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Blue Prince

Jeder Raum ein Versprechen, jede Tür ein Risiko.

Manche Spiele erklären euch in den ersten zehn Minuten ganz genau, was sie von euch wollen. Blue Prince macht das nicht. Das Spiel wirft euch in das Anwesen Mt. Holly und gibt euch ein Ziel, das fast schon wie ein schlechter Witz klingt: Findet Raum 46 in einem Haus mit 45 Zimmern. Doch das ist der Anfang einer ganz besonderen Reise.

Ihr spielt den Erben Simon P. Jones und bewegt euch aus der Ego-Perspektive durch eine Villa, deren Räume sich jeden Tag neu zusammensetzen. Hinter jeder geöffneten Tür dürft ihr aus mehreren Raum-Blaupausen wählen und baut euch damit euren eigenen Weg durch das Anwesen. Das ist auf dem Papier simpel, in der Praxis aber sofort magnetisch, weil jede Entscheidung Folgen hat und jeder Grundriss eine neue Geschichte schreibt.

Der Sog des Hauses

Was mich an Blue Prince sofort gepackt hat, ist dieses Gefühl, dass kein Tag dem anderen gleicht und jeder Raum ein neues Geheimnis verspricht. Daran musste ich mich zunächst etwas gewöhnen: Die Villa verändert sich ständig, die Räume greifen clever ineinander und selbst unscheinbare Details können Stunden später plötzlich wichtig werden. Aber ihr könnt euch auch schnell verzetteln und müsst dann den nächsten Tag starten.

Das Ganze erzeugt einen Spielfluss, der sich fast heimlich festkrallt. Mal sucht ihr Schlüssel, Edelsteine oder Münzen, mal plant ihr mit euren begrenzten Schritten den sinnvollsten Weg, mal starrt ihr auf ein Dokument und merkt erst später, dass darin längst ein Hinweis versteckt war. Gerade diese Mischung aus Taktik, Neugier und Notizen macht den Reiz aus. Blue Prince lebt von seinem Netz aus kleinen und großen Entdeckungen.

Mehr als ein Rätselspiel

Das Spiel hat aber nicht nur Denksportaufgaben für euch. Es ist eher ein Haus voller Systeme, in dem Rätsel, Ressourcen und Raumplanung ständig miteinander sprechen. Räume können euch Vorteile geben, Schritte kosten, Geld abziehen oder neue Wege eröffnen, und genau dadurch wird jeder Lauf auch zu einer strategischen Übung.

Ich persönlich wusste anfangs jedenfalls nicht, auf was ich mich einlasse. Doch schon nach den ersten Schritten in der Villa war ich gefesselt. Tag für Tag wuchs mein Verständnis für das Haus und die Mechaniken des Spiels. Selbst nachdem ich mal eine Pause eingelegt hatte, blieben mir Rätsel und Andeutungen im Kopf. Und das ist ein dickes Lob.

Wo das Haus knarrt

So faszinierend das alles ist, gibt es auch kleine Kritiken meinerseits. Obwohl ich den Roguelite-Anteil liebe, kann dieser dennoch Frust erzeugen. Denn manchmal scheitern gute Ideen und saubere Planung trotzdem an unglücklichen Angeboten, fehlenden Räumen oder einem unpassenden Lauf. Wer Zufall im Rätseldesign ungern akzeptiert, wird hier also nicht nur staunen, sondern zwischendurch auch mal knirschen.

Der zweite Haken ist die Sprache. Es gibt nur englische Texte und Vertonung, und gerade weil viele Hinweise, Dokumente und wortbasierte Rätsel wichtig sind, können schwächere Englischkenntnisse schnell zur echten Barriere werden. Das sollte euch zumindest klar sein.

Fazit

Für mich ist Blue Prince ein herrlich eigensinniges Spiel. Es vertraut darauf, dass Entdecken, Grübeln und Staunen reichen. Und erstaunlicherweise tut es das auch. Die Idee mit dem wandelnden Haus ist nicht bloß eine verrückte Spielmechanik, sondern trägt über viele Stunden, weil hinter fast jeder Tür ein neuer Gedanke lauert.

Gerade deshalb funktioniert der Titel so gut: Nicht jeder Lauf ist perfekt, nicht jede Niederlage fühlt sich fair an, aber fast jeder Tag liefert eine neue Spur, einen neuen Verdacht oder einen kleinen Aha-Moment. Wer kurze Geduldsschnüre hat, Zufall hasst oder mit englischen Textbergen kämpft, sollte seine Erwartungen zügeln. Wer dagegen gern knobelt, beobachtet und sich von einem Spiel Stück für Stück verschlucken lässt, findet hier eines der ungewöhnlichsten und besten Rätsel-Abenteuer der letzten Jahre. Für mich ein echtes Indie-Juwel.

Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch 
Webseite: blueprincegame.com