Zuletzt hatte das Entwicklerstudio von Platinum in meinen persönlichen Gedankengängen ziemlich gelitten: Mit ihrem Turtle-Spiel „Mutants in Manhattan“ sank ihr Ansehen schon etwas bei mir. Es roch nämlich stark nach billiger Lizenzverwurstung, ohne sonderlich viel Substanz.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass das Studio zu schnell wuchs und nun mit ihrem Namen Geld machen wollte. Aber das ist nun inzwischen drei Jahre her. Mit „Astral Chain“, einem Nintendo Switch exklusiven Action-Adventure beweisen die Japaner, warum ihr Name so glänzend am Videospiele-Firmament strahlt. Denn der Titel ist eine Wucht!
Ein Stern – wie vom Himmel gefallen
Zunächst einmal hatte ich gar keine großen Ansprüche an „Astral Chain“: Ich wollte mich überraschen lassen, was da so auf mich einprasselt und hätte im Leben nicht erwartet, dass es mich gleich so umhauen wird. Schon allein die Ouvertüre, bei der ihr auf einem Motorrad durch das futuristisch-dystopische Tokio rast, ist ein Genuss.
Ein kleiner, unerwarteter Adrenalin-Kick, der sich öfters während der rund 25 Stunden langen Story wiederholen wird. Wobei ich mal gleich zur Geschichte komme. Anfangs werdet ihr einfach in die Geschichte reingeschmissen, ohne genau zu wissen, wo vorne und hinten ist.
Klar ist, dass ihr euch in einer fiktiven Zukunftsvariante von Tokio befindet und irgendeine Sonderheit der Polizei verkörpert. In dieser Dystopie haben Monster aus einer fernen Dimension die Kontrolle über die Erde – oder was davon übrig ist – übernommen.
Mit roten Dimensionsportalen können sich die Invasoren auf jeden erdenklichen Punkt des Planeten teleportieren und dort Schaden anrichten. Für die Sicherheitskräfte der Erde ein Alptraum. Aber zum Glück gibt es ja euch!
Bei Fuß!
Den Hauptcharakter könnt ihr mit einigen Einschränkungen selbst erstellen und so die Welt retten beziehungsweise ein Stückchen besser machen. Gleich nach eurem ersten Einsatz – auch wenn das hier einen Mini-Spoiler enthält – erfahrt ihr, dass ihr etwas Besonderes seid. Ihr besitzt die Fähigkeit, „Legions“ zu kontrollieren.
Diese Legions sind starke Einheiten aus den Reihen der Feinde. Irdische Forscher haben eine Art Hundehalsband entwickelt, das euch die Kontrolle über die Feinde ermöglicht und diese an die Kette nimmt. Zu Beginn habt ihr so einen ziemlich angriffslustigen Begleiter an eurer Seite, der mit seinen Schwert-Armen auf die Gegner losgeht.
Wird diese Technologie die Wende im Krieg gegen die Invasoren sein? Spielt einfach mal weiter. Ihr seht schon: Die Story ist schon typisch Anime- oder Japan-Style. Man muss dafür etwas offen sein, aber dann packt sie einen von Anfang bis Ende. Spielerisch habt ihr es mit einem wilden Hybriden aus unterschiedlichen Genres zu tun.
In erster Linie ist „Astral Chain“ ein Action-Kampfspiel, was Platinums Spezialität ist. Interessant bei der Sache: Bei den Kämpfen müsst ihr streng genommen nur mit einem Angriffsknopf auskommen. Das hört sich jetzt merkwürdig an, funktioniert aber wunderbar.
Es ist mehr die Kombination aus Nahkampf- und Fernkampfangriffen gepaart mit den Attacken eurer Legions, die den Unterhaltungswert ausmachen. Mit eurem dicken Cyber-Schwert (immer wieder cool, so was) setzt ihr den dicken Brocken ordentlich zu, schaltet dann schnell auf eure Wumme um, wenn sich mal wieder fliegende Bösewichte nähren.
Eure Legion agiert dabei größtenteils selbstständig, ihr könnt ihr marginal ein paar Befehle zukommen lassen, um wen sie sich wann kümmern soll. Ich gebe zu, dass sich das etwas langweilig liest. Aber in der Praxis sorgt es für einen hohen Unterhaltungswert.
Kombo-Meister
Spätestens vier Stunden nach eurem ersten Einsatz greift das Kampfsystem so richtig, wenn ihr nicht mehr nur über eine Legion verfügt, sondern mit anderen Exemplaren kombinieren dürft. Ohne zu viel zu verraten: Es gibt unter anderem eine Art Roboter-Säbelzahntiger, auf dem ihr sogar reiten dürft – wie cool ist das denn?!
