Da steht mein NPC-Begleiter. Kurz vor einem Abgrund mit wackeligen Beinen. Bei einem Sturz wartet ein unscheinbares Flüsschen auf ihn. Das Wackeln wird stärker. Ich schaue gespannt zu, was hier eigentlich passiert. Denn eins muss man wissen: Niemand hat den NPC hierher zitiert oder gesagt, dass er am Rand herumtänzeln muss. Und dennoch steht er da. Gespannt schaue ich ihm zu. Und dann passiert es: Er verliert das Gleichgewicht und stürzt ins Wasser. In Sekundenschnelle wickeln sich Tentakeln um ihn und ziehen ihn in die Tiefe.
Mission erfolgreich!
Sein Ende. Doch nicht nur das: Auch meine Mission wird damit abgehakt. Denn der NPC gehörte nicht zu meinem Team, sondern war Teil eines Auftrags. Eigentlich hätte er mich in die Hauptstadt begleiten und dort für meinen Einlass garantieren sollen. Nun muss ich alleine irgendwie in die Stadt. Seine drei Teammitglieder stehen ratlos in der Gegend und wissen nicht weiter. Sicherlich stehen sie auch nach vielen Stunden immer noch dort. Es ist eine Szene, die typisch für Dragon's Dogma 2 ist. Denn bei diesem Abenteuer könnt ihr nie genau sagen, was als nächstes passiert. Und genau deswegen liebe ich es so.
Capcom bringt mit Teil 2 endlich den von Kenner:innen erhofften Nachfolger eines fantastischen und besonderen Rollenspiels auf den Markt. Denn mit seinen Ecken und Kanten ist Dragon's Dogma 2 etwas eigenwillig, aber hat so viel Charme. Das liegt an der Mechanik und der offenen Welt, die euch das Spiel bietet. Das Einzige, was man Capcom hier vorwerfen könnte, ist die Tatsache, dass sich Dragon's Dogma 2 nicht sonderlich von Teil 1 unterscheidet. Nun meine Frage: Muss es das denn überhaupt?
Lange vergessen – leider
Wie genau erinnert ihr euch an Teil 1 aus dem Jahr 2012? Obwohl ich es damals richtig gut fand, sind meine Erinnerungen über die Jahre verblasst. Selbst wenn das meiste gleich geblieben ist, macht mir das nichts aus. Bei Reihen wie Assassin's Creed, Far Cry, Halo und Co ist es doch auch immer das gleiche in Grün. Also haken wir diesen Kritikpunkt schnell ab und konzentrieren uns auf das, was Dragon's Dogma 2 so einzigartig macht.
Da wäre zum einen das Vasallen-System, das ich nicht direkt verstanden hatte. Dabei ist es recht einfach. Ihr bekommt auf eurer Reise durch das von griechischen Mythen durchzogene Fantasy-Reich einen festen Begleiter an eure Seite. Dieser Vasall levelt und lebt mit euch zusammen. Genau wie ihr selbst, dürft ihr ihn aus vier Grundklassen formen und aufsteigen lassen. Ihr habt also die Wahl, ob ihr lieber einen Krieger, Assassinen, Magier oder Bogenschützen neben euch haben wollt. Bis dahin noch alles recht simpel.
Teamwork makes the Dream work
Allerdings dürft ihr bis zu drei Vasallen gleichzeitig im Team haben. Also wo kommen die anderen beiden her? Die Antwort: von euch aus der Community. Denn überall in der Welt von Dragon's Dogma findet ihr magische Steine. Dank dieser betretet ihr eine Parallelwelt, in der dutzende Vasallen auf euch warten. Und diese stammen von anderen Spieler:innen aus der ganzen Welt. Wählt ihr einen Vasallen, der unter eurem Level ist, kostet dieser auch nichts. Bessere Vasallen verlangen Vasallen-Punkte, die ihr während eures Abenteuers sammelt.
Sobald jemand mit eurem Vasallen unterwegs ist, erhaltet ihr dafür eine Belohnung. Und keine Sorge: Euer Vasall wird physisch nie von eurer Seite weichen, sondern lediglich eine Kopie von ihm wird in die Welt zu anderen geschickt. Wenn man das so kapiert hat, ist das System recht einfach. Übrigens: Zusätzliche Vasallen von anderen Spieler:innen können nicht aufleveln. Aber das System lässt zu, dass ihr euch richtig starke Unterstützung an Bord nehmen könnt, wenn ihr mal nicht weiterkommt. Außerdem stellt ihr so eine Truppe nach euren Wünschen auf.
