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Atomic Heart

Ein dystopischer Alptraum mit ganz viel Bioshock Vibes.

Wenn man mich fragt, welches Spiel ich liebe oder beeindruckend finde, dann landet Bioshock sicherlich unter den Top 5 meiner Bestenliste. Und genau in diese Fußstapfen möchte nun Mundfish hineintreten. Ein kleines, russisches Studio, das sonst keinerlei Referenzen vorzuweisen hat. Ja, ich war ganz schön skeptisch als ich die ersten Bilder zu Atomic Heart gesehen habe. Ist das alles nur Propaganda mit aufgehübschten Bildern oder steckt dahinter tatsächlich auch ein Spiel? Dieser Frage bin ich mit meinem Kumpel Daniel auf den Grund gegangen.

Ahnungslos durch die Nacht

Das Gute an Daniel bei diesem Test: Er hatte keinerlei Vorwissen zu diesem Titel. Er kannte keinen Screenshot, keinen Trailer und wusste auch nicht, um was es überhaupt bei dem Spiel geht. Ich war da schon etwas … vorbelastet. Daher warf ich bei unserem Treffen ohne große Vorworte das Spiel an und ließ mich überraschen – sowohl was Atomic Heart zu bieten hat als auch die Reaktion von Daniel.

„Wow, sieht das geil aus!“, so lautete unser erster Eindruck nach fünf Minuten im Spiel. Während unser Hauptcharakter, Geheimdienst-Major P-3, gemütlich auf einem retrofuturistischem Tret-bötchen einen Fluss entlang schippert und dabei die Gegend auf sich wirken lässt. Ja, Atomic Heart nimmt sich ordentlich Zeit, um einen tief eintauchen zu lassen. Noch wissen wir nicht, was hier passiert und um was es geht. Jedenfalls befinden wir uns in einer alternativen Realität im Jahre 1955.

Die Sowjetunion ist technologisch weit voraus und setzt alles auf Robotik und Auto-matisierung. Überall fahren, fliegen und rotieren Maschinen, die die Bevölkerung unterhält. Ja, hier kommen jede Menge Bioshock Vibes auf, wenn ich das alles auf mich wirken lassen. Doch anstatt tief auf dem Ozeanboden befinden wir uns über den Wolken in Anlage 3826. Natürlich wissen wir, dass sich die Utopie bald in ein dystopisches Chaos verwandeln wird.

Ich werfe meinen Handschuh

Ehe wir uns versehen, kämpfen wir ums nackte Überleben, weil alle Roboter plötzlich verrückt spielen. Als Geheimagent haben wir aber einige Tricks auf Lager, die uns helfen. Unter anderem unser treuer Handschuh namens Charles. Die Entwickler:innen zeigen sich hier von ihrer kreativen Seite: Die Dialoge zwischen unserem Hauptcharakter und Charles sind urkomisch und lassen uns immer wieder grinsen und manchmal sogar laut loslachen. Einfach erfrischend.

Irgendwie wächst einem das kleine Utensil ans Herz. Charles besondere Fähigkeit: Mit mehreren Kabel-Tentakeln kann er die Welt um sich herum manipulieren. Das reicht vom Scannen der Gegend, über das Bedienen von Schalttafeln bis hin zu mächtigen Fähigkeiten, zu denen wir später kommen. Mein Highlight ist übrigens die Loot-Funktion: Mit einem Knopfdruck zieht Charles alles an sich heran, was es in der Umgebung zu holen gibt – sieht stylisch aus und spart eine Menge Zeit.

Zu Beginn stellt sich Atomic Heart eher als Survival-Spiel mit einigen Nahkampfangriffen dar. Und die Kämpfe haben es in sich. Denn bereits die ersten Roboter, die euch angreifen werden, sind eine echte Bedrohung. Das liegt aber auch an der gewöhnungsbedürftigen Nahkampfsteuerung und den schnellen Bewegungen der Widersacher. Daran habe ich mich auch nach mehreren Stunden immer noch nicht so recht gewöhnt. Richtig chaotisch wurde es als ich eine Schwungattacke erlernte, die mich einmal im Kreis drehen ließ. Danach wieder die Orientierung zu finden, war ein hartes Stück arbeit. Aber ich schweife ab.

