Seit James Cameron seine Avatare auf die Menschheit losgelassen hat, bin ich ein Fan dieses faszinierenden Universums. Auf der Grundlage des ersten oder spätestens des zweiten Films ließen sich doch jede Menge Spiele produzieren, dachte ich immer. Jedes Genre wäre denkbar: Echtzeit-Strategie, Shooter, Survival, Hack'n Slay, Adventure, von mir auch Sport oder Puzzle – ich würde sie alle spielen.
Doch die Flut an Spielen, wie ich sie seit 2009 erwartet hatte, kam nie. Aber was kam, war durchaus solide Unterhaltung. Und nach x Jahren ohne Avatar auf dem Spielemarkt hat sich Ubisoft ein Herz (und die Lizenz) gefasst, um endlich wieder ein Spiel aus diesem Universum zu erschaffen. Willkommen auf Pandora!
Ich sehe dich!
Nach den ersten Screenshots war ich bereits gefesselt. Allerdings hatte ich vor einem Jahr noch keine Ahnung, was für ein Genre Avatar: Frontiers of Pandora bedient. Damit ist jetzt Schluss. Ihr habt es mit einem First-Person-Shooter und -Rollenspiel zu tun. Dabei merkt man dem Spiel deutlich an, aus welcher Softwareschmiede es stammt. Würde ich nun sagen, dass ihr hier ein Far Cry mit buntem Alien-Skin habt, hättet ihr bereits eine ziemlich gute Vorstellung von dem, was euch erwartet. Aber lasst uns genauer hinschauen.
Die wichtigste Frage vorweg: Müsst ihr die Filme gesehen haben? Ja, ich finde schon. Fragen wir vielleicht anders: Müsst ihr die Filme gesehen haben, um das Spiel zu verstehen? Nein, müsst ihr nicht. Ihr habt es hier mit einer eigenständigen Geschichte zu tun, die sich teilweise in die Story aus dem ersten Film einwebt. Ob ihr die Anspielungen nun versteht oder nicht, spielt absolut keine Rolle für den Rest des Spiels. Dennoch hat Ubisoft hier einen schönen Fan-Service betrieben. Danke an dieser Stelle.
Emotional, aber wenig überraschend
Die Story selbst ist schnell erzählt, ohne zu spoilern. Ihr schlüpft in die Rolle eines Navi, die Ureinwohner des Planeten Pandora. Allerdings wachst ihr bei den Menschen auf. Nach ein paar Jahren wechselt ihr die Seiten, weil ihr die wahre Natur der Menschen kennenlernt. Von nun an geht es um Rache und das Überleben eurer Art.
Das Wissen über die Menschen ist dabei aber ein wertvoller Vorteil. Allerdings hat euch dieser Umstand von euren eigenen Ursprüngen entwurzelt. So taucht ihr nach dem Tutorial als quasi Neuling in die Welt von Pandora ein. Spielerisch ist das clever für all jene, die sich selbst nicht so gut mit Pandora auskennen. Außerdem liefert dies ein Grund, warum man euch alles erklären muss.
Über den Rest der Geschichte will ich nicht weiter reden. Als Antrieb war sie okay, aber nicht wirklich tiefgründig oder hat mich mit unerwarteten Wendungen überrascht. Im Großen und Ganzen ging sie aber in Ordnung. Die Filme waren ja auch nicht für die besonders komplexe Story bekannt. Viel wichtiger ist der Ort, an dem sie spielt.
Und der eigentliche Hauptcharakter ist Pandora selbst. Ubisoft zaubert hier eine wunderschöne Umgebung auf den Bildschirm. Dichter Dschungel, bunte Farben und jede Menge unbekannte Kreaturen. Auch der harte Kontrast zwischen den naturverbundenen Navi und den zerstörerischen Menschen ist den Entwickler:innen hervorragend gelungen. Kurzum: Avatar: Frontiers of Pandora sind verdammt gut aus.
Gewohnte Action
Spielerisch scheiden sich die Geister. Habt ihr die letzten beiden Far Cry Ableger gespielt? Ähnliches dürft ihr auch hier erwarten. Ubisoft wird nicht müde, seine Open-World-Formel über Spiele zu streifen. Für jeden einzelnen Titel funktioniert das auch wunderbar. Nur in der Summe machen sich – zumindest bei mir – starke Ermüdungserscheinungen breit. Manchmal vermischen sich Far Cry, Assassin's Creed und jetzt eben auch Avatar in meinen Gedanken zu einem gigantischen Einheitsbrei aus Quests, Nebenquests und der Suche nach Markern auf der Karte. Aber Avatar: Frontiers of Pandora versucht sich bewusst davon zu lösen - schafft es aber nur teilweise.
