Es kam mir schon reichlich verdächtig vor, dass ich vor dem Release von „Agony“ aus den polnischen MadMind Studios wenig bis gar kein Gameplay zu sehen bekommen habe. Immer wieder fokussierten sich die Ankündigungstrailer auf den Horror, der dort stattfinden wird: Eine verlorene Seele, die auf der Suche nach Erlösung Höllen-Qualen durchleidet und zusätzlich noch von anderen Bewohnern in diesem dreckigen Joch der Verzweiflung die Kontrolle übernimmt – klingt jedenfalls mal interessant. Außerdem machte sich im Vorfeld noch eine Diskussion über die Zensierung mancher Szenen breit, in der die Meinungs- und künstlerische Freiheit den Vorrang erhalten sollte – es ging um die Darstellung von Gedärmen und Geschlechtsteilen. Wie dem auch sei …
Ein steiniger Weg zur Erlösung
Also dann: Mit diesem Vorwissen ging es für mich auf den Höllentrip – und es sollte wahrlich einer werden. Zu Beginn landen wir im besagten Höllenreich, wo eine rote Göttin ein strenges Regime führt. Als verlorene Seele ist es nun unsere Aufgabe, die Dame zur Rede zu stellen, herauszufinden, warum wir überhaupt dort sind und letztlich aus diesem Alptraum zu entkommen. Das ist leichter gesagt als getan – aus mehreren Gründen.
Zunächst einmal wären da natürlich die spielerisch angedachten Hürden, die man nehmen muss: Euer Charakter hat keine Chance sich zu wehren. Wenn also ein gehörnter Dämon in eure Richtung schlendert, versteckt euch besser. Sonst heißt es „Game Over“ – oder nicht ganz. Denn sobald ihr brutal zermetzelt wurdet, darf sich eure Seele einen neuen Wirt suchen, sofern einer in der Nähe ist.
Ist dies nicht der Fall, heißt es nun wirklich „Game Over“. Anderenfalls übernehmt ihr einfach die Kontrolle über den nächsten Gepeinigten, der dort herum kreucht. Soviel zu den gewollten Hindernissen, die euch das Vorankommen schwer machen. Es gibt aber noch weitere Problemzonen, die sich als Hürde erweisen könnten…
Fifty Shades Of Dark
Da wäre diese unendliche Dunkelheit, durch die ihr euch schlagen müsst. Schon relativ zu Beginn kommt ihr in ein Labyrinth aus Monstern, Irrwegen und stockdunkeln Ecken. Einen Wegweiser? Gibt es nicht. Nur ein paar Mal dürft ihr kleine Lichtkugeln verwenden, die euch die weitere Route grob anzeigen. Aber selten habe ich ein Spiel so dunkel erlebt, wie „Agony“.
Erst nachdem ich mein Zimmer komplett abgedunkelt habe und den Gamma-Regler aufs Maximum gedreht hatte, konnte ich mich durch diese Schatten halbwegs orientiert bewegen. Hinzu kommt, dass ich nicht so richtig blicke, was ich eigentlich zu tun habe. Hier und da kann ich ein paar Leichenteile einsammeln: Was ich damit anstellen kann? Keine Ahnung.
Erst am Ende des Irrgartens zeigt sich, dass ich diese Teile brauche, um das nächste Verließ zu öffnen. An dieser Stelle habe ich mich bereits gefragt, ob ich das wirklich will … Die Qualen gehen weiter: Irgendwie haben es sich die MadMind Studios vorgenommen, den Spieler vor dem Bildschirm ebenfalls ein Stück weit in die Hölle zu ziehen, indem man auf hilfreiche Tipps verzichtet und zudem auf immer wieder gleich aussehende Levelabschnitte setzt.
Die Orientierung habe ich bereits vor Stunden (oder waren es nur Minuten) verloren. Was ich machen muss, ist mir ebenfalls nicht ganz klar. Also irre ich durch diese merkwürdigen Kammern mit den Folterinstrumenten und sammle ein, was ich in die Finger bekomme. Für irgendwas muss es ja gut sein, oder?
Neben den spielerischen Defiziten macht auch die Grafik einen lediglich durchschnittlichen Eindruck: Manchmal laden sich Texturen viel zu spät, was den eigentlichen angedachten Horror schnell vergessen lässt. Angesichts dieser Präsentation war die eingangs erwähnte Diskussion über die Freiheit künstlerischer Gestaltung nun wahrlich nicht nötig.
Fazit
Machen wir dem Ganzen ein Ende: „Agony“ bezieht seinen Horror nicht aus seiner Geschichte oder dem angedachten Survival-Element, sondern vielmehr aus der katastrophalen Spielmechanik, die sämtliche bekannte Spielmechaniken auf irre Weise gegen den Strich bürstet. Das könnte ja im Grunde auch unterhalten, wenn es gut gemacht oder zumindest halbwegs nachvollziehbar wäre.
Doch die anscheinend immer wieder neue Verteilung der Regeln ohne jegliche Hilfsmechanik (Tipps, Karte, Missionsbeschreibung usw.) lässt auch den Spieler vor dem TV Höllenqualen erleiden, wenn überhaupt etwas dabei sieht. Ein halbes Jahr hätten die MadMind Studios ruhig noch in die Entwicklung stecken können. So werden sich wohl sehr wenige diesem Abenteuer stellen.
Erhältlich für: Xbox One, PS4, PC
Website: madmind-studio.com