Nach 2019 öffneten sich nun endlich wieder die Tore der Messe Köln: Die Gamescom begrüßte dieses Jahr erneut Massen an Fans von Videospielen – was für eine Sause. Auch wenn die Stimmung im Vorfeld etwas gedämpft war, weil sich viele große Publisher nicht blicken ließen, war es dennoch eine gute Messe. Ja, es war anders als sonst, aber dennoch eine gute Messe. Nicht herausragend, aber auch keine Katastrophe. Die Hallen waren leerer, manche sogar ganz geschlossen. Und doch kamen sehr viele Besucher:innen von überall her, um ihre Passion zu feiern.
Und das Fehlen der großen Publisher wie Nintendo, Sony, EA und wie sie alle heißen, hatte auch seine guten Seiten: Denn so konnte unser Fokus viel besser auf kleinere Studios wandern, die wir vielleicht sonst übersehen hätten. In unserem etwas anderen Bericht bekommt ihr die Besonderheiten dieser Messe präsentiert – alles ganz subjektiv. Erfahrt, was meine beiden Kollegen Georg Bernardy, Christopher Weber und mich besonders bewegt hat.
Das schönste Gefühl
Endlich wieder in den Hallen der Messe Köln unterwegs zu sein. Für Christopher Weber (Chris) war es das erste Mal. Obwohl es diesmal wirklich anders war als früher, entflammte in Chris die gleiche Leidenschaft wie in Georg und mir. Einzigartige Stimmung, motivierte Entwickler und viele interessante Ideen. Die Zeit in Köln hat immer etwas Magisches.
Die beste Präsentation
Ein wunderschöner Alptraum: Wenn die Gamescom mehr Präsentationen wie die zu Killer Klown from Outer Space: The Game hätte, wäre ich im Paradies. Es fing bereits beim Setting an: Inmitten des Business Bereichs steht dieses gelb-rot gestreifte Zirkuszelt bei Cosmocover. Begrüßt werden wir von zwei äußerst motivierten Entwicklern des Spiels: „Wollt ihr Popcorn und was zu trinken?“. Klar wollen wir. Was wir dann eine halbe Stunde zu sehen und hören bekommen, ist ein reiner Genuss. Dabei ist es nicht einmal das Spiel, das viel Potenzial hat, sondern die Art und Weise, wie diese beiden netten Typen hinter ihrem Projekt stehen. Der asymmetrische Multiplayershooter (7 gegen 3) hat sehr viele frische Ideen, die echt Spaß machen könnten. Aber wie die beiden Präsentatoren miteinander agieren, sich ergänzen, Späße machen und die Leidenschaft übermitteln, ist genial. Ich habe jetzt schon Lust drauf als außerirdischer Clown Jagd auf Zivilisten zu machen. Ganz großes Kino, Jungs!
Die schönste Erkenntnis
Es gibt Publisher, die machen Spiele anscheinend immer noch, um Freude zu vermitteln und nicht nur, um ihre Geldbeutel zu füllen. Eigentlich sollte das immer der Antrieb sein, doch manche Studios haben sich zu gierigen Geldkraken entwickelt. Free-to-play-Modelle und gigantische Pay-Walls sind heutzutage keine Seltenheit mehr. Sogar Vollpreisspiele enthalten Mirkotransaktionen, die noch mehr Geld aus den Spieler:innen rauspressen wollen. Und dann gibt es Studios und Publisher wie HandyGames. Das Motto: „Wir machen Spiele, um kreative Spielideen zu verwirklichen“, trifft hier den Nagel auf den Kopf. Hier ist nichts Free-to-play, aber dafür auch free-of-Ingame-pay. Alle Neuankündigungen von HandyGames – von Perish (mehr dazu im Abschnitt „Die härtesten Klänge“), A Rat's Quest oder Wrecking Fest für mobile Endgeräte – sind rein auf Spaß ausgelegt. Möglichst auf allen Plattformen sollen alle Spieler glücklich gemacht werden. Und das nehmen die Damen und Herren von HandyGames verdammt ernst. Gut so! Mehr davon!
