Gleich zu Beginn muss ich mich etwas outen: Ich habe nicht alle Assassin's-Creed-Teile gespielt. Der Grund: Ich hatte damals den Anfang verpasst und bin erst bei Teil 4, Black Flag, an Bord gegangen – danach aber gleich wieder abgestiegen. Bei der ersten Trilogie kam ich nicht mehr in die Story und spielerisch ist Teil 1 nicht so gut gealtert, wenn man neuere Episoden von Assassin's Creed kennt. Mirage will euch nun erneut abholen, um tiefer in die Assassin's Creed Reihe eintauchen zu können. Mal sehen, ob das gelingt.
Arabische Nächte
Ubisoft entführt euch nach Bagdad ins 9. Jahrhundert. Genau dort startete auch damals die Reise des ersten Spiels mit Altair als Hauptfigur. Doch davon müsst ihr in Assassin's Creed: Mirage rein gar nichts wissen. Hier verfolgt ihr die Spur von Basim, einem einfachen Gauner, in dem eine Menge Potenzial schlummert. Ich liebe es einfach, wie schön Ubisoft seine Geschichten erzählt und tief in für mich fremde Kulturen eintaucht. Durch Mirage weht direkt ein Hauch von 1001 Nacht.
Die Story beginnt dabei recht harmlos: Mit Basim und seiner Freundin zieht ihr durch die Straßen und gaunert euch durch den Alltag. Im Tutorial lernt ihr zu klettern, zu stehlen und euch zu verstecken. Doch Basim will mehr als nur ein einfacher Taschendieb sein. Er will ein Verborgener werden, für die er kleinere Aufträge erfüllt. Und eines Tages kommt ihm eine Idee, wie er sich beweisen kann: Er will eine mysteriöse Schatztruhe aus dem Palast des Kalifen stehlen. Seine Freundin hält es für keine gute Idee, macht notgedrungen aber mit. Und es kommt, wie es kommen muss: ein fürchterliches Unglück geschieht, an dessen Ende Basim aus der Stadt fliehen muss. Mehr verrate ich euch aber nicht über die Geschichte.
Kurz und bündig
Die Geschichte mag vom Grundgerüst vielleicht ähnlich aufgebaut sein, wie andere Teile von Assassin's Creed. Dennoch zog mich das Schicksal von Basim direkt in seinen Bann. Ich wollte immer wissen, wie es weitergeht - und bekam auch schnell ein paar Antworten. Und hier liegt meiner Meinung nach eine Stärke von Mirage. Nach dem Motto "In der Kürze liegt die Würze" rauscht Mirage förmlich durch seine Geschichte. Ihr werdet je nach Können zwischen 15 und 20 Stunden benötigen, um am Ende mit 100 Prozent die End-Credits zu sehen. Für mich kommt diese Spielzeit sehr gelegen als Vater zweier Kinder.
Das heißt auch, dass euch Assassin's Creed: Mirage keine ausufernde Open-World bietet, in der man sich regelrecht verlieren kann. Das ist bei vielen Spielen für mich meist der springende Punkt, warum ich nie ans Ende gelange. Mirage ist in jeder Hinsicht sehr kompakt im Vergleich zu den Vorgängern, was ich als Vorteil erachte. Dadurch entstehen kaum Sequenzen, bei denen ich denke, dass hier etwas künstlich in die Länge gezogen wurde. Auch wenn sich andere vielleicht darüber beschweren mögen, ist es für mich ein dicker Pluspunkt.
Gewohnte Stärken
Assassin's Creed: Mirage will zudem auch keine neuen Features einfügen. Hier habt ihr es mit einem urtümlichen Assassin's Creed zu tun, in das ihr einfach hineinwachsen könnt. Die Steuerung ist simpel genug, um auch nach mehreren Tagen Pause direkt zu funktionieren. Aber sie ist gleichzeitig abwechslungsreich, um spektakuläre Manöver zu realisieren. Ja, die Kämpfe sind nicht so komplex wie in den Vorgängern. Und ja, ihr habt weniger Rüstungen oder Waffen zu finden. Aber das schert mich recht wenig, wenn ich meine vorhandenen Ausrüstungsstücke kontinuierlich verbessern darf - zumindest bis zu dreimal.
