Ereban: Shadow Legacy ist ein Indie-Debüt mit starker Kernidee, toller Atmosphäre und elegantem Bewegungsgefühl. Nur bei Stealth-Anspruch, Gegnerdruck und Story trägt das nicht immer bis zur letzten Konsequenz. Für mich ist es daher vor allem ein Spiel, das man für seine Vision mögen kann, auch wenn es unterwegs mehrfach zeigt, dass gute Ideen allein noch kein großes Schleich-Meisterwerk ergeben.
Schattenlauf
Ereban schickt euch als Ayana, letzte Nachfahrin einer vergessenen Rasse, durch eine von Megakonzernen geprägte Sci-Fi-Welt. Dort taucht ihr mit der Schattenverschmelzung in Dunkelheit ein, erklimmt Wände, gleitet durch Gitter und schaltet Gegner lautlos aus. Genau diese Mechanik ist der große Star, weil sie Stealth und Platforming nicht nur kombiniert, sondern zu einem auffällig flüssigen Bewegungsrhythmus verbindet, der dem Spiel sofort ein eigenes Gesicht gibt.
Das macht schon in den ersten Minuten Spaß, weil sich Schleichen hier nicht nach langsamem Hocken im Gebüsch anfühlt, sondern eher wie ein kontrollierter Sprint durch Schattenfugen und Sicherheitslücken. Wenn Ereban gut ist, dann wirkt es wie ein Tenchu- oder Dishonored-Verwandter, der seinen Stil nicht über Gewaltfantasien, sondern über elegante Fortbewegung und kluge Routenfindung definiert.
Starke Bilder
Auch audiovisuell hat das Spiel einiges zu bieten: Die cell-shaded Ästhetik, die hübsch-kontrastreichen Umgebungen und die Idee einer Welt, in der Licht Bedrohung und Schatten Sicherheit bedeuten. Gerade die vertikalen Areale, Industrieanlagen und verlassenen Bezirke tragen viel dazu bei, dass sich das Abenteuer größer und geheimnisvoller anfühlt, als man es einem Erstlingswerk vielleicht zutrauen würde.
Hinzu kommt, dass die offene Struktur vieler Gebiete und die eingebaute Bewegungsfreiheit für erfreulich viele kleine „Ich nehme doch lieber den Weg da oben“-Momente sorgen. Wegen kleiner Ecken und Kanten, auf die ich gleich eingehe, ist es kein perfekter Geheimtipp, aber ein deutlich wertgeschätztes Indie-Projekt mit echtem Charakter.
Wo es stolpert
Der größte Knackpunkt ist ausgerechnet das Genreversprechen selbst: Als Stealth-Spiel scheint Ereban oft zu wenig Widerstand zu leisten. Sowohl das Gegnerverhalten, Missionsdruck und Moralsystem fallen zu weich aus. Das geht sogar soweit, dass man häufig mit Minimalaufwand oder sogar aggressivem Vorgehen durchkommt, ohne ernsthaft zur Raffinesse gezwungen zu werden.
Auch die Geschichte bekommt eher ein höfliches Nicken als echte Begeisterung. Der Grundtenor lautet: interessante Prämisse, ordentliche Welt, aber zu wenige Figuren mit Zugkraft und zu wenig erzählerischer Payoff für all die Themen, die das Spiel anreißt. Mit einer Spielzeit von rund sechs Stunden bleibt das Abenteuer immerhin kompakt, läuft dadurch aber auch Gefahr, eher wie ein vielversprechender Auftakt als wie eine voll ausgearbeitete Stealth-Sensation zu wirken.
Fazit
Ereban: Shadow Legacy ist für mich ein gutes Spiel mit einer hervorragenden Idee im Zentrum. Die Schattenmechanik, das flotte Platforming und die visuell starke Welt machen das Abenteuer klar interessant. Lediglich die zu sanften Stealth-Herausforderungen und die nur ordentlich statt packend erzählte Geschichte verhindern, dass daraus ein ganz großer Genre-Tipp wird.
Trotzdem hat dieses Debüt etwas Sympathisches, weil man in fast jeder Mission merkt, wie sehr Baby Robot Games an seine eigene Vision glaubt. Wer harte Schleichprüfungen sucht, dürfte etwas unterfüttert zurückbleiben; wer aber Lust auf ein stilvolles, kompaktes und angenehm eigenständiges Schatten-Abenteuer hat, findet hier ein Spiel, das mehr kann, als seine kleinere Produktionsgröße zunächst vermuten lässt.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: ereban.com