitnah auf unserer Streetfood-Market-Trier-Facebook-Seite vorstellen, aber es sind einige Bekannte dabei, die aber auch wieder neue Dinge kochen sowie Neue, die neue Dinge kochen. Yamamoto‘s eleven vom anderen Ende der Fleischstraße ist beispielsweise ein Neuzugang! Natürlich ist der Blesius Garten vom Klaus und mein Herrlich Ehrlich dabei. Zu trinken gibt’s natürlich auch qualitativ Gutes: Kraft-Bräu natürlich, aber auch Wein und Cocktails. Wird für jeden was dabei sein!

Inwiefern entwickelt sich allgemein die Gastro-Szene der ältesten Stadt Deutschlands gerade?
Belichta: Ich denke, den meisten dürfte aufgefallen sein, dass sich da seit einigen Jahren was getan hat. Wir haben eine ziemlich breite Auswahl und vor allen Dingen auch einige junge Gastronomen, die wirklich qualitativ hochgradig abliefern. Der Daddy ist so ein Paradebeispiel. Ich bin jedes Mal so geflasht, wie wahnsinnig gut dem seine Burger schmecken. Der macht halt vollkommen kompromisslos sein Ding und eckt vielleicht bei manchen damit an, wird dafür aber von vielen gefeiert. Vollkommen zu Recht.

Ganz nebenbei bin ich da ja mit Fotos involviert und hab jetzt vor Kurzem seine neue Karte gezeichnet. Ich kenne Dennis seit 191-Zeiten und tatsächlich war das erste Mal, dass er die Burger für die Öffentlichkeit gegrillt hat, auf einer gemeinsamen Veranstaltung von uns, die „Gott sei Funk“ hieß. Abends Party im Miez-Keller, aber davor Rumhängen im Hinterhof mit DJ und Daddy-Premiere. Das war die Blaupause vom Kiez. Ich glaube, ein bis zwei Wochen später war der erste Miez-Kiez. Und spätestens, als der Daddy mit seinem Donut-Burger beim Streetfoodmarket war, ging das total durch die Decke.

Ali: In gewisser Weise waren oder sind wir so ne Art Katalysator für so frische Gastrokonzepte, ohne dass das zu sehr nach Eigenlob klingen soll. Wir machen die ja nicht groß. Das machen die schon selbst. Anderes Beispiel: Bei der ersten Kiez Street hat Chicanos bei uns auch Premiere gehabt, Southern-Cali-Küche, grandioses, frisches, anderes Essen. Vor Kurzem hat der seinen Laden aufgemacht, wo man unbedingt hingehen sollte. Eine absolute Bereicherung für die Trierer Gastro-Szene. Und es gibt auch voll das Miteinander unter den Gastronomen. Also es gibt halt wirklich eine Szene.

Und wie schaut‘s explizit mit der Entwicklung von Streetfood aus?
Ali: Also wir nutzen das hier mal, um uns von anderen Anbietern, die in Trier Streetfood Festivals veranstalten, zu distanzieren.

Belichta: Ich glaube, der Hype ist vorbei, reine Streetfood-Märkte sind aus intrinsischen Gründen uninteressant geworden und dass jetzt letztes Jahr eine Agentur aus Saarlouis, die die Streetfood-Veranstaltung in Saarbrücken seit Jahren macht, hier eine macht und lustigerweise ein Jahr später die riesige Streetfoodfestival-Firma aus Magdeburg, die wirklich in jeder Stadt Schema-F-Veranstaltungen macht, „im schönen Ambiente des Messeparks“ noch dazukommt, ist für mich ein klares Zeichen für eine uncoole Kommerzialisierung und ein letzter Versuch, daraus noch möglichst viel herauszuquetschen, bevor das Konzept wirklich tot ist.

Das ändert nichts daran, dass Streetfood immer noch ne gute Sache ist. Was ist die Alternative? Niemand will mehr schlechte Imbissbuden. Aber wir glauben, dass da veranstaltungsmäßig mehr sein muss. Deswegen legen wir seit jeher immer Wert auf gute Musik. Bei fast jeder größeren Veranstaltung hatten wir Leute vom Gefüge da, also vom 2zg, dem Saarbrücker Hip-Hop-Kollektiv, das seit Jahren großartige Musik rausbringt. Wir haben also mehr für die Saarbrücker Kultur gemacht als die Veranstalter des Streetfood Festivals Saarbrücken. Und deswegen machen wir auch so was wie TrödelKiez oder die Kiez Street. Unsere Motivation war es immer, Trier lebenswerter zu machen.

Letztendlich sollte sich jeder Konsument als kleiner Aktionär sehen. Wo investiere ich mein Geld rein? Wenn ich eine lebendige Stadt mit vielen Geschäften will, dann kauf ich mein Buch bei Gegenlicht, statt es bei Amazon zu bestellen. Wenn ich einen Impuls an die unsäglichen Zustände in der Modeindustrie setzen will, dann geh ich nicht zu ner Modekette, sondern in den Flax. Und wenn ich eine gastronomische Vielfalt mit regionalen, qualitativ guten Produkten will, dann unterstütze ich die Trierer, die mit Herz dabei sind und gehe nicht zu irgendwelchen Ketten. Jeder muss selbst wissen, in was für einem Trier er leben will. Aber wenn das Gras auf dem Dorfplatz totgetrampelt ist, dann zieht der Wanderzirkus eben weiter. Die Underground-Litschis bleiben aber.

Aktuelle Infos und die Teilnehmer der Kiez Street gibt's auf
facebook.com/streetfoodmarket.trier

Wen es darüber hinaus interessiert, was die Macher sonst so machen:
Ali Haidar: herrlichehrlich-trier.de · instagram.com/herrlich_ehrlich_trier
Klaus Tonkaboni: blesius-garten.de · kraftbraeu.de
Der Belichta: facebook.com/DerBelichta · instagram.com/der_belichta