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Escape from Ever After

Wenn Paper Mario plötzlich Gewerkschaft macht.

Escape from Ever After ist so ziemlich genau das, was viele von euch seit Jahren heimlich wollten: ein waschechtes Paper-Mario-inspiriertes RPG, das nicht nur beim Kampfsystem abguckt, sondern auch beim Humor, beim Leveldesign und beim kreativen Weltenbau. Und das ist ein dickes Lob!

Statt im Pilz-Königreich verschlägt es euch aber in eine schräge Metawelt, in der ein gieriger Megakonzern Märchenbücher übernimmt, um billige Arbeitskräfte zu rekrutieren – und ihr als frisch angeworbener „Held“ Buch für Buch diese Corporate-Hölle von innen sabotiert. Klingt verrückt? Ist es auch – aber im positiven Sinne.

Märchenwelt im Konzernkragen

Ihr spielt Flynt Buckler, einen Fantasy-Bücherhelden, der plötzlich feststellen muss, dass sein Abenteuer, der Kampf gegen einen furchterregenden Drachen, von der „Ever After Inc.“ filetiert und in verwertbare Assets zerlegt wurde. Anstatt in einem alten Schloss, landet er in einem modernen Bürogebäude: hier ist alles auf Profit ausgerichtet anstatt auf Abenteuer.

Gemeinsam mit eurem eher widerwilligen Rivalen Tinder (dem einst so gigantischen Drachen) und einem wachsenden Cast an Märchen-Figuren springt ihr in verschiedene Bücher: von klassischen Märchen wie den Drei kleinen Schweinchen über pulpige Lovecraft-Storys bis hin zu völlig überdrehten Genre-Mixwelten.

Wilder Trip voraus

Die Prämisse klingt wild, funktioniert aber erstaunlich gut. Jede Buchwelt erzählt ihre eigene kleine Geschichte – oft mit satirischem Spin auf das Original – und gleichzeitig schiebt die Rahmenhandlung euch Stück für Stück näher an den eigentlichen Konflikt: Wie rettet man eine Märchenwelt, die von Quartalszahlen statt von „und sie lebten glücklich…“ definiert wird?

Die große Story beginnt bewusst simpel (Feinde-zu-Verbündete, Rebellion gegen den Konzern), gewinnt aber zum Ende hin an Gewicht: Mehrere Reviews heben hervor, dass sich die Hintergrundgeschichte als berührende Metapher über Vergessenwerden, kreative Ausbeutung und den Kampf darum, dass eure Welt nicht einfach ausradiert wird, entpuppt. Anders ausgedrückt: Das Spiel ist nicht nur referenzreich, sondern hat wirklich etwas Eigenes zu sagen.

Paper-Mario-DNA mit Eigenheiten

Mechanisch ist Escape from Ever After ein rundenbasiertes RPG, das stark auf Timing setzt. Normale Angriffe, Spezialmoves und Blocks haben kleine Quick-Time-Fenster: Drückt ihr im richtigen Moment, macht ihr mehr Schaden oder reduziert eingehenden. Dazu kommt eine klare Positionierung auf dem Feld – wer vorne steht, kassiert mehr, wer hinten bleibt, ist sicherer, aber erreicht vielleicht nicht alle Gegner.

Spannend sind die Synergie-Attacken. Party-Mitglieder können kombinierte Moves ausführen, die verschiedene Rollen nutzen: einer stunnt, einer legt Debuffs auf, der Dritte fährt dann den großen Schlag. Diese Setups machen echt Laune, weil ihr tatsächlich plant, wer wem die Bühne bereitet, statt einfach eure stärksten Skills runterzuspammen. Brute-Force funktioniert gerade in Bosskämpfen selten – ihr müsst Statuseffekte, Timing und Reihenfolge im Blick behalten.

Ihr wollt mehr? Gerne doch!

Heilen und Ressourcenkontrolle sind ebenfalls clever gelöst. Ihr könnt mitten im Kampf aktiv die Frontfigur wechseln, um z.B. angeschlagene Charaktere in den Hintergrund zu ziehen, und müsst überlegen, wann ihr Items benutzt, wann ihr lieber einen Defensivzug einlegt und wann ihr das Risiko eingeht, noch eine Runde durchzuhalten, um eine Synergie vorzubereiten.

