Puh, wo fange ich hier am besten an?! Den Test zu „Cyberpunk 2077“ zu schreiben, fällt mir ehrlich gesagt nicht so leicht. Denn was CD Projekt Red hier abliefert, geht jedenfalls irgendwie in die Geschichte ein – auf die ein oder andere Art. Aber schauen wir mal ein paar Jahre zurück, dann versteht ihr mich besser.
Ein Blick in die Vergangenheit
Vor acht Jahren begannen die Arbeiten zu „Cyberpunk 2077“ bereits. Damals war aber bereits ein anderes, heißes Eisen im Feuer der polnischen Spieleschmiede – „The Witcher 3“. Das epische Rollenspiel erschien 2015 und sprengte alle Erwartungen. Dementsprechend hoch waren auch die Erwartungen an „Cyberpunk 2077“ – es sollte der nächste geniale Schachzug von CD Projekt Red werden. Die Fans verzehrten sich nach jedem Stück Gameplay.
Dass dann noch Hollywood-Schauspieler Keanu Reeves mit an Bord war, machte den Hype umso stärker. Eigentlich sollte „Cyberpunk 2077“ bereits im April 2020 erscheinen. Kurz vor Release gab es dann die Verschiebung auf November 2020. Und dann plötzlich ein paar Wochen vor diesem Erscheinungstermin dann eine weitere Verschiebung um drei Wochen. Inzwischen ist klar, warum CD Projekt Red „Cyberpunk 2077“ erneut verschieben wollte. Dazu dann gleich mehr.
Das Warten hat ein Ende
Ich war schon etwas aufgeregt als ich zum ersten Mal selbst „Cyberpunk 2077“ anspielen durfte. Insgesamt kann ich das Spiel als Ego-Shooter mit starkem Rollenspiel-Anteil deklarieren. Ihr habt mächtig viel Optionen über das Erscheinungsbild eures Helden V, den ihr für das Abenteuer steuern dürft. Aber wählt mit Bedacht – das Äußere kann anschließend nicht mehr geändert werden.
Auch eure Hintergrundgeschichte hat Einfluss auf den Start des Spiels und den weiteren Verlauf. Für einen hohen Wiederspielwert ist also gesorgt – wäre da nicht eine Kleinigkeit. Ich spreche mal direkt den Elefanten im Raum an. Auf den „alten“ Konsolen wie PS4 und Xbox One ist „Cyberpunk 2077“ schlichtweg eine Katastrophe geworden. Unzählige Bugs trüben das Vergnügen und lassen Spieler sogar an manchen Stellen nicht mehr in der Story weiterkommen. Das geht nun wirklich gar nicht. Sony hat dafür auch die Bremsleine gezogen und erstattet Spielern ihr Geld. Keine sonderlich gute Werbung für das Spiel.
Auf den neuen Konsolen sieht die Sache anders aus: Hier gibt es ebenfalls jede Menge Bugs, doch halten sich die schlimmen in Grenzen. Lustige Compilation-Videos findet ihr zu Hülle und Fülle im Netz. Der PC hat wohl die bestmögliche Fassung abbekommen.
Der Weg aus den Schatten
Aber schauen wir mal weg von den Bugs, die wirklich den Spielspaß trüben. Denn was CD Projekt Red mit „Cyberpunk 2077“ entwickelt hat, ist fantastisch. Die Atmosphäre sucht ihresgleichen. Vom Story-Telling her ist „Cyberpunk 2077“ einfach eine Wucht: Die Gespräche, die Animationen, die tief entwickelten Charaktere – einfach alles passt hier zusammen. Ihr werdet rund 30 Stunden brauchen, um V ans Ende der Geschichte zu führen – wenn ihr es eilig habt.
Denn rechnet locker nochmal das Doppelte an Zeit drauf, wenn ihr alle Nebenaufgaben erledigen wollt. Diese Nebenaufgaben lohnen sich sogar insofern, dass sie die Geschichte entscheidend beeinflussen können. Ihr findet außerdem ein paar mächtige Waffen, mit denen V zum Schrecken der Straße wird. Oder seltene Cyberware, die euch in eine Killermaschine verwandeln wird.
