Endlich steht Dying Light 2 von Techland in den (virtuellen) Regalen dieser Welt. Lange hat’s gedauert. Schwierig war die Entwicklung aus Sicht des polnischen Teams. Ich persönlich hatte meine Vorfreude bereits wieder verloren nach den etlichen Verschiebungen. Und dabei sah die Preview auf der gamescom 2019 (!) bereits so vielversprechend und fertig aus. Was ich damals zu sehen bekam, hat den Weg in die finale Version leider nicht geschafft. Aber dazu später mehr.
Jedenfalls wurde meine Vorfreude wieder kurz vor dem Release geweckt – und zwar durch meinen lieben Arbeitskollegen und Freund Sebastian P. Ich habe mich leicht von dem Hype anstecken lassen und als ich die fast fertige Version vor dem offiziellen Release bekam, kannte meine Begeisterung kein Ende. Was ich dann erlebte war eine Achterbahnfahrt der Gefühle und Spielmomente. Also tauchen wir ein in diese postapokalyptische Welt voller Zombies.
Mit Zombies kennen sie sich aus
Die erste Frage gleich vorweg: Habt ihr Dying Light 1 gespielt? Oder kennt ihr Dead Island, das ebenfalls von Techland stammt? Falls ja, dann seid ihr schon mitten im Thema und Gameplay. Für alle anderen: Lasst mich kurz erklären. Zunächst einmal: Für die Story und den Spaß an Dying Light 2 braucht ihr den Vorgänger keineswegs gespielt zu haben. Ich selbst konnte mich an die Geschichte aus dem ersten Teil wenig erinnern. Denn sonderlich Story-basiert war Dying Light nie. Vielmehr geht es um das Gameplay – und das beherrscht Techland wie fast kein zweites Studio.
Aus der Ego-Perspektive hechtet ihr in einer offenen Welt in bester Parkour-Runner-Manier über Zäune, Dächer und Wände. Ihr erklimmt Anhöhen in Sekundenschnelle und sprintet durch die Gassen. Warum das alles? Zum einen, weil ihr es könnt und zum anderen, weil wir uns inmitten einer von Zombies verseuchten Postapokalypse befinden. Die nennen sich aber nicht Zombies, sondern Infizierte – Hunger auf menschliches Fleisch haben sie dennoch. So viel mal zum groben Konzept. Also weiter zum täglichen Geschäft von Dying Light 2.
Am Anfang der Geschichte lernt ihr schnell euren Hauptcharakter Aiden kennen. Der Bursche ist schon eine Weile länger in der Wildnis unterwegs und kennt sich im Kampf gegen die Infizierten gut aus. Nach hunderten von Kilometern quer durch den durchseuchten nordamerikanischen Kontinent trifft er vor den Stadtmauern der fiktiven Metropole Villedor ein. Dort will er mehr über den Verbleib seiner Schwester erfahren. Schnell bekommt er Hilfe von verschiedenen Seiten – das Abenteuer beginnt. Viel mehr werde ich euch an dieser Stelle nicht über die Geschichte verraten. Das sollt ihr schön selbst erleben.
Ein Einstieg nach Hollywood-Art
Jedenfalls sind die ersten Momente in Dying Light extrem atmosphärisch geworden und der Geruch eines Meisterwerks wird hier verströmt. Leider kommen später ein paar faulige Nuancen hinzu, die das Gesamtbild etwas trüben. Aber bleiben wir zunächst positiv. Zu Beginn meiner Reise mit Aiden erwartet mich First-Person-Action der Spitzenklasse. Schneller lerne ich, wie ich mich gegen die Infizierten zur Wehr setze und dass ich abends besser im Schein meiner UV-Lampe verweile, weil das die Infizierten abschreckt.
Aber auch mein Überlebensinstinkt hilft mir dabei, nützlichen Kram in meiner nahen Umgebung zu lokalisieren. Denn Dying Light besteht nicht nur aus Action, sondern auch aus Entdecken und Sammeln. Nach etwa eineinhalb Stunden betrete ich zum ersten Mal Villedor und beende damit das Tutorial. Meine Freude und Begeisterung driftet dabei in die höchsten Unterhaltungssphären. Einfach grandios, was Techland hier bietet.
Die nächsten Stunden verbringt ihr damit, in der offenen Welt von Villedor Aufgaben zu erledigen. Dabei hat sich Techland alle Mühe gegeben, dass ihr Abwechslung bekommt und immer wieder Entscheidungen treffen müsst. Eure Entscheidungen nehmen direkten Einfluss auf den Verlauf der Story – zumindest was das Ende der Geschichte angeht. Aber auch im Kleinen stellt euch Dying Light immer wieder vor die Wahl. Dabei gibt es kein richtig oder falsch, kein schwarz oder weiß. Das Spiel lässt sich mit jeder Entscheidung beenden. Ihr müsst nur damit leben.
Jetzt komme ich zum großen „Aber“ in diesem Abschnitt. Anfangs habe ich bereits erwähnt, dass ich auf der gamescom 2019 schon eine Vorführung bekam. Damals sah ich, dass meine Entscheidungen gravierende Auswirkungen auf die Umgebung haben können. Je nachdem wie ich mich entscheide, hätte ich so einen komplett anderen Verlauf des Spiels eingeschlagen. Das fiel im Laufe der Entwicklung leider unter den Teppich.