Die Lernkurve ist angenehm: Zugänglich, aber mit genug Tiefe, um euch bis zum Ende zu beschäftigen – Paper-Mario-Fans fühlen sich hier sofort wie zu Hause, ohne das Gefühl zu haben, ein Abziehbild zu spielen. Echt toll gemacht!

Märchen-Metroidvania

Jede Buchwelt ist wie eine Mischung aus 2,5D-Adventure und Light-Metroidvania aufgebaut. Ihr lauft durch hübsch inszenierte Kulissen, sprecht mit NPCs, löst kleinere Umgebungspuzzles und entdeckt Secrets, für die ihr oft später mit neuen Fähigkeiten zurückkehren müsst.

Jedes Party-Mitglied bringt eine eigene Overworld-Fähigkeit mit: Wolfgang kann mit Musik Pflanzen wachsen lassen oder Objekte aktivieren, Eva verwandelt Flynt in eine Loch-Ness-artige Kreatur, um Gewässer zu durchqueren, Patches sprengt Wände mit Smash-Angriffen, und so weiter. Das sorgt dafür, dass sich der Cast auch außerhalb von Kämpfen sinnvoll anfühlt und ihr beim Erkunden immer wieder denkt: „Ah, hier komme ich später nochmal mit X vorbei.“

Bunt, charmant, mit Biss

Optisch fährt Escape from Ever After einen sehr eigenen, leicht „pappigen“ Storybook-Stil: Figuren wirken wie ausgeschnittene Illustrationen, Hintergründe wie Seiten aus verschieden gestalteten Büchern. Dieser Stil wechselt je nach Buch – ein Märchenwald sieht natürlich anders aus als eine Lovecraft’sche Küstenstadt – bleibt aber in sich konsistent genug, dass ihr immer das Gefühl habt, in derselben Meta-Welt zu sein.

Der Humor ist ein klarer Pluspunkt. Dialoge sind voll kleiner Gags, Genre-Anspielungen und Corporate-Satire, ohne ins Dauer-Memetum abzurutschen. Gerade die Art, wie das Spiel Manager, HR und Vorstand als Endgegner einer Märchenwelt zeichnet, trifft einen wunden Punkt sehr charmant.

Pacing und ein bisschen Sammelkram

Ganz ohne Probleme kommt das Buch nicht davon. Das Pacing kann in der Mitte leicht ins Stocken geraten: Zu viele Kämpfe in Folge, Sidequests, die sich wie klassische „Bring mir X“-Aufträge anfühlen, und einzelne Dialogpassagen, die einen Tick zu lang sind.

Die Story wirkt lange Zeit wie ein bloßer Vorwand, bis sie gegen Ende endlich richtig aufdreht – wer hauptsächlich wegen der großen Metahandlung dabei ist, braucht also etwas Geduld. Außerdem ist die Fülle an Geheimnissen Fluch und Segen: Wenn ihr gerne alles seht, kann der Backtracking-Anteil mit neuen Fähigkeiten irgendwann leicht ermüdend werden.

Fazit: Ein modernes Märchen für Paper-Mario-Fans

Escape from Ever After ist am Ende genau das, was der Untertitel verspricht: ein genreübergreifendes RPG mit viel Paper-Mario-DNA, aber eigener Stimme. Das Timing-basierte Kampfsystem, die Synergie-Attacken und die vielseitige Nutzung eurer Party im Leveldesign machen es spielmechanisch spannend; die Meta-Erzählung über Märchen, Konzerne und Vergessen liefert einen unerwartet berührenden Kern, wenn ihr lange genug dranbleibt.

Wenn ihr mit Mario & Luigi, Bug Fables oder den alten Paper-Mario-Teilen groß geworden seid und euch nach einem modernen Vertreter dieser Schule sehnt, solltet ihr Escape from Ever After definitiv eine Chance geben. Es ist nicht perfekt, hat kleinere Längen und eine Story, die erst spät voll zündet, aber als Gesamtpaket ist es ein sehr charmanter, kluger Ausflug in eine Buchwelt, aus der ihr euch am Ende gar nicht so schnell „befreien“ wollt.

Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch 
Webseite: sleepycastlestudio.com