Aphelion ist ein Spiel voller guter Absichten und starker Bilder: ein einsamer Planet, zwei voneinander getrennte Astronauten und das Versprechen eines emotionalen Sci-Fi-Abenteuers am Rand des Sonnensystems. Eins kann ich jetzt schon sagen: Leider bleibt von dieser großen Idee am Ende oft mehr Atmosphäre als Wucht übrig, weil Story, Figurenzeichnung und Gameplay nicht dauerhaft genug tragen, um aus dem starken Grundgedanken ein wirklich packendes Ganzes zu machen. Kommt mit zur letzten Hoffnung der Menschheit.
Fremder Planet, vertrautes Problem
Die Ausgangslage ist genau die Art Science-Fiction, die sofort neugierig macht: Im Jahr 2060 ist die Erde praktisch am Ende, es muss also eine Lösung her. Die Europäische Raumfahrtbehörde ESA schickt Ariane Montclair und Thomas Cross mit der Hope-01-Mission zum neu entdeckten Planeten Persephone, der zur letzten großen Hoffnung der Menschheit werden könnte. Nach einer Bruchlandung werden die beiden getrennt. Nun müssen auf einem gefrorenen, fremden Planeten nicht nur überleben, sondern auch wieder zueinander finden.
Genau darin steckt für mich auch die größte Stärke von Aphelion: Der Besuch auf einem unbekannten Planeten. Dabei kommt diese Mischung aus Isolation, wissenschaftlicher Mission und diffuser Bedrohung auf. Und das ist erstmal ein spannender Grundgedanke. Persephone sieht zudem großartig aus, mit eisigen Weiten, bedrückender Ruhe und einer Kälte, die nicht nur visuell, sondern auch erzählerisch wirken soll. Es ist leicht zu verstehen, warum man in den ersten Stunden denkt: Hier könnte etwas ganz Großes passieren.
Zwei Figuren, zu wenig Nähe
Das Problem ist nur, dass das emotionale Fundament nicht stabil genug gegossen wurde. Für mich ging es anfangs zu schnell: Ariane und Thomas werden zwar als wichtiges Zentrum der Geschichte inszeniert, bekommen aber zu wenig Hintergrund investiert, um ihre Beziehung wirklich greifbar zu machen. Man soll mit ihnen mitleiden, aber das gelingt nur begrenzt, weil das Spiel ihre Vergangenheit eher andeutet als überzeugend lebendig macht.
Das ist besonders schade, weil Don’t Nod eigentlich genau für diesen Bereich bekannt ist. Audiologs, E-Mails und sonstige Fundstücke liefern zwar zusätzliche Informationen, doch auch wer alles aufmerksam liest, scheint am Ende noch mit zu vielen offenen Fragen und zu viel erzählerischer Unschärfe zurückzubleiben. Vage kann reizvoll sein, aber hier kippt das Geheimnis öfter in Frust. Bei mir standen am Ende ein paar sehr große Fragezeichen im (Welt-)Raum.
Klettern, scannen, springen, noch mal
Spielerisch zeigt sich dann recht schnell, warum Aphelion mein Herz nicht ganz erobern kann. Besonders in Arianes Abschnitten besteht ein großer Teil des Spiels aus Klettern, Scannen, Springen, wieder Klettern, wieder Scannen und erneut irgendeinem Weg durch Eis, Felsen und Ruinen. Das ist anfangs noch stimmungsvoll, weil der Planet und die Suche nach Thomas genug Spannung erzeugen. Aber spätestens nach dem dritten Kapitel nutzt sich das System deutlich ab, sobald man merkt, wie oft das Spiel seine eigenen Abläufe recycelt.
Genau deshalb fühlt sich Aphelion wie ein Spiel an, das über seine Laufzeit zu wenig neue Ideen nachschiebt. Natürlich ist das irgendwie realistisch, wenn man auf einem fremden Planeten gestrandet ist. Aber wer das Muster einmal erkannt hat, spielt irgendwann eher auf den nächsten Storybeat hin als aus Freude am eigentlichen Tun. Zumal ich mich auch gefragt habe, welche Nahrung Ari und Thomas eigentlich zu sich nehmen. Aber das ist ein anderes Thema.
Schleichpassagen und Kletterfrust
Noch deutlicher wird die Spielmechanik bei den Schleichpassagen. Offiziell werden sie als „tense stealth encounters“ verkauft, also als spannende Begegnungen mit einer unbekannten Lebensform auf Persephone. In der Praxis wirken diese Passagen jedoch eher simpel, überstrapaziert und mechanisch zu flach, um dauerhaft echte Spannung zu erzeugen. Mich haben diese Abschnitte mit der Zeit einfach genervt.
Dazu kommt das Klettern, das nie ganz so rund funktioniert, wie es müsste. Besonders das Klettern nach unten kann ich nur als hakelig oder unpräzise beschrieben. Eingaben werden nicht sauber erkannt, Ariane greift nicht zuverlässig dort, wo sie greifen soll, und der Abstieg findet öfter gegen das Spiel als mit ihm statt. Wenn eine Kernmechanik so häufig gebraucht wird, fällt jeder kleine Schluckauf eben doppelt ins Gewicht.
Thomas hilft, rettet aber nicht alles
Ein positiver Punkt ist allerdings, dass sich Ariane und Thomas tatsächlich unterschiedlich spielen. Thomas’ Passagen arbeiten etwa mit Sauerstoff-Bedarf und einem anderen Rhythmus, wodurch das Spiel nicht komplett in einem einzigen Bewegungsmodus feststeckt. Das ist eine gute Entscheidung, weil es dem Abenteuer zumindest etwas strukturelle Abwechslung gibt und die beiden Perspektiven besser voneinander trennt.
Nur reicht das am Ende nicht ganz, um die Wiederholung vollständig aufzufangen. Thomas bringt zwar einen anderen Takt hinein, aber er löst nicht das Grundproblem, dass Aphelion zwischen Erkundung, Klettern und Schleichen mechanisch zu schmal aufgestellt ist. Das Spiel hat zwei Figuren, aber keinen doppelten Ideenhaushalt.
Fazit
Aphelion ist ein schönes, oft stimmungsvolles Science-Fiction-Abenteuer, das mit seinem fremden Planeten, seiner kalten Atmosphäre und seiner melancholischen Grundidee zunächst viel richtig macht. Doch je länger man spielt, desto deutlicher wird, dass die emotionale Fallhöhe nicht genügt, weil Ariane und Thomas zu blass bleiben und die Geschichte zu viele Fragen offenlässt, ohne aus dieser Offenheit echte Kraft zu ziehen.
Dazu kommt ein Gameplay, das zu früh seinen ganzen Werkzeugkasten auf den Tisch legt und danach oft nur noch dieselben Handgriffe wiederholt: klettern, scannen, springen, schleichen, weitermachen. Dass sich die beiden Figuren unterschiedlich spielen, hilft, und Persephone bleibt bis zum Schluss ein sehenswerter Ort. Unterm Strich ist Aphelion für mich aber etwas enttäuschend. Es sieht nach Abenteuer aus, das nach großer Sci-Fi klingt, am Ende aber eher wie ein schönes Echo ohne vollen Nachhall wirkt.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: dont-nod.com/en/games/aphelion