Unerwartetes Comeback! Code Vein II fühlt sich an wie genau das, was viele Fans vom ersten Teil wollten: mehr Builds, mehr Anime-Drama, eine größere Welt – und bitte einmal Elden-Ring-Wind durch das verstaubte Leveldesign wehen.
In vielen Momenten klappt das tatsächlich, in anderen merkt ihr sehr deutlich, dass der Sprung nach vorn größer geplant war, als er am Ende geworden ist. Lasst uns gemeinsam einen genauen Blick drauf werfen.
Starke Builds, schwache Treffer
Wenn ihr schon mit Code Vein vertraut seid, seid ihr bei den Basics sofort wieder drin. Das Kampfsystem bleibt ein Soulslike mit Stamina-Management, leichten und schweren Angriffen, Ausweichrollen, Paraden und einem Fokus auf Pattern-Erkennung.
Die große Stärke ist erneut die Build-Vielfalt: Blood Codes bestimmen eure Stats und erlauben es euch, quasi on the fly die Rolle zu wechseln – vom flinken Twin-Blade-DPS zum schwer gepanzerten Hammerträger, ohne einen kompletten Charakter neu bauen zu müssen. Zusammen mit einer breiten Auswahl an Waffen und Gifts sorgt das dafür, dass ihr sehr viel herumprobieren könnt.
Lust auf Gesellschaft?
Hinzu kommen Begleiter, die diesmal fester in die Struktur eingebaut sind. Die „Partner System“-NPCs halten Gegner auf Abstand, ziehen Aggro, heilen oder buffen euch und machen den Einstieg deutlich zugänglicher als bei vielen anderen Soulslikes. Gerade wenn ihr nicht permanent mit voller Konzentration spielen wollt, ist das eine angenehme Stütze.
Umso bitterer, dass Bandai Namco daraus keinen Online-Koop gemacht hat: Während ihr sowieso ständig mit einem KI-Buddy unterwegs seid, bleibt die Option, einen echten Freund mitzunehmen, schlicht außen vor. In einer Zeit, in der Elden Ring & Co. zeigen, wie stark Koop solche Spiele trägt, ist das schwer nachvollziehbares verschenktes Potenzial.
Wie die Zeit verfliegt
Die neue Zeitreise-Mechanik bringt ansatzweise frischen Wind. Ihr reist in verschiedene Zeitlinien derselben Orte, verändert Ereignisse in der Vergangenheit, um die Gegenwart zu reparieren oder alternative Pfade zu öffnen. Das ist spielerisch vor allem ein Rahmen, um bekannte Gebiete in leicht veränderten Zuständen neu zu bespielen.
Die Idee hat Charme, wird mechanisch aber selten so genutzt, dass sie wirklich das Gameplay umkrempelt – eher eine nette Variation als eine tragende Systemsäule. Aber es bietet zumindest ein wenig Abwechslung.
Weniger Wumms als bei der Konkurrenz
Wo das Kampfsystem deutlich schwächelt, ist beim Treffergefühl. Denn Schläge fühlen sich nicht immer sauber oder wuchtig an: Die Grundlagen sind da, aber Animations-Latenz, Input-Lag durch Performance-Drops und eine generell etwas „sperrige“ Steuerung sorgen dafür, dass sich Kämpfe weniger knackig anfühlen, als sie sollten.
Gegner-Design und -Verhalten sind ein weiteres Sorgenkind. Abseits der Bosskämpfe wiederholen sich Gegnertypen und Angriffsmuster schnell; viele Begegnungen laufen nach ähnlichen Drehbüchern ab.
Like a Boss
Die storyrelevanten Bosse selbst schneiden besser ab: Sie sind einprägsam inszeniert, stellen klare Skill-Checks und zwingen euch, das gesamte Arsenal zu nutzen – zugleich entlarven gerade sie die technischen Schwächen und Unsauberkeiten im Kampfsystem, weil ein einziger Dropped Frame oder ein verspäteter Input hier schnell den Tod bedeutet.
Der Charakter-Editor ist dagegen wieder fast schon absurd gut gelungen. Ihr könnt euch stundenlang im Anime-Baukasten verlieren, Frisuren, Accessoires, Farbverläufe und Layer kombinieren und am Ende eine Figur bauen, die zu 100% „eure“ ist. Gerade wer Anime-Ästhetik mag, wird hier wieder glücklich.
Story: Coole Idee, komplizierte Umsetzung
Storyseitig versucht Code Vein II, eins draufzusetzen: Zeitreise, alternative Zeitlinien, ein gebrochener Weltzustand, den ihr durch Eingriffe in die Vergangenheit flickt, dazu eine dramatische Anime-Crew mit Erinnerungsverlust, Schuld, Opferbereitschaft und natürlich sehr viel „Power of Friendship“. Die Grundidee – eine zerstörte Welt durch Korrektur ihrer Wunden in verschiedenen Zeitsträngen zu heilen – hat definitiv Potenzial und liefert ein paar schöne Szenen, in denen ihr frühere Entscheidungen quasi „live überschreibt“.