Dein Weg
Jetzt habe ich schon ein paar Eckpfeiler von „Cyberpunk 2077“ angesprochen: Wie der Name schon sagt, spielt „Cyberpunk 2077“ in der Zukunft. Die Armut regiert (Punk), aber das auf einem hochtechnischen Entwicklungsstand (Cyber). Die Menschen bestehen also oftmals aus Maschinenteilen, die ihnen mächtige Fähigkeiten geben. V ist einer dieser Leute, die dies zu ihrem Vorteil ausnutzen. Als Söldner kommen die technischen Spielereien sehr gelegen. Damit könnt ihr euch in Systeme reinhacken, Terminals überbrücken oder Gegner hinterhältig ausschalten.
Cyberware macht euch stärker und unterstreicht den individuellen Spielstil. Samt der dazugehörigen Fähigkeiten könnt ihr „Cyberpunk 2077“ als Rambo oder Schleicher erleben. Wobei letztere Option meist durch die KI flach fällt. Viel zu oft bemerkt man euch und es endet in einem Showdown. Dennoch lässt euch das Spiel die Wahl, ob ihr alles killt, was euch in den Weg rennt, oder ob ihr Leute nur k.o. schlagt.
Aber ganz ehrlich: Im Herzen ist „Cyberpunk 2077“ ein klassischer Loot-Shooter. Auch wenn euch das Spiel zu Beginn völlig alleine mit dem Loot lässt, macht das schon einen Großteil der Action aus: Loot sammeln, auswerten, verschrotten oder behalten. Wer die Augen aufhält, entdeckt wertvolle Items, um sich später selbst zu verbessern.
Voll gepackt bis unter die Decke
„Cyberpunk 2077“ bietet euch verdammt viele Möglichkeiten, die Zeit totzuschlagen: Etliche Nebenmissionen, einen anschaulichen Fuhrpark, um durch die Stadt zu rasen und genial geschriebene Dialoge. Apropos Dialoge: Die Story ist das Glanzstück von CD Projekt Red. Ohne zu viel zu verraten, wird euch die Geschichte von V und Johnny Silverhand fest packen und erst am Ende wieder loslassen. Je nach Wahl eurer Taten bekommt ihr eines von sechs Enden zu sehen. Für einen zweiten oder dritten Durchgang lohnt sich „Cyberpunk 2077“ damit allemal.
Grafisch lässt „Cyberpunk 2077“ ebenfalls das Herz von Zockern schneller schlagen: Besonders auf dem PC in „epischen Grafikdetails“ sieht man, wie viel Herzblut CD Projekt Red hier reingepumpt hat. Fast überall könnt ihr stehenbleiben und staunen. Auf den Konsolen trüben einige Bugs dieses Bild, aber selbst auf den neuen Konsolengenerationen sieht „Cyberpunk 2077“ einfach nur atemberaubend aus – was sehr viel zur Atmosphäre beiträgt.
Fazit
Licht und Schatten: „Cyberpunk 2077“ hätte locker das Spiel des Jahres werden können. Die Story ist gigantisch und tiefgründig. Spielerisch befindet man sich ehrlich gesagt nicht ganz an der Spitze, aber auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Nur das Thema Bugs schmerzt etwas. Während die PC-Spieler davon eigentlich nicht mehr viel mitbekommen, ärgern sich die Konsolenspieler – oder können an manchen Stellen gar nicht weiterspielen.
Grundsätzlich kann ich „Cyberpunk 2077“ aber jedem Zocker ans Herz legen – die Zeit wird auch Patches für die Konsolenspieler bringen. Denn was CD Projekt Red hier abliefert ist großes Kino in einer atmosphärisch dichten Welt, die ich seid Blade Runner so nicht mehr erlebt habe. Aber über den Fertigstellungsprozess müssen wir noch mal reden …
Erhältlich für: PS5, Xbox Series X/S, PC
Website: cyberpunk.net/no/en