Der größte Adrenalinschub
Als ich den Butcher in Dead Island 2 besiegt habe. Diese packende Demo, die euch direkt in die Urlaubshölle voller Zombies wirft, hat mich von Anfang bis Ende mitgerissen. Dass ich dann am Ende wirklich die Demo gepackt habe, hat sogar die Entwickler entzückt. Denn nur eine Handvoll anderer Journalisten haben das gleiche gepackt. Eigenlob stinkt zwar, aber ich war echt im Flow und habe es krachen lassen. Jetzt will ich mehr. Doch bis zum Release im Februar muss ich noch etwas warten.
Der innovativste Stand in der Consumer Area
Das war überraschend: TikTok hat mich in die Luft gehen lassen – im wahrsten Sinne des Wortes. Als menschlicher Greifer durfte ich mich in ein Bad aus Schaumwürfeln begeben und nach Schätzen graben. Coole Idee, um ins Rampenlicht zu rücken. Danke!
Der größte Wow-Effekt
Dass VR-Games immer besser werden – wenn ihr die richtige Hardware nutzt. So hat mich Hubris wieder einmal gelehrt, wie viel Spaß es macht einen fremden Planten zu erkunden: Schwimmen, klettern, entdecken – alles komplett immersiv. Und Chris erkannte in After the Fall, dass virtuelles Ballern mit VR-Brille unglaublich intuitiv und unterhaltsam ist.
Die härtesten Klänge
Erkenne ich da einen kleinen Trend? Rockige Musik kombiniert mit brutaler Action scheint derzeit sehr in Mode zu sein. Marketing technisch ist Metal: Hellsinger in aller Munde: Je mehr ihr euch hier im Rhythmus der Beats durch die Hölle schnetzelt, desto mehr Punkte erhaltet ihr. Dabei gibt es Metal Songs von sehr bekannten Künstler:innen, was große Aufmerksamkeit generiert. Auch das Konzert auf der Gamescom sollte dem Bekanntheitsgrad des Spiels gutgetan haben. Wie es sich am Ende schlägt, erfahren wir in ein paar Monaten. Aber ein weiterer, nicht so bekannter Kandidat könnte euch echt gefallen, wenn ihr auf Metal und Action steht: Mit Perish hat HandyGames ein heißes Eisen im Feuer. Griechische Mythologie trifft auf zerstörerische Waffen und einen knallharten Soundtrack – und das schon sehr bald.
Das ambitionierteste Spiel
Ein Besuch bei Team17 ist immer erfrischend – und damit meine ich nicht nur den herrlichen Cold Brew Coconut Kaffee. Die Spiele des Publishers sind immer mal wieder etwas anderes und stechen aus der Masse hervor. Moving Out 2 könnte wieder einmal ein Party-Kracher werden. Aber ziemlich viel vorgenommen haben sich die Entwickler:innen des Spiels Gord. Optisch erinnert das Ganze auf den ersten Blick an Warhammer. Aber laut einiger Kreativköpfe flossen hier Ideen aus etlichen Spielen hinein: Crusader Kings, Age of Wonders, Witcher, Frostpunk und Rim World in einem Game. Ja, das klingt ziemlich überwältigend. Ob dieses Konzept aufgeht, werden wir erst nächstes Jahr erfahren. Hoffen wir mal, dass die Entwickler:innen sich da den Teller nicht zu voll gemacht haben.
Das nachdenklichste Spiel
Klimakatastrophe, Wasserhochstand und das Ende der Zivilisation – um nichts weniger geht es bei Floodlands. Trotz der schweren Kost geht es hier dennoch unterhaltsam zu. Die Endzeit-Simulation versrtzt euch in die Haut von Menschen, die einen Neuanfang wagen wollen. Dazu müsst ihr euch geschickt anstellen und überleben. Immer wieder stellen euch die Entwickler:innen dabei vor harte Entscheidungen, die euch zum Nachdenken animieren. Ein richtig oder falsch gibt es nicht, wenn ihr beispielsweise entscheiden sollt, wem ihr eine Ration streichen müsst. Doch jede Entscheidung hat seine Auswirkungen. Spannende Sache, die da Ende des Jahres auf uns zukommt.
