Lasst mich mit einer kleinen Anekdote beginnen: Als Diablo 2 im Jahre 2000 erschien, war einer meiner besten Kumpels damals Feuer und Flamme für das Spiel. Ein Jahr später wurde die Leidenschaft meines Freundes noch einmal durch das Add-On Lord of Destruction angeheizt. Ich verstand seinen Ehrgeiz nicht so recht.
Denn wenn ich ihn besuchte, schwärmte er mir zwar pausenlos vom Spiel vor, aber es packte mich nicht so recht. Das lag daran – und das erfuhr ich erst Monate oder Jahre später – dass mein Kumpel bereits tief im Endgame drinsteckte. Was sich auf dem Bildschirm abspielte, war aus meiner Sicht ein heidenlosen Durcheinander an Effekten und Gemetzel. Ich verstand nur Bahnhof und auch das Wörtchen „Baal-Run“.
Ich bin mal weg
Mein Freund war so tief im Spiel drin, dass er nicht einmal bemerkte, dass ich zwischendurch sechs Wochen nach China in Urlaub abgedampft war. Als ich wieder zurückkam, fragte er mich – den Kopf immer auf den Monitor gerichtet – wann ich denn eigentlich nach China wolle. Als ich ihn aufklärte, dass ich schon längst wieder zurück sei, zuckte er mit den Schultern, lachte und metzelte weiter.
Warum ich das erzähle? Ganz einfach: Ich will euch zeigen, wie sehr Diablo 2 damals bei der Community einschlug. Denn mein Kumpel war nicht der Einzige, der dem Höllenfürsten verfiel. Nun sind über 20 Jahre seit dem Start von Diablo 2 vergangen. Und endlich darf ich auch mal ran bzw. möchte mich in diese Welt einsaugen lassen - so wie mein Kumpel vor zwei Dekaden. Allerdings bringe ich nun etwas mehr Vorwissen und vielleicht auch Altlasten mit.
Was ich damit meine? Nun, ich habe Diablo 3 regelrecht süchtig gespielt und liebe es. Seither kann ich auch verstehen, was mein Kumpel bei Diablo 2 empfand. Nur genau das ist auch mein größtes Problem. Mein Freund hatte damals nur Diablo 1 als Vergleich - ich hingegen stelle Vergleiche mit Diablo 3 an, ob ich nun will oder nicht.
Neuanfang
Genug der Vorrede. Diablo 2: Resurrected lässt den Klassiker wieder aufleben. Blizzard hat sich diesmal redlich Mühe gegeben, dass sich das Debakel von Warcraft 3 Reforged nicht wiederholt. Man hat an der Grafikschraube gedreht und zusätzlich eine passable Controller-Steuerung etabliert. Der Rest spielt sich wie damals. Erster Eindruck: Ein sehr gelungenes Remaster. Auf der einen Seite wird das Nostalgiker sicher direkt abholen und in Erinnerungen schwelgen lassen.
In meiner Brust schlagen jedoch zwei Herzen: Der Nostalgiker in mir liebt dieses Remaster, das sich heutzutage immer noch prima spielen lässt - das darf ich gerne schon verraten. Der moderne Spielekenner in mir ist jedoch genervt von fehlenden Quality of Life Aspekten, die Diablo 3 etabliert hat. Dabei nehme ich Blizzard besonders übel, dass es zwar die Möglichkeit auf Koop gibt, aber nicht den so lieb gewonnen Couch-Koop, auf den ich mich so sehr gefreut hätte. Aber es gibt noch mehr Gründe, die einen Beigeschmack haben.
Geschmackssache
Sehr begrenzte Menüs, bei denen man immer wieder Gegenstände hin- und herschieben muss, ein vergleichsweise kleiner Bildausschnitt, Skill-Trees, bei denen man sich verzetteln kann – so war das damals eben. Heutzutage bin ich aber mehr Komfort gewohnt und hätte es nicht schlimm gefunden, wenn Blizzard diese Dinge angepackt und modernisiert hätte.