Jedenfalls bringt jede neue Legion auch neue taktische Fähigkeiten mit ins Spiel. Und jeder dieser Legions verfügt über einen eigenen Fähigkeitenbaum, auf dem ihr neue Fähigkeiten erwerben dürft. Da ist es dann auch gar nicht mehr so schlimm, dass euer eigener Talentbaum etwas spärlich daherkommt. Auf jeden Fall steckt hier eine Menge Potenzial drin – Experimentierfreudige werden viele spaßige Kombos entdecken.
Aber Kämpfen ist nicht alles bei „Astral Chain“: Das Spiel gönnt euch immer wieder Ruhepausen. Zum Beispiel zwischen den Missionen geht es immer wieder zurück in euer Hauptquartier, das euch als Hub mit verschiedenen Funktionen dient. Hier habt ihr Zeit, euch mit anderen Kollegen zu unterhalten, mehr über die Hintergrundgeschichte zu erfahren und die Ausrüstung anzupassen.
Dabei kommt es immer wieder zu absurden Situationen, wenn ihr beispielsweise auf das gelbe Hundemaskottchen trefft. Warum zur Hölle jemand beim Weltuntergang mit einem Hundekostüm durch die Gegend läuft, gehört zu den Mysterien dieses Universums – lustig ist es allemal.
Der Alltag ruft (ebenfalls)
Hinzu kommen dann noch die Polizei-Einsätze, die ihr zu lösen habt. Dazu begebt ihr euch in ein Zielgebiet, sammelt Hinweise und könnt diese später in einem kleinen Quiz kombinieren. Es sind genau solche kleine Spielmechaniken, die das Geschehen auflockern, ohne zu aufdringlich oder nervend zu sein.
Das macht „Astral Chain“ zu einem Rundum-Spaß-Paket, das seinesgleichen sucht. Grafisch befindet sich „Astral Chain“ übrigens auch auf einem angenehm hohen Niveau: Die Charaktere, das Gegner-Design und die gesamte Umgebung im Comic-Cell-Shading-Look passen perfekt zusammen.
Das Tüpfelchen auf dem „i“ ist die musikalische Untermalung, die euch immer zu Beginn eines Levels abholt. Und für alle Japano-Hardcore-Fans: Das komplette Spiel lässt sich mit der japanischen Tonspur genießen – alternativ auch auf Englisch.
Design-Entscheidungen mit Wahnsinnsfaktor
Bevor ich „Astral Chain“ jedoch in sphärische Höhen lobe, muss ich noch ein paar Haare aus der Suppe ziehen. Eine Kleinigkeit, die mich unglaublich genervt hat, ist die Pause-Funktion. Die Pause-Funktion an sich ist völlig okay. Das Problem ist nur, wieder zurück ins Spiel zu gelangen: Drückt ihr nämlich auf die Pause, wenn gerade eine Zwischensequenz am Laufen ist, wird’s spannend.
Um wieder die Zwischensequenz weiterlaufen zu lassen, müsst ihr auf den „Minus“-Knopf auf dem Controller drücken. Drückt ihr – wie ich es seit Jahrhunderten gewohnt bin – auf den „Plus“-Schalter, dann wird die Sequenz übersprungen. Keine Ahnung, wie viele Story-Schnipsel ich dadurch verpasst habe. Wer macht den so einen Unsinn mit der Tastenbelegung?!
Der zweite Wahnsinn ist der Koop-Modus, der eine Art kurioses Experiment darstellt: Im Kampf steuert dabei einer den Helden, der andere eine der Legions. Das mag vielleicht noch halbwegs funktionieren, wenngleich es nicht sonderlich spaßig ist. Denn eure Angriffe sollten schön getimt sein, was mit einem anderen Spieler zusammen verdammt schwer ist.
Sobald die Kämpfe zu Ende sind, wird es richtig absurd: Da jeder nur einen der beiden Joy-Cons nutzt, steuert einer den Charakter, der andere die Kamera. Das ist für zwei Minuten noch ganz lustig und führt zu einem herrlichen Chaos.
In der Praxis ist dieser Modus völlig unbrauchbar. Keine Ahnung, ob Platinum den Koop-Modus als eine Art Easter-Egg sieht. Kurz gesagt: Es gibt einen Koop-Modus theoretisch, aber praktisch funktioniert er nicht.
Fazit
Mit diesen Worten kommen wir wieder zur glorreichen Seite von „Astral Chain“ zurück. Platinums Werk überzeugt durch so viele, hervorragend designte Spielelemente, dass einem schwindelig werden kann. Das Kampfsystem ist erfrischend anders, unterhält durch die spätere Komplexität auf hohem Niveau.
Die Story könnte zwar kaum japanischer sein, weiß aber mit einigen Wendungen zu überraschen und wird euch bis zum Ende bei Laune halten. Hinzu kommt das fantastische Design, ein bisschen Situationskomik und bombastische Präsentation, die „Astral Chain“ zu einer ganz großen Nummer auf Nintendos Switch machen. Wer auch nur im Entferntesten auf das Genre der Action-Adventures steht, kommt um diesen Titel nicht herum.
Erhältlich für: Switch
Web: astralchain.nintendo.com