Jedenfalls ist die Welt, in die uns Atomic Heart wirft, ein fantastischer Ausblick darauf, was alles hätte passieren können. Die Details wirken stimmig und viele Objekte erzählen ihre eigene Geschichte. Oft musste ich vor Postern stehen bleiben, um mir die Sprüche darauf anzuschauen. Hier merkt man, dass die Umgebung mit viel Liebe zum Detail kreiert wurde. Gefällt mir.

Actionreiche Mischung

Spielerisch vereint Atomic Heart ein Action-Rollenspiel mit einem Shooter – eine ganz gute Mischung. Wobei hier noch übernatürliche Kräfte zum Tragen kommen. Denn sobald P-3 gewisse Ressourcen gesammelt hat, kann er diese an einem sehr leidenschaftlichen Automaten in neue Skills investieren. Auch das kennen wir aus Bioshock bereits: Wir dürfen Gegner elektrifizieren, sie vereisen, sie mit brennbarem Gel einschmieren, einen Schutzschild herbeirufen oder ein Flammeninferno auslösen. Sämtliche Fähigkeiten werden in kleinen, amüsanten Zeichentrickfilmchen präsentiert, die stark an die Fallout-Reihe erinnern.

Insofern macht Atomic Heart in den ersten Stunden einen richtig guten Eindruck. Auch die Kombination von Fähigkeiten und Waffen geht immer intuitiver von der Hand je länger wir spielen. Nur der Nahkampf ist und bleibt hektisch – spart dafür aber wertvolle Munition. Erst nach einer Weile öffnet sich dann Atomic Heart in den Arealen: Von unterirdischen Büroeinrichtungen geht es nach draußen ins Freie. Kleine Fahrtpassagen mit dem Auto lockern das Geschehen auf. Nur fühlen sich diese offenen Areale weniger spannend an, weil es schlichtweg nicht besonders viel zu entdecken gibt. Hier verspielt Mundfish einiges an Potenzial.

Ablenkung für zwischendurch

Um für weitere Abwechslung zu sorgen, wirft euch Atomic Heart immer wieder kleine Mini-Spielchen vor – manche interessant und fordernd, andere etwas nervig mit der Zeit. Mal verlangen sie Geschick, mal Logik oder einfach etwas Geduld und Experimentierfreude. Aber die Balance ist dem Spiel gut gelungen.

Nach den ersten Wow-Momenten vom Anfang muss ich mich nach einer Weile aber wieder relati-vieren: Atomic Heart sieht schon sehr schick aus, hat aber auf technischer Seite noch mit einigen Bugs zu kämpfen. Auch die etwas unglücklich auszulösende Funktion des Scanners hätte man besser machen können (doppelter Druck auf R1 bzw RB). Aber insgesamt finde ich es äußerst stimmig.

Ein klein bisschen hat mich dann am Ende die Story enttäuscht, die bei Weitem nicht mit dem großen Vorbild mithalten kann. Denn die Geschichte kommt weder so richtig in Fahrt, noch ist sie sonderlich abwechslungsreich. Aber das geht ebenfalls in Ordnung – kann ja nicht jeder mit einem WTF-Moment aus Bioshock um die Ecke stolpern.

Fazit

Am Ende macht Atomic Heart, was es soll, nämlich Spaß. Aus Sicht eines Shooters und Actionrollenspiels kann ich Mundfishs Erstlingswerk wirklich jedem Fan des Genres empfehlen. Ein zweites Bioshock müsst ihr aber nicht erwarten – obwohl der Grundrahmen sehr gut gesetzt ist. Vielleicht hat das Spiel seinen verdienten Erfolg und bekommt so für einen möglichen zweiten Teil noch mehr Drive. Bis dahin werde ich mit Charles losziehen und den Robotern die Hölle heiß machen.

Erhältlich für: PC, Xbox, PS
Website: mundfish.com/de