Ein Hauch Gothic
Die zweite Besonderheit ist das Kampf- und Level-System. Gerade zu Beginn von Dragon's Dogma 2 bekommt ihr überall in der Welt volle Pfund aufs Maul. Ihr habt theoretisch eine offene Welt, aber die Level der Gegner grenzen es ganz gut ein. Daher lohnt sich jeder Aufstieg eures Levels. Dabei bekommt ihr automatisch mehr Status-Punkte, die euch langsam in allen Belangen besser machen. Aber das ist noch nicht das Besondere. Viel interessanter sind die Erfahrungspunkte, die ihr zusätzlich bekommt. Mit diesen könnt ihr in Städten auf Einkaufstour gehen.
Denn in fast jeder größeren Stadt wartet eine Gilde auf euch, die für jede Klasse neue Fähigkeiten anbietet. Neue Angriffe für Krieger oder magische Sprüche für Magier. Jedes Mal habe ich mich auf den Besuch einer neuen Stadt gefreut. Was wird mein Charakter wohl als nächstes lernen? Zudem gibt euch Dragon's Dogma auch die Chance, jederzeit die Charakter-Klasse zu wechseln. Ihr wollt kein Bogenschütze mehr sein? Dann werdet doch schnell zum Magier. Kein Problem. Das macht das Spiel sehr abwechslungsreich.
Want something special?
Und dann wären da noch die Spezialisierungen, die euch zu verschiedenen Unterklassen führen. Mein Favorit ist der Erzmagier mit mächtigen, flächendeckenden Angriffen. Wer als Krieger lieber auf Tuchfühlung gehen will, kann in Capcoms Spiel im wahrsten Sinne des Wortes handgreiflich werden. Per Knopfdruck haltet ihr euch an Zyklopen, Chimären oder Trollen fest und klettert auf ihnen herum. Dadurch könnt ihr sie ins Schwanken bringen, ablenken und Wunden zufügen. Auch hier muss man sich kurz dran gewöhnen. Dann aber laufen die Kämpfe immer wieder spannend ab.
All das mag in der ein oder anderen Form schon im Vorgänger vorhanden gewesen sein, aber es wurde hier besser umgesetzt. Die Mechaniken funktionieren einfach gut zusammen. Nur wisst ihr manchmal nicht genau, wohin eure Entscheidungen führen werden. Das finde ich immer wieder reizvoll.
Herrliche Bedrohung
Grafisch macht Dragon's Dogma 2 einen sehr schicken Eindruck. Ihr bekommt hier den typischen Capcom Look, den ich so bereits aus der Neuauflage von Resident Evil 4 kenne und liebe. Immer wieder zaubert das Spiel fantastische Szenen auf den Bildschirm. Nur solltet ihr nicht zu lange staunen, wenn euch eine gigantische Schlange im Nacken hockt. Womit wir beim letzten Punkt wären.
Das Gegner- und Monster-Design ist eine der großen Stärken von Dragon's Dogma 2. Ihr spührt die kräftigen Schläge eines Trolls förmlich oder das Kreischen eines Greifs. Auch das Größen-Verhältnis ist Capcom perfekt gelungen. Wenn ihr einem gigantischen Drachen gegenübersteht, kann euch schon mal etwas Angst und Bange werde. Nur mit der Kameraführung hatte ich dabei hin und wieder meine Probleme. Also kommen wir zum Abschluss.
Fazit
Dragon's Dogma 2 ist so riesig, dass es schwer fällt, alle Aspekte gründlich zu betrachten. Persönlich liebe ich das Rollenspiel, weil es mir Freiraum zum Entdecken und Experimentieren gibt. Ganz in meinem Tempo darf ich das Einzelspieler-Abenteuer in Angriff nehmen, ohne dass ich allein unterwegs bin – den Vasallen sei Dank. Durch dieses System fließt ein wenig Multiplayer-Feeling hier rein, was es aber eigentlich nicht ist. Wenn ihr auf ein besonderes Rollenspiel Lust habt, dass nicht so glatt geschliffen daher kommt, wie der meiste Mainstream, der sollte sich Dragon's Dogma 2 auf jeden Fall anschauen. Meine Empfehlung hat das Spiel. Gut gemacht, Capcom!
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Website: dragonsdogma.com