Als ich auf der gamescom dieses Jahr meinen Termin bei Bloober Team hatte, hielten sich meine Erwartungen auf einem überschaubaren Niveau. Allerdings hatte es mir der Stand zu "Blair Witch" direkt angetan: Die Hands-On-Präsentation fand in einem Raum statt, der an ein kleines Waldstück erinnerte - sehr passend.
Überall hingen diese kleinen, aus Ästen geformten Figuren, die den Blair-Witch-Mythos ausmachen. In den kommenden 30 Minuten fesselte mich das Spiel immens und schürte die Vorfreude auf das finale Produkt. Nun ist es also soweit, dass ich mich in den Wald der Hexe begebe ...
Film gesehen? Egal!
Eins gleich vorweg, was auch die Entwickler immer wieder betonten: "Blair Witch" ist NICHT das Spiel zum Film. Es spielt ein paar Jahre nach dem Film, um genau zu sein im Jahre 1996, und erzählt seine eigene Geschichte. Daher könnt ihr also völlig frei von Story-Erwartungen ans Geschehen gehen und die Atmosphäre genießen.
In der Rolle des psychisch leicht labilen Ellis macht ihr euch auf die Suche nach einem verschwundenen Jungen. An eurer Seite ist der stets aufmerksame Bullet - ein freundlicher Schäferhund-Mischling (oder ist er reinrassisch?!) mit feiner Nase. Dieses Duo nimmt es jedenfalls in dem Gruselspiel “Blair Witch” unwillentlich mit einer Hexe auf.
Wie es in diesem Genre eben typisch ist, lebt auch „Blair Witch“ von seiner Story – daher versuche ich so gut wie nichts zu spoilern. Lediglich die Ausgangslage werde ich knapp erläutern, damit ihr wisst, womit ihr es zu tun habt. Ellis will sich dem Suchtrupp anschließen, der den Wald in Maryland durchforstet, um Spuren des vermissten Kindes zu finden.
Unglücklicherweise ist Ellis etwas spät dran, so dass er sich alleine auf den Weg machen muss, um zu den anderen aufzuschließen. Natürlich geht der Plan nicht ganz auf – wir befinden uns hier immerhin in einem Horrorspiel. Was folgt, sind rund fünf bis sechs Stunden Thrill mit Höhen und Tiefen.
You Never Walk Alone!
Anfangs sammelt ihr zunächst die wichtigsten Utensilien vom Parkplatz ein: Taschenlampe, Handy, Karte, ein paar Faltblätter und ein Walkie-Talkie wandern ins Inventar. Anschließend geht der Spaziergang los. Damit ihr im Wald nicht komplett die Orientierung verliert – was aufgrund der recht manchmal recht hässlichen Levelbegrenzung eigentlich oft verhindert wird – habt ihr zur Not ja noch Bullet.
Per Tastendruck gebt ihr eurem Hund den Befehl, Dinge zu suchen, zu apportieren, bei euch zu bleiben oder sogar zu streicheln. Eine interessante Idee, die dem Spiel etwas mehr Alleinstellungsmerkmale verleiht. Neben der Hundeinteraktion gibt es aber auch noch einige Rätsel zu lösen, die ebenfalls mit interessanten Ideen aufwarten. Ein „Blair Witch“ kommt natürlich nicht ohne den ikonischen Camcorder aus: Auch Ellis wird bald einen finden, der ein paar Geheimnisse preisgibt.
Allerdings wird es richtig interessant, wenn Ellis ein Tape aufspürt und dieses anschaut. Mit solchen Tapes kann er nämlich die Realität beeinflussen. Anfangs hört sich die Mechanik recht abstrakt an, wird aber schnell äußerst logisch und geht dann direkt ins Blut über. Lasst es mich aber anhand eines kleinen Beispiels erklären: An einer Stelle lande ich in einem kleinen Camp mit zwei, drei Häusern. Diese sind leider alle verschlossen.
Beim Herumstöbern stoße ich jedoch auf ein Tape: Darauf befindet sich eine Szene, wie ein Mann in eben diesem Camp von jemand anderem gejagt wird. Das Video ist gerade mal 15 Sekunden lang. In einer Szene stolpert der Mann durch die Tür und schließt sie direkt hinter sich. Stoppe ich das Tape jedoch an der Stelle, an der die Tür noch offensteht, ist diese urplötzlich auch in der Realität geöffnet. Das gibt euch eine Idee, wie diese Mechanik funktioniert.
Neben solchen Rätseln müsst ihr auch etwas Kombinationsgabe beweisen. Auf Schriftstücken verstecken sich manchmal versteckte Botschaften, mit denen ihr dann an anderer Stelle Schlösser knacken könnt. Alles sehr nett gemacht und ganz befriedigend, wenn ihr eins der Rätsel gelöst habt.
Ein besonderer Rätsel-Leckerbissen erwartet euch jedoch später im Verlauf der Story – Achtung: Mini-Spoiler! – wenn ihr euch im Haus der Hexe befindet. Wie Bloober Team hier den Camcorder einsetzt, ist schon ziemlich clever. Mehr wird nicht verraten.
Grusel auf mehreren Ebenen
Neben den Rätselpassagen kommen auch noch Gruselabschnitte, in denen ihr euer Geschick mit der Taschenlampe beweisen müsst, um nicht erledigt zu werden. Alles ganz nett, jedoch nutzen sich diese Passagen nach meinem Geschmack viel zu schnell ab und werden damit fast zur Routine – womit wir bei meinem Kritikpunkt wären.
Atmosphärisch wandert „Blair Witch“ nämlich immer wieder zwischen Spannung und solchen zähen Momenten. Teilweise streckt sich die Story ungewollt in die Länge, wenn ich mal wieder hilflos nach dem nächsten Hinweis suche, gerade bei einem Rätsel auf dem Schlauch stehe oder die Geisterjagd zur Routine verkommt. Zum Glück halten sich diese Momente aber in Grenzen und ich rechne es dem Entwicklerteam hoch an, dass sie es bei der Story bei einer Spieldauer von rund fünf bis sechs Stunden belassen haben.
Fazit
„Blair Witch“ hat seine Momente – besonders nach der coolen Präsentation auf der Gamescom war ich richtig gespannt auf die finale Version. Insgesamt muss ich sagen, dass ich gerne Zeit mit Bullet verbracht habe. Nur hin und wieder musste ich einige Durststrecken überwinden, mich zurechtfinden oder durch monotone Passagen kämpfen.
Das sind vielleicht auch die größten Schwächen von „Blair Witch“, das atmosphärisch ziemlich gut geraten ist. Die Spielmechanik mit Camcorder und dem Hund empfand ich als sehr erfrischend in dem Genre und wird mir positiv im Gedächtnis bleiben. Wer also etwas für Gruselspiele dieser Art übrig hat, kann sich gerne auf einen Spaziergang im Wald einstellen.
Erhältlich für: Xbox One, PC
Website: blairwitchgame.com