Stärkstes Line-up
Bei dieser Frage gehen unsere Meinungen auseinander. Laut den Gamescom Awards hatte Plaion (ehemals Koch Media) das stärkste Line-up – was ich auch unterschreiben würde. Bei Plainon gab es so viele starke Titel, dass ich nicht alle aufzählen kann. Es fing jedoch bei Überraschungen wie Dead Island 2 an, ging zu The Chant oder Floodlands, bog bei After the Fall oder The Last Oricru ab und endete beim irrwitzigen Goat Simulator 3. Aber auch THQ Nordic samt HandyGames ließ sich nicht lumpen. Da hatten wir Familienunterhaltung wie das neue Spongebob, aber auch Gruseltitel wie Alone in the Dark. Perish zeigt sich ebenfalls düster, aber auch sehr rockig. Auf das Gothic Remake warten sicherlich sehr viele – vielleicht genauso sehr wie auf Outcast 2 oder Jagged Aliance 3. Und dann wäre da noch Bandai Namco, die zwar meist Fortsetzungen bekannter Titel hatten, wie Dragon Ball, The Dark Anthology oder One Peace, aber auch neue IPs wie Lego Brawler. Ihr fragt euch, wer bei diesen Line-ups gewonnen hat? Ganz klar: Wir Gamer!
Frischeste Souls-Kost
Hier könnte ich seitenlang was schreiben. Denn wie mein Kollege Chris es so treffend ausgedrückt hat: „Sobald man Third-Person spielt und eine Dodge Roll kann, nennt es sich Souls-like.“ Das scheint auf viele Titel zuzutreffen. Das soll aber nicht heißen, dass es schlechte Spiele sind. Nur hätten wir einige davon vor ein paar Jahren in ein anderes Genre einkategorisiert. Sei's drum. Steelrising von Nacon ist aber tatsächlich so ein Souls-like. Wenn wir unseren aus Maschinenteilen bestehenden Hauptcharakter durch die Zeit der französischen Revolution steuern, kommen schon sehr viele Souls-Vibes auf.
Noch einzigartiger wirken jedoch die Ideen von Flintlock. Das actionreiche Gameplay samt Fantasy-Setting, niedlichem Pet und mächtigen Zaubersprüchen machte einen packenden Eindruck. Wir können kaum erwarten, uns demnächst selbst in diese Welt stürzen zu dürfen. Etwas steifer hingegen kam Evil West daher: In einem alternativen Cowboy-Setting müssen wir die Welt dort vor Dämonen retten. Allerdings kam uns die Bewegungsfreiheit sehr beschränkt vor, was sich am fertigen Produkt aber noch ändern könnte.
Ein weiterer Hoffnungsträger, in den sehr viel Leidenschaft geflossen ist, wäre The Last Oricru. Als Ritter müssen wir hier das Böse bekämpfen. Dabei stapft das Spiel eindeutig in die Fußstapfen von Dark Souls. Erst der finale Release wird zeigen, über welche Alleinstellungsmerkmale das Spiel verfügt. Spielerisch und grafisch machte es jedenfalls schon mal einen sehr gelungenen Eindruck. Die meisten Auszeichnungen hat jedoch ein anderes Spiel auf der diesjährigen Gamescom eingeheimst: Lies of P überzeugte das Publikum durch die brachiale Art und den ansprechenden Artstyle. Wo sonst können wir als Roboter-Pinocchio durch ein düsteres Setting laufen und Bösewichte vernichten?! 2023 könnt ihr euch selbst davon überzeugen.