Gerade zu Beginn finde ich es schön, dass mir zwei Arten der Erkundung zur Verfügung stehen: eine freie Erkundung ohne Marker und Co. Oder lieber eine geführte Reise, auf der ich gerne links und rechts mal abbiegen darf. Außerdem stehen für den Kampf drei Schwierigkeitsgrade zur Auswahl. So sollte wirklich jeder nach einer Weile seine besten Einstellungen finden.
Augen zu und durch
Was mich selbst mal wieder überrascht hat: Zu Beginn von Avatar: Frontiers of Pandora dominierte ein Wort meine Gedanken: Überforderung! Im Minutentakt bekomme ich Story-Häppchen, Steuerungshinweise und neue Gadgets vorgestellt. Alles wirkt irgendwie viel komplizierter als es am Ende eigentlich ist. Vielleicht liegt es an meinem Alter, aber es kann schon abschreckend wirken. Mein Tipp: Klammert euch zu Beginn fest an die Story und versucht nicht alles auf einmal zu verstehen. Das hat bei mir gewirkt. Es lohnt sich, wenn ihr langsam in die Welt von Pandora eintaucht.
Apropos eintauchen: was die Entwickler:innen wirklich gut umgesetzt haben, ist das Gefühl der Größenunterschiede. Als Navi rage ich über die Menschen hinaus - und das bemerke ich direkt aus der Ego-Perspektive. Wenn ihr euch in den von Menschen gebauten Strukturen bewegt, zieht ihr automatisch am Controller den Kopf ein, wenn ihr durch eine Tür geht. Ich fand diese Größendarstellung ein nettes, kleines Detail.
Mit Pfeil und Automatikgewehr
Ansonsten bietet Avatar: Frontiers of Pandora actionreiches Gameplay, bei dem ebenfalls der Kontrast der Menschen in Form der RDA und der Navi zu spüren ist. Wenn ihr einen Pfeil auf einen Gegner abfeuert, lässt die Wucht den armen Kerl gerne mal abheben. Spektakulär sind auch die Kämpfe vom Rücken eures eigenen Flugsauriers aus – den ihr erst später im Spiel zähmen dürft. Die Kämpfe machen schlicht Spaß, auch wenn ihr die meiste Zeit nur mit Bogen oder einer Automatikwaffe umherlauft.
In Sachen Fähigkeiten dürft ihr euch auch in verschiedenen Skill-Trees weiterentwickeln, sofern ihr Erfahrungspunkte gesammelt habt. Auch hier überlässt euch Ubisoft die Wahl, ob ihr lieber Jäger, Sammler oder der schleichende Tod sein wollt. Tobt euch auf der umfangreichen Karte von Pandora ruhig aus, wie ihr es wollt. Neben den Hauptaufträgen gibt es wieder eine Menge Nebenjobs, die ihr erledigen dürft. Je besser die Ausrüstung ist, die ihr findet, desto höher steigt eure Stärke. Das wiederum macht euch das Leben in der Wildnis von Pandora ein gutes Stück leichter. Und damit kommen wir langsam zum Abschluss.
Fazit
Avatar: Frontiers of Pandora ist am Ende des Tages ein gutes und äußerst hübsches Spiel geworden. Die Flora und Fauna dieser Welt hat echte Sogwirkung. Spielerisch bewegt sich Ubisoft dabei auf bekannten Pfaden, was völlig okay ist – ich will es nur wieder erwähnt haben. Wenn ihr bereits auf Far Cry steht und ein Faible für Avatar habt, dann ist das euer Spiel. Wenn ihr eine wunderschöne Welt erleben wollt, die einen einzigartigen Charme versprüht, seid ihr ebenfalls willkommen. Insgesamt positioniert sich Avatar: Frontiers of Pandora damit in die obere Tabellenhälfte der Top-Spiele. Um aber an die Spitze zu kommen, fehlt dem Titel das Besondere, das frische Impulse setzt. Mir als Fan kann das aber reichlich egal sein. Pandora, ich komme.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Website: ubisoft.com/en-gb/game/avatar/frontiers-of-pandora