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Crimson Desert

Spiel des Jahres mit Achterbahnfahrt?

Ich habe selten ein Spiel erlebt, das so viele Leute lieben, aber auch gleichzeitig hassen. Crimson Desert ist für mich deshalb bereits schon ein Phänomen. Pearl Abyss baut hier ein episches Rollenspiel zusammen, das mit brillanten Ideen und einer spektakulären Welt glänzt, euch aber immer wieder mit Design-Entscheidungen eine schallende Ohrfeige verpasst. Gehen wir das Stück für Stück an.

Echt schön

Crimson Desert beeindruckt zuerst mit seiner Welt: Pywel ist riesig, technisch spektakulär und außergewöhnlich immersiv. Schon bei den ersten Schritten hier muss man staunen. Mit starker Weitsicht, aufwendigen Wettereffekten und einer offenen Welt, die zum Abschweifen einlädt. Nach mehreren Stunden kann man sogar Vergleiche zu Zelda, Red Dead Redemption 2 oder Skyrim ziehen, weil Erkundung, Entdeckerdrang und dieses berühmte „Ich schaue nur noch kurz dort hinten vorbei“-Gefühl hier ständig ausgelöst werden.

Genau deshalb hatte ich immer das Gefühl, dass das Spiel das Zeug zum ganz großen Wurf hat: Crimson Desert will nicht bloß groß sein, sondern episch wirken, und oft gelingt ihm das mit einer fast schon frechen Selbstverständlichkeit.

So viel

Außerdem ist das Spiel mit Inhalten regelrecht vollgestopft. Ihr wollt Beispiele? Vom Handelssystem, Kopfgeldjagden, Farm- und Camp-Ausbau, Forschungen, Rennen, Rätseln, Bossen und unzähligen kleinen Aktivitäten könnt ihr hier einiges erleben. Selbst nach weit über 100 Stunden könnte es sein, dass ihr noch nicht alles gesehen habt.

Dieser Umfang ist zugleich ein Pfund und eine Drohung: Crimson Desert gibt euch nicht einfach eine Welt, sondern einen ganzen Werkzeugkasten, wirft aber viele dieser Werkzeuge ziemlich unsortiert auf den Tisch.

Kampf und Kontrolle

Wenn Crimson Desert richtig aufdreht, dann vor allem im Kampf. Das Kampfsystem ist wuchtig, flexibel und außergewöhnlich vielseitig, mit vielen Moves, unterschiedlichen Waffentypen und einer Physik, die Treffer herrlich brachial aussehen lässt. In solchen Momenten wirkt das Spiel wie ein Open-World-Koloss, der euch nicht nur Landschaft zeigt, sondern euch mitten in spektakuläre Scharmützel, Belagerungen und Bosskämpfe schleudert. Kurzum: es macht einfach Spaß.

Der Preis für diese Freiheit ist allerdings hoch, denn die Steuerung zählt zu einem der größten Streitpunkte. Pearl Abyss verteidigt die Komplexität zwar als bewusste Design-Philosophie und spricht sinngemäß von einem „Schweizer Taschenmesser“ am Controller, doch genau dieses Tastenchaos empfinde ich als unintuitiv, überladen und anfangs regelrecht abschreckend. Ich würde es so formulieren: Crimson Desert will euch nicht nur spielen lassen, sondern erst einmal erziehen — und nicht jeder hat Lust, sich von einem Spiel mit so viel Nachdruck belehren zu lassen.

Designbrüche

Hier liegt der eigentliche Grund, warum die Meinungen von anderen so stark auseinandergehen. Auf der einen Seite stehen kreative Problemlösungen, coole Ideen, starke Präsentation und filmisch inszenierte Momente; auf der anderen Seite berichten Kritiken von sperrigem Questdesign, teils absurdem Pacing und Missionen, die sich nicht organisch anfühlen, obwohl die Welt eigentlich Freiheit verspricht.

Das habe ich auch teilweise erlebt: Das Spiel predigt Abenteuerlust, zwingt euch dann aber stellenweise in Lösungen oder Abläufe, die eher nach Systemzwang als nach Rollenspiel-Fantasie schmecken. Nichts, was man noch mit einem Patch verbessern könnte, aber sich aktuell merkwürdig anfühlt.

Platzprobleme

Und dann ist da noch das Inventar. In vielen Spielen verstehe ich die Platznot nicht so ganz, aber Crimson Desert treibt es auf die Spitze. Aus meiner Sicht ist das Inventar hier stark verbesserungsbedürftig, unter anderem weil es zu wenige Slots gibt. Das liegt daran, dass ihr wichtige Beute ständig mitschleppen müsst und Komfortfunktionen wie richtige Lagerkisten zum Start fehlten.

Dass selbst Fortschritt und Nebenaufgaben mit Inventarplatz verknüpft sind, ist so eine Entscheidung, bei der man den Ehrgeiz des Systems erkennt, aber trotzdem kurz den Controller sinken lässt und denkt: Wer genau fand das hier eine gute Idee? Ja, Quest-Zettel und Erfahrungspunkte verbrauchen Platz und können nicht ausgemistet werden. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Technik mit leichtem Stolpern

Präsentation und Technik können überwältigend sein, aber ganz sauber läuft dieser Gigant noch nicht. Neben allgemeiner Bug-Anfälligkeit gibt es kaputte oder heikle Quests, verschwundene Schlüsselobjekte, seltsames Verhalten bei Bewegung und kleinere bis größere Frustmomente, die in einer so riesigen Welt leider besonders stark auffallen. Das ist der Nachteil eines Spiels, das überall gleichzeitig glänzen will: Jeder Fehler wirkt sofort wie ein Kratzer auf blank poliertem Metall.

Immerhin hat Pearl Abyss nach dem Start bereits nachgebessert. Crimson Desert ist schon jetzt ein episches Abenteuer, aber eben eines, bei dem man förmlich sieht, wie ein paar weitere Patches noch einmal viel ausrichten könnten. In Summe passt das für mich aber.

Fazit

Crimson Desert ist für mich ein faszinierendes Monstrum: wunderschön, überambitioniert, voller großartiger Ideen und gleichzeitig voller Entscheidungen, die euch regelmäßig die Stirn runzeln lassen. Die Welt, der Umfang, die Kämpfe und die audiovisuelle Wucht heben das Spiel klar über Durchschnittskost hinaus, während Steuerung, Inventar, Queststruktur und Bugs verhindern, dass daraus schon jetzt ein uneingeschränktes Meisterwerk wird.

Genau deshalb würde ich meinen Testbericht auf einen Satz zuspitzen: Crimson Desert ist kein sauber geschliffener Edelstein, sondern ein gewaltiger, noch rauer Brocken, in dem schon heute etwas Großes steckt. Wer Geduld für Ecken, Kanten und gelegentlichen Design-Wahnsinn mitbringt, bekommt eines der spannendsten Open-World-Abenteuer des Jahres; wer ein rundes, komfortables Prestige-Spiel erwartet, wird hier eher staunen, leiden und sich zwischendurch laut wundern. Oder ihr wartet noch ein Weilchen, bis mehr Patches da sind. Lohnen tut es sich aber in jedem Fall.

Erhältlich für: Xbox, PS, PC 
Webseite: crimsondesert.pearlabyss.com/de-DE/Main