Beste Familienunterhaltung
Also hier gab es eine Menge Spiele für die ganze Familie oder Party-Abende. Besonders der Besuch bei Jackbox war äußerst überraschend: Mit der Jackbox 9 bringen die kreativen Köpfe des Studios wieder einmal fünf absurd-unterhaltsame Spiele auf den Markt. Gemeinsam mit zwei Entwicklern durften wir unsere Smartphones zücken und an einem nicht ganz so ernst gemeinten Intelligenztest teilnehmen – ein Heidenspaß. Wer es etwas bodenständiger mag, der schaut sich bei Microids um: Hier wartet ein neues Asterix und Obelix-Abenteuer auf abenteuerlustige Spieler:innen. In die Fußstapfen von Mario Kart schlüpfen die Schlümpfe mit ihren Karts. Das werden ein paar heiße Runden im Winter werden.
Steinigster Weg zum Erfolg
Auch in diesem Jahr haben Entwickler von der Lego Lizenz wieder ein paar interessante Konzepte umgesetzt. Da wäre beispielsweise Thunderful mit Lego Bricks. In diesem Puzzle-Bau-Simulator müsst ihr eure Lego Steine so anordnen, dass ihr die vorgegebenen Rätsel lösen könnt. Dabei ist Fingerspitzengefühl und gute Ideen gefragt. Etwas brachialer geht es bei Lego Brawls zu. In dem Online-Prügel-Spiel von Bandai Namco erstellt ihr eure eigenen Figuren und schlagt euch damit wortwörtlich durch die bunte Lego Welt. Klingt nach ein paar spaßigen Abend für mich und meine Jungs.
Blutigste Schlachtplatte
Da brauche ich nicht lange zu überlegen: Bei Dead Island 2 wird es wohl sehr knapp mit der USK-Freigabe. Denn in dem Zombie verseuchten L.A.-Urlaub bleibt keine Gliedmaße auf der anderen. Ähnlich blutig geht es bei The Callisto Protocol zu. Dabei orientierten sich die Macher eindeutig an Dead Space und mischten es mit eklig aussehenden Alien-Wesen. Nichts für schwache Nerven.
Persönliche Highlights
Chris: Für Chris war es in diesem Jahr die erste Gamescom – dementsprechend überwältigend waren die Eindrücke. Was die Termine mit Entwicklern angeht, ist Chris‘ Favorit eindeutig Warhammer: Rogue Trader. Nach seinem einstündigen Termin mit den Entwicklern musste man ihn regelrecht aus der Kabine herauszerren, weil sowohl die Entwickler als auch er in einer regen Diskussion rund um Inhalte vertieft waren. Aber auch das Thema VR steht bei Chris hoch im Kurs: Spiele wie Hubris oder After the Fall sorgten für Begeisterungsstürme.
Georg: Auch für Georg gab es dieses Jahr einige Überraschungen, die wir sonst vielleicht nicht auf dem Schirm gehabt hätten. Ein Highlight war die Präsentation von Killer Klowns from Outer Space: So viel Herzblut bei der Entwicklung ist einfach ansteckend. Wir haben jetzt schon Lust auf das fertige Spielchen. Außerdem findet Georg Souls-Nachschub nie schlecht: Für ihn steht Steelrising ganz oben auf seiner to-Do-Liste. Den krönenden Abschluss bildete das Konzert zu Metal: Hellsinger samt Anspieltermin. Rockige Sounds und brachiale Action – das passt.
Matthias: Grundsätzlich teile ich die Auffassung meiner beiden Kollegen. Aber auch andere Spiele haben es mir angetan. Den Adrenalinschub bei meiner Anspiel-Session zu Dead Island 2 samt Erfolgserlebnis werde ich so schnell nicht vergessen. Aber auch die Entscheidungen bei Floodlands regten mich zum Nachdenken an. Das Spielchen behalte ich definitiv im Auge. Und auf die Blödeleien in Goat Simulator 3 habe ich auch mal wieder richtig Lust – sofern sich ein paar Kolleg:innen bereiterklären mit mir gemeinsam im Couch-Koop-Modus zu spielen. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste (dann etwas größere) Gamescom!