Der Parcours-Lauf funktioniert wohl genauso, wie man sich das bei Teil 1 damals dachte, aber noch nicht umgesetzt bekam. Ich klettere, springe und hangel mich mit Basim von Dach zu Dach, dass es eine Freude ist. Nur hin und wieder verheddert er sich dann doch oder will einfach nicht dahin, wo ich es möchte. Das nervt nur bei Verfolgungsjagden, fällt sonst aber weniger ins Gewicht.
Ubisoft Formel
Klassischerweise bedient Ubisoft hier wieder einmal seine typische Formel einer offenen Welt: Schaltet Aussichtstürme frei, entdeckt zusätzliche Aufgaben und löst kleinere Rätsel für bessere Ausrüstung. Nicht falsch verstehen: Ihr habt hier bei Assassin's Creed: Mirage immer noch eine Menge zu tun, wenn ihr wollt. Ich finde es aber weniger überfrachtet oder gar überfordernd wie zuletzt bei Valhalla oder Origins. Vielleicht hat mich Mirage auch einfach auf dem richtigen Fuß erwischt, wer weiß.
Grafisch zeigt sich Assassin's Creed: Mirage von seiner hübschen, wenn auch leicht angestaubten Seite. Die Wüstenlandschaft, Schluchten oder Paläste sind zauberhaft detailliert. Nur bei manchen Animationen merkt man der Grafik-Engine ihr Alter an. Ich persönlich kann es kaum erwarten, wenn Assassin's Creed einmal in der Unreal Engine 5 erstrahlen sollte. Man darf ja ein bisschen träumen dürfen.
Entschleunigt euch etwas
Wenn ihr euch auf Assassin's Creed: Mirage einlasst, dann nehmt euch gemütlich Zeit und fühlt euch ein Stück in die Vergangenheit gesetzt. Die Missionen laufen oftmals nach Schema F ab, sind durch ihre unterschiedlichen Zielsetzungen nie monoton oder gar langweilig. Auch nach dem x-ten Palast, den ich infiltriert habe, pochte mein Herz. Zur besseren Übersicht dient euch euer Raubvogel, der unbemerkt am Himmel seine Kreise dreht und die Gegend auf Wunsch auskundschaftet.
In drei Talentbäumen könnt ihr übrigens euren eigenen Spielstil unterstreichen. Investiert Erfahrungspunkte in Fähigkeiten eines Kämpfers oder eines Tricksers oder Schleichers. Für mich machte sich am besten die Kombination der letzten beiden Talentbäume bezahlt. Als Schleicher habe ich Dank meines Adlerauges alles bestens im Blick und umgehe Kämpfe so weit wie möglich. Das Kampfsystem war mir an vielen Stellen zu heftig, wenn ich zu spät parierte oder ausweichte. Ich agiere dann doch lieber aus den Schatten heraus.
Fazit
Damit komme ich direkt zu meinem Fazit. Für mich funktioniert Assassin's Creed: Mirage hervorragend als kleine Zeitreise in die Vergangenheit. Ich kann mir gut vorstellen, dass Hardcore-Fans lieber mehr Gameplay, mehr Spielwelt und mehr Waffen gehabt hätten. Doch für mich passt diese kompaktere Herangehensweise einfach zu gut. Ich kann hier ein vollwertiges Assassin's Creed erleben, ohne das Gefühl zu haben, aus Zeitdruck nie alles erkunden zu können. Genau das ist die Stärke von Mirage. Ihr bekommt hier ein fast schon klassisches AC-Erlebnis, aber mit allen Kommentarfunktionen der Moderne – und darauf lasse ich mich liebend gerne ein. Übrigens hat mir Mirage nun noch mehr Lust auf den bald erscheinenden persischen Wüstenprinzen gemacht. Danke, Ubisoft.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Website: ubisoft.com/de-de/game/assassins-creed/mirage