Die Erzählweise schießt aber öfter übers Ziel hinaus. Die Handlung wird teilweise unnötig verschachtelt, springt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und alternativen Versionen hin und her und häuft dabei eine Menge Eigennamen, Fraktionen und technomagische Begriffe an. Wer nicht sehr aufmerksam verfolgt, verliert schnell den Faden.
Unterm Strich bleibt eine Story, die interessanter ist als die vieler Soulslike-Kollegen und auf Anime-JRPG-Schiene bewusst mehr Gefühl und Dialog bietet, aber nicht die Klarheit und emotionale Konsequenz erreicht, die sie anstrebt.
Anime-Sprung mit UE5-Bauchlandung
Optisch hat Code Vein II einen deutlichen Satz nach vorn gemacht. Der Anime-Stil bleibt erhalten, wirkt dank höherer Auflösung, besserem Lighting, detaillierteren Texturen und aufwendigeren Effekten aber deutlich moderner. Gerade Charaktere und große Bossmodelle sehen stark aus.
Die Musik, vor allem in Bossen und dramatischen Story-Momenten, leistet ebenfalls starke Arbeit. Chöre, treibende Gitarren und orchestrale Wucht untermalen Kämpfe so, dass sich viele Auseinandersetzungen größer anfühlen, als sie mechanisch vielleicht sind.
Optisch gibt es aber die typischen UE5-Symptome, wenn Anime-Optik nicht perfekt auf die Engine abgestimmt ist: Wachsig wirkende Oberflächen, merkwürdige Glanzlichter auf Haut, Pop-ins bei mittlerer Distanz und Clipping von Haaren oder langen Mänteln.
Welt: Offener, aber auch leerer
Einer der großen Unterschiede zum Vorgänger ist der deutlich offenere Aufbau der Welt. Statt relativ linearer „Korridor-Souls“-Maps bekommt ihr nun große Zonen mit Seitenwegen, optionalen Mini-Dungeons, versteckten Schätzen und Elden-Ring-inspirierten „Schau da hinten, da blinkt was, geh hin“-Momenten.
Zur Fortbewegung kommt das Motorrad dazu, das nicht nur cool aussieht, sondern sich auch befriedigend fährt. Über offene Ebenen zu brettern, Abkürzungen zu nehmen und zwischen Checkpoints hin- und herzurasen, macht tatsächlich Spaß und gibt der Welt ein Gefühl von Größe.
Leider bleiben viele Flächen trotzdem erstaunlich leer: wenige NPCs, spärlich gesetzte Gegnergruppen, weite Strecken, in denen wenig passiert. Was an „Schätzen“ zu finden ist, sind häufig Standard-Upgrades, Materialien oder neue Blood Codes, die zwar lohnend, aber nicht unbedingt spielverändernd sind. Damit bleibt das Spiel etwas hinter seinen Möglichkeiten.
Fazit: Ein gutes, aber nicht großartiges Wiedersehen
Code Vein II ist ein Spiel, das sehr genau weiß, was seine Zielgruppe will – und viel davon liefert. Das flexible Build-System, der starke Charaktereditor, die hilfreichen Begleiter und eine Zeitreise-Story, die mehr will als nur kryptische Lore-Fetzen, machen das Soulslike zugänglicher und „JRPG-hafter“ als viele Genre-Kollegen. Wenn ihr den ersten Teil mochtet, kommt ihr hier schnell rein, und die größere, offenere Welt mit Motorrad-Freiheit und mehr zu entdeckenden Kleinigkeiten fühlt sich zunächst wie ein logischer, spannender Schritt nach vorn an.
Gleichzeitig stolpert das Spiel genau dort, wo es eigentlich glänzen müsste: beim Treffergefühl, bei der technischen Sauberkeit und beim Leveldesign. Wenn ihr bereit seid, über technische Macken und Design-Ungenauigkeiten hinwegzusehen, weil euch die Mischung aus Anime-Optik, Build-Basteln und zugänglichem Soulslike-Gameplay reizt, kann Code Vein II euch viele Stunden gut unterhalten. Wenn ihr allerdings erwartet, dass der Nachfolger souverän zur Genre-Spitze aufschließt, werdet ihr merken, dass hier zwar viel Potenzial und Herzblut drinsteckt, der große Zeitsprung in die „Oberliga“ aber (noch) ausbleibt.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: de.bandainamcoent.eu/code-vein/code-vein-2