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Apartment No 129

Wenn Urban Legend auf Indie-Budget trifft.

Apartment No 129 klingt wie der Titel einer True-Crime-Doku, und genau das ist Absicht: Das Spiel beruft sich auf eine türkische Urban Legend um zwei Mädchen, die 2009 ein Ritual in einem Hochhaus durchführten und auf mysteriöse Weise starben. Ihr spielt Emir, einen YouTuber, der solche Geschichten jagt und natürlich alleine in das seitdem verriegelte Gebäude stapft – was soll da schon schiefgehen?

Starke Vorlage, gutes Grundgefühl

Die ersten Minuten sitzen. Eine FMV-Echtfilmsequenz erzählt den Vorfall und fühlt sich angenehm „low budget, aber bemüht“ an, bevor ihr in die Ego-Perspektive in einem schmutzigen, stillen Treppenhaus geworfen werdet. Flackerndes Licht, verschmierte Wände, Türen mit seltsamen Symbolen, später Räume voller unter weißen Tüchern verhüllter Figuren oder ein einzelner blutender Schädel im Türrahmen – visuell bringt Apartment No 129 viele kleine Bilder, die hängenbleiben.

Akustisch legt das Spiel noch eine Schippe drauf: knarzende Dielen, metallisches Scheppern, plötzliche Schreie und das dumpfe Wummern irgendwo hinter den Wänden treiben euch zuverlässig die Schultern hoch. Über weite Strecken seid ihr allein mit Taschenlampe in fast kompletter Dunkelheit unterwegs, was in den besten Momenten genau die Art klaustrophobische Spannung erzeugt, die man von so einem „Single Location Horror“ erhofft.

Erkunden, lesen, erschrecken – und kämpfen

Spielerisch mischt Apartment No 129 klassisches First-Person-Walking-Sim-Horror mit leichten Adventure- und Survival-Elementen. Ihr durchsucht Wohnungen, Keller, Flure; lest Notizen, die nach und nach erklären, was 2009 angeblich passiert ist; löst ein paar Safe-Kombinationsrätsel und Fallout-4-artige Schlösser, und schiebt Kisten oder andere Objekte, um an höher gelegene Stellen zu kommen.

Viel mehr Mechanik steckt nicht dahinter – es ist kein System-Monster, eher ein atmosphärischer Spaziergang mit gelegentlichem „Aha, die Kombination stand schon im letzten Brief“-Moment.

Komische Spielmomente

Theoretisch spielt auch Ressourcenmanagement eine Rolle. Die Taschenlampe frisst Batterien, die begrenzt sind, und ihr sollt vorsichtig sein, damit ihr nicht im Dunkeln steht. Praktisch ist diese Idee halbgar umgesetzt: Auf manchen Plattformen (etwa der Xbox-Version) ist die Lichtbalance so verunglückt, dass ihr die Lampe praktisch permanent anhaben müsst, um überhaupt etwas zu sehen – während gleichzeitig ein Workaround existiert, der das System ad absurdum führt, weil ihr die Pistole mit eingebautem Licht fast durchgehend als kostenlosen Ersatz nutzen könnt. Das nimmt dem Konzept jede Spannung.

Dazu kommen Kampfeinlagen gegen Kreaturen und „harte, furchterregende Charaktere“, wie der Story-Text es nennt. Leider ist das Kampfsystem einer der schwächsten Aspekte: Trefferfeedback ist schwammig, Trefferregistrierung ungenau, Nahkämpfe fühlen sich wie wildes Schwenken an, ohne Gefühl für Distanz oder Wucht, und selbst mit Schusswaffen fehlt jede Finesse. Statt Angst vor dem Monster entsteht eher Angst davor, dass die Steuerung im entscheidenden Moment versagt.

Kurzer, beeindruckender, aber holpriger Trip

Die Kampagne ist mit rund zwei bis drei Stunden recht kurz, was zum Konzept „ein Fall, ein Gebäude“ aber ganz gut passt. Ihr arbeitet euch vom Erdgeschoss bis in die oberen Etagen vor, entdeckt Rückblenden zum Ritual der Mädchen und trefft zur Mitte hin auf eine moralische Entscheidung, die einen Weg zum alternativen Ende vorbereitet. Es gibt also zumindest ein kleines bisschen Wiederspielwert, wenn ihr sehen wollt, wie sich diese Entscheidung auswirkt.

Trotzdem: Wenn Apartment No 129 funktioniert, dann vor allem als Stimmungserlebnis. Die reale Legendenbasis, das Setting in einem türkischen Hochhaus, die Idee, dass Leute das Gebäude nach dem Ereignis in panischem Zustand verließen, all das sorgt für einen Hauch Authentizität, den sich viele 08/15-Geisterhaus-Spiele nur wünschen. Die Jump-Scares sind nicht subtil, aber effektiv genug, und der Preis auf Steam und Co. ist so angesetzt, dass man es als „kleinen Horror-Snack“ durchaus vertreten kann.

Fazit: Sehenswertes Spukhaus mit wackeligen Böden

Apartment No 129 ist kein Horror-Meilenstein, aber ein interessanter Versuch, eine echte Urban Legend in ein kompaktes, klaustrophobisches Spielerlebnis zu gießen. Atmosphäre, Soundkulisse und einige starke Bildideen tragen das Spiel deutlich – wer Lust hat, mit einer Taschenlampe durch ein verfluchtes türkisches Hochhaus zu streifen und dabei eine halb dokumentarische, halb übernatürliche Story zu erleben, bekommt hier solide Gruselkost.

Dem gegenüber stehen schwaches Kampf-Feedback, schlecht justierte Standard-Steuerung, fragwürdige Taschenlampen/Batterie-Logik und eine allgemein spürbare technische Unsauberkeit, die den Horror manchmal für die falschen Gründe „horrifying“ macht. Für Hardcore-Horror-Fans, die regelmäßig Indies antesten und über Ecken und Kanten hinwegsehen können, ist Apartment No 129 einen Abend wert.

Erhältlich für: Xbox, PS, PC 
Webseite:
store.steampowered.com/app/2895340/Apartment_No_129