Allerdings wartet aber auch eine riesengroße Fangemeinde auf ihren heiß geliebten Klassiker in neuem Gewand, den man ja nicht zu sehr verändern bzw. verwässern sollte, will man nicht den Zorn der Community auf sich ziehen. Insofern ist Blizzard hier in einer heiklen Situation. Am Ende haben sie das Remaster aber gut gemeistert, auch wenn sogar Glitches von damals in die heutige Zeit übernommen wurden, was wirklich keinen Sinn macht.
Mehr Einsatz, bitte!
Diablo 2: Resurrected enthält Rollenspielmaterial, das euch die nächsten Wochen und Monate gut bei Laune halten kann. Allerdings müsst ihr euch etwas tiefer reinknien als in modernen Rollenspielen. Denn ihr macht hier eine spielerische Zeitreise von zwei Dekaden in die Vergangenheit. Zu Beginn habt ihr zunächst die Qual der Wahl, was die Klasse angeht: Welche der sieben Helden wollt ihr für die nächsten Stunden begleiten? Daran orientiert sich auch euer Spielstil.
Hinzu kommt, dass ihr immer eine Fanseite parat haben solltet, wenn ihr mal mit einer Klasse auflevelt oder später Runen und Edelsteine findet. Beim Aufleveln müsst ihr nämlich vorsichtig sein, welchen Skill ihr als nächstes freischaltet. Kann schnell passieren, dass euer Build so nicht mehr funktioniert in späteren Abschnitten. Zwar dürft ihr nun einmal kostenlos eure Skills neu verteilen, aber wenn ihr das öfters macht, wird es richtig teuer und kostet immens viel Zeit.
Bei den Runen ist das ebenso: Diese Runen-Sprüche machen eure Ausrüstung wirklich mächtig – nur müsst ihr dafür die richtige Kombination finden. Dass ihr das per Zufall findet, ist sehr unwahrscheinlich. Also schaut auf einer Fanseite nach. Hat mir sehr geholfen und ordentlich Zeit und Ärger gespart. Es gibt auch noch viele andere Design-Fragen, die man heute so nicht mehr machen würde, damals aber gang und gäbe waren. Wenn ihr das ausblenden könnt, bekommt ihr ein episches Abenteuer.
Die Cinematics zwischendurch sind übrigens immer noch eine Wucht und erzählen die Geschichte um den Wanderer in epischer Größe. Bevor ich hier aber noch mehr Vergleiche zur heutigen Zeit ziehe, beende ich den Test mit ein paar positiven Aspekten. Diablo 2: Resurrected zeigt, wie weit Blizzard damals schon seiner Zeit voraus war und das Gameplay immer noch hervorragend unterhalten kann.
Die sieben Klassen sind so perfekt ausbalanciert, dass es eine wahre Freude ist mit ihnen auf Dämonen-Jagd zu gehen. Fehlende Komfortfunktionen hin oder her – jedes Mal ertappe ich mich, dass ich nur noch einen Level aufsteigen will, bevor ich das Spiel ausmache. Und das ist ein echtes Kompliment.
Fazit
Wie gesagt: Diablo 2: Resurrected ist ein gelungenes Remaster, das Nostalgiker glücklich machen wird. Allerdings zeigt es auch deutlich, wie sehr die Spielwelt seither vorangeschritten ist: Viele Gameplay-Elemente kommen modernen Spielern archaisch und unkomfortabel vor. Daran hat Blizzard sogar einen entscheidenden Einfluss gehabt, indem sie in Diablo 3 neue Standard gesetzt haben, die in Diablo 2 eben noch nicht vorhanden waren.
Daher muss sich Diablo 2: Resurrected auch solchen Vergleichen stellen. Wenn man jedoch damit seinen Frieden geschlossen hat, dass es sich hier um ein Stück Videospielgeschichte handelt und nicht um ein brandaktuelles Game, kann man den nostalgischen Höllentrip ruhig wagen – und wird mit stundenlanger Unterhaltung belohnt. Danke, Blizzard, dass ihr uns dieses Remaster ermöglicht habt.
Erhältlich für: PC, Xbox, PS, Switch
Website: diablo2.blizzard.com/de-de