Ihr dürft euch nun lediglich für zwei Fraktionen entscheiden und bekommt je nach Ausrichtung verschiedene Boni im Gegenzug. Die Überlebenden setzen beispielsweise auf Parkour-Elemente, während die Peacekeeper eher auf Fallen für die Infozierten setzen. Ich wusste schnell, wem ich mein Vertrauen schenken wollte – verrate das hier aber nicht.
Villedor ist in zwei große Zonen unterteilt, die jeweils wieder in einzelne Distrikte eingeteilt sind. Das ist euer gesamter Spielplatz für die nächsten 25 bis 150 Stunden – je nachdem wie genau ihr diese Spielwiese erkunden wollt. Die Kampfkraft der Gegner in den einzelnen Distrikten zeigt euch auf natürliche Weise, wo ihr am besten zuerst rumlaufen solltet. Die Welt ist dabei dermaßen gut gestaltet, dass das Herumlaufen, -hüpfen und -klettern eine wahre Freude ist.
Das Sammelfieber nach neuen, besseren Gegenständen motiviert zusätzlich. Auch das Kämpfen fühlt sich durch die Ego-Perspektive gleich viel intensiver an und ließ mich oftmals auf der Couch hochschrecken, wenn mich ein Infizierter von der Seite packte. Dickes Lob an Techland. Wäre das hier alles, was ich schreiben würde, hätten wir eines der absoluten Top-Spiele des Jahres vor uns. Doch leider gibt es ein paar Schattenseiten in Dying Light – und damit meine ich nicht den dynamischen Wechsel von Tag und Nacht, der Bewegung hier ins Spiel bringt.
Köln für die Ohren
In der Vorabversion spielte ich Dying Light auf der Xbox in englischer Sprachausgabe: ein Genuss für die Ohren. Die Sprecher sind Profis, die Emotionen cool rüberbringen und Hauptakteur Aiden ein sehr sympathischer Kerl, den man gut versteht. Kurz vor dem offiziellen Release trudelte dann die deutsche Sprachausgabe ein und ersetzte, ohne zu fragen, die englische Tonspur. Im Menü lässt sich das leider nicht ändern, in der Spielebibliothek auf eurer Festplatte aber schon.
Was war das Problem? Ganz einfach: Schon mal was von der Reality-Doku „Köln 50667“ gehört? Wenn dort die Testosteron-aufgepumpten Machos ihre Sprüche ablassen, mag das ganz amüsant sein. Verfrachtet man eine ähnliche Sprache in Dyning Light 2 und sucht sich den möglichst schlechtesten Synchronsprecher für den Hauptcharakter aus, grenzt das an Wahnsinn.
Von einem Tag auf den anderen mutierte Aiden für mich von der extrem coolen Parkour-Action-Sau zum Bauerntölpel, der mit seiner eigenen Muttersprache heillos überfordert ist. Warum Techland hier nicht vernünftig vertonen konnte, ist wohl eine Frage des Budgets gewesen. Selbst wenn, dann lasst mir aber bitte die Option im Spiel, wieder auf die englische Tonspur zu wechseln. So grenzt das Ganze an ungewollten Slapstick.
Neben der Vertonung ist aber auch was bei der Story schiefgelaufen. Um ehrlich zu sein: Ab etwa der Mitte des Spiels schlägt die Geschichte derart merkwürdige Weg ein, dass ich es nicht mehr nachvollziehen kann. Am Ende hätte ich euch nicht genau erzählen können, was hier passiert ist. Eigentlich schade, weil die ersten Stunden grandios in jeder Hinsicht waren. Daher durchlebte ich beim Spielen eine Achterbahn der Gefühle und eine kleine Wut, dass mit mehr Zeit hier noch deutlich mehr Potenzial dringesteckt hätte.
Fazit
Am Ende bleibt ein kleiner Beigeschmack: Dying Light ist ein wirklich unterhaltsames Spiel, das auf hohem Niveau scheitert. Die offene Welt ist hervorragend designt, der Parkour-Lauf eine Klasse für sich und anfangs atmosphärisch sehr stark. Ab der Hälfte fällt dieses Kartenhaus leicht in sich zusammen, wenn plötzlich Story und Tonspur einen grob aus dem Geschehen reißen. Vielleicht ist hier mit ein paar Patches noch nicht aller Tage Ende.
Fernab dieser Baustellen überzeugt Dying Light aber zum Großteil. Ich persönlich hatte meine helle Freude an diesem Monster von Spiel. Die Story habe ich gedanklich beiseitegeschoben und mich auf die positiven Aspekte konzentriert – und davon hat Dying Light eine ganze Menge. Selten, dass mich ein Spiel wieder dermaßen gepackt und begeistert hat – und das will was heißen. Wenn ihr also auf Zombies, offene Welt und den speziellen Adrenalin-Kick steht, dann solltet ihr unbedingt in Dying Light 2 reinschauen. Vergesst eure Taschenlampe aber nicht.
Erhältlich für: PC, PS, Xbox
Website: dl2.dyinglightgame.com/de