Konzert

„Wir hatten viel Schiss vor dem Leben“

AnnenMayKantereit im Lifestyle-Interview

Nach dem Nummer-Eins-Erfolg mit dem ersten Album „Alles nix Konkretes“ veröffentlichten die vier Indie-Pop-Jungs im Dezember ihre zweite Platte „Schlagschatten“. Am 09. April kommt die Band in die Arena Trier. Wir unterhielten uns mit Henning May und Christopher Annen.

In einem vorherigen Interview solltet ihr Onlinebeleidigungen gegen euch vorlesen und kommentieren. Ihr seid eine Band, die von Beginn an polarisiert hat. Macht euch Schmähkritik im Netz zu schaffen?
Christopher Annen: Meistens stehen wir darüber. Mit einem „Ihr beschissenen Spießer, kommt mal auf euer Leben klar“ komme ich zurecht.
Henning May: Ich finde es härter, im echten Leben gedisst zu werden. Malte und ich haben, nachdem uns Monchi von Feine Sahne Fischfilet dazu ermuntert hat, 2017 bei „Rock am Ring“ auf der Bühne rumgemacht und uns geküsst. Das Video ist das mit Abstand meistkommentierte auf unserem Instagram-Channel und teilweise sind die Kommentare absurd scheiße, aber das ist nicht das Problem.

Sondern?
May: Übel ist, wenn ich in einem Café sitze, jemand geht vorbei und sagt so beiläufig, aber dass man es hört „Schwule Sau“. Man will demjenigen auf die Fresse hauen, aber dann denkt man „Ist das übertrieben?“ Gleichzeitig bin ich blockiert, weil ich den Schmerz, der bei echter Diskriminierung stattfindet, gar nicht nachempfinden kann.
Annen: Homophobie ist überhaupt ein großes Thema für uns als Band. Weil viele Leute sich homophob gegenüber uns äußern.

Warum eigentlich?
May: Weil wir sehr gefühlvolle junge Männer sind. Weil wir viel über die Liebe singen und Lieder schreiben wie „In meinem Bett“, wo es nicht darum geht, zu bumsen, sondern zu kuscheln und zu schmusen. Ganz viele junge Männer werden so erzogen, dass man nicht schmust.
Annen: Und wenn man sowas mag, gilt man in diesen Kreisen eben als schwul.

Hattet ihr den Kuss eigentlich vorher geübt?
May: Nee. Aber wir sind jetzt keine Jungs, die niemals einen Jungen küssen. Für uns ist es nicht nachvollziehbar, wie man Homosexualität überhaupt abwertend und negativ sehen kann.

Ist bei den Leuten, die solche und andere Themen abfällig bis abstoßend kommentieren, noch was zu retten?
May: Ich glaube nicht, dass man die Leute erziehen kann. Das wollen wir auch nicht. Auch Bitte-wählt-keine-AfD-Aufrufe sind nicht unsere Art. Wir wollen lieber sagen und zeigen, wofür wir sind. Was wir gut finden. Und was wir tun können, ist zu verdeutlichen, dass wir emotionale Männer sind. Wenn ein Junge in der Schule vielleicht denkt „Die sind cooler als Farid Bang“, dann ist das auch nett.
Annen: ich finde es schön, wenn Leute, die homosexuell sind, aus solchen Momenten einen kleinen Funken Bestärkung mitnehmen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Henning, wohnst du noch in deiner Vierer-WG auf 12m²?
May: Ich bin umgezogen innerhalb der Wohnung. Jetzt habe ich vier Quadratmeter mehr. Einer ist ausgezogen und ich bin in sein Zimmer gegangen. Aus meinem alten Zimmer haben wir ein Klavier-Playstation-Zimmer gemacht. Wir verdienen inzwischen genug Geld, dass wir uns den Luxus dieses Wohnzimmers gönnen.

Christopher, kein Interesse, dort einzuziehen?
Annen (lacht): Danke, ich bin gut versorgt. Ich lebe mit meiner Freundin zusammen.

Besser als auf „Alles nix Konkretes“ scheint es mit den Frauen zu laufen, Henning. Statt Trennungslieder wie „Pocahontas“ gibt es nun gleich einige Glücklich-verliebt-Songs wie „Nur wegen dir“. Entspricht das deiner privaten Situation?
May: Sagen wir so: Weil ich ein ganz besonderes Glück erlebt habe, mich zu verlieben, habe ich mich textlich auch stärker getraut, das zu verarbeiten. Beim ersten Album hatten es mir die Umstände der damaligen Liebesbeziehung sehr schwer gemacht, die wenigen positiven Dinge zu sehen. Dadurch, dass diesmal mein Glück sehr ungetrübt war, hatte ich das Bedürfnis, mir dieses Glück auch selbst zu erklären. Abgesehen davon habe ich ein emotionales Limit, was traurige Songs angeht. Auf der Bühne erschöpft sich das irgendwann. Deshalb habe ich schnell ein paar glückliche Lieder geschrieben, als ich selbst auch glücklich war.

Auf dem Single-Cover von „Schon krass“ taucht ihr im Pool und reicht euch den Joint rüber.
Annen: Ein Bild, dass ab einem bestimmten Punkt die Droge über allem steht. Im Nachhinein kann man schon sagen: Wir haben zu viel Gras geraucht, ohne uns das einzugestehen. Wir dachten, so ist das, wenn man jung ist und Rock‘n‘Roll macht. Aber wir hatten auch einfach viel Schiss vor dem Leben.
May: Ich schreibe diese Lieder nicht über mich, sondern für mich. Ich will mich nicht erklären nach dem Motto „Hey, ich bin Henning, habe viele Probleme, bin melancholisch und Kettenraucher“. Sondern ich schreibe sie, um mir zu helfen, mich selbst besser zu verstehen.