Wer von euch wollte nicht schon mal nach Yara? Kennt ihr nicht? Ein kleiner karibischer Inselstaat, der von einer Diktatur beherrscht wird? Naja, könnt ihr auch nicht kennen, da es aus der Feder von Ubisoft stammt und Schauplatz des neuen Far Cry ist. Dennoch hält dieser fiktionale Karibikstaat so manche Überraschung für euch bereit.
Hollywood Feeling
Nachdem ich bei Far Cry 5 schon ziemlich an meine Sättigungsgrenze gekommen war und nicht sonderlich viel Zeit damit verbrachte – was auch fürs Spin-Off New Dawn galt – war ich auf Fary Cry 6 doch ziemlich gespannt. Endlich steht hier mal wieder ein Bösewicht im Fokus, den ich faszinierend finde – jedenfalls als Schauspieler. Giancarlo Esposito, den ich bei Breaking Bad lieben und fürchten lernte, übernimmt hier nun die Rolle des Präsidenten und Diktators Antón Castillo. Das wird spannend.
In die Story will und darf ich nicht großartig reinspringen, weil ich euch nicht den Spaß nehmen möchte. Soviel zur Ausgangslage: Ihr müsst in der Rolle von Dani – wahlweise männlich oder weiblich – die Revolution gegen den Diktator anführen oder ins Rollen bringen. Denn Castillo unterjocht seine Bevölkerung – auch wenn sich das bei den offiziellen Reden etwas anders anhören mag. Jedenfalls befindet ihr euch hier wieder in einer typischen Far Cry Situation: Flucht, Neuanfang, Aufräumen. Die Bausteine eines epischen Open-World-Spiels beherrscht Ubisoft jedenfalls.
Karibischer (Alp-)Traum
Im Gegensatz zu Hope County, dem Schauplatz von Far Cry 5, hat Yara mich mehr gefesselt. Die karibische Insel ist traumhaft schön und die Story klingt aussichtsreicher als das Sektengefasel von Teil 5. Aber – und das kann ich euch schon hier verraten – spielerisch hat sich nicht so viel getan. Ihr habt es immer noch mit einem Vollblutshooter zu tun, der leicht in die Rollenspielecke abdriftet.
Die Kernelemente verinnerlicht Far Cry 6 auch hier: Ihr müsst die Karte erkunden, gegnerische Basen ausschalten und Stück für Stück die obere Riege neben dem Präsidenten erledigen. Die Reihenfolge ist euch dabei theoretisch selbst überlassen. Allerdings hat Ubisoft diesmal einige Levelgrenzen eingebaut, die euch zeigen, wo ihr am besten weitermachen sollt. Levelgrenzen? Ja, genau. Euer Charakter steigt nach Einsätzen im Rang und wird dadurch indirekt stärker: Denn ein höherer Level lässt euch auf bessere Waffen zugreifen.
Außerdem könnt ihr diese Waffen auch mit besseren Upgrades verbessern. Insgesamt steigt ihr bis zu 20 Level im Rang auf, wenn ihr euch anstrengt. Daher könnt ihr theoretisch nach anfangs schon überall hin, doch die Wachen und Soldaten werden euch schnell zu Hack zerlegen, wenn ihr es auf eine Konfrontation ankommen lasst. Das mag manchen vielleicht nicht so passen, hat es mir jedoch einfacher gemacht den Blick auf die Hauptstory zu richten und nicht dauernd abzuschweifen. Passt also.
Individuell, aber tödlich
Außerdem hat Ubisoft das Waffenarsenal von Far Cry 6 ordentlich aufgebohrt. Neben den normalen Sturmgewehren, Uzis oder Pistolen, finden sich nun auch wieder Flammenwerfer oder selbstgebaute Nagelpistolen in eurem Brustgürtel. Allerdings klingt das aufregender als es letztlich ist. Denn auch die neuen Waffen spielen sich relativ gleich – was nicht unbedingt als Kritik zu verstehen ist.
Das Waffengefühl insgesamt fühlt sich nämlich perfekt an. Hinzu kommen noch die einzigartigen Waffen, die ihr nicht modifizieren könnt, die dafür aber mit ein paar Extras aufwarten. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Giftkugel-verschießenden Sniper? Oder eine feurige Schrotflinte? Alles kein Problem. Die in Kroko-Leder gehüllten Kisten mit diesen schicken Waffen müsst ihr allerdings erst mal finden.
Einen kompletten Neuzugang stellen die Supremos dar: diese mobilen Raketenbasen schnallt ihr euch auf den Rücken und lasst auf Knopfdruck die Hölle über eure Gegner einbrechen. Zudem bieten diese Rucksäcke noch allerhand praktische Utensilien, die ihr freischalten könnt. Persönlich haben mir die feindeortenden Granaten sehr gut gefallen, wenn ich mal wieder heimlich eine Basis auseinandernehmen wollte. Aber auch Wurfmesser oder zeitgesteuerte Bomben gehören zum guten Ton der Supremos.
Amigos willkommen
Einen Begleiter dürft ihr auf Wunsch natürlich auch wieder mitschleppen. Anfangs wird euch Guapo, das mit einem Goldzahn ausgestattete Krokodil gute Dienste leisten. Später kommen Hunde oder Kampfhähne zur Sammlung, die auch wieder allesamt mit einzigartigen Fähigkeiten euren Kampfstil unterstreichen. Abwechslungsreich wird es dadurch also ständig.
Auf der Suche nach neuen Waffen werdet ihr zudem immer wieder über wertvolle Ressourcen stolpern, wie Schrott, Benzin oder Schießpulver. Diese benötigt ihr dringend, um Ausrüstung und Waffen zu verbessern. Nach und nach schaltet ihr so für eure liebsten Waffen neue Munition, Aufsätze oder Magazine frei, die die Durchschlagskraft erhöhen. Damit entfällt aber auch die Jagd nach einzigartigen Tiertrophäen wie aus den Vorgängern. Kann ich verkraften.
Ablenkung gefällig?
Wenn euch das Ballern auf Dauer dann mal zu stressig ist, könnt ihr auch wieder bei etlichen Nebentätigkeiten entspannen. Wie wäre es mit angeln oder einer Partie Domino? Dabei lässt sich auch der ein oder andere Pesos verdienen. Die Pesos deuten übrigens auch die spanische Hintergrundgeschichte an. Held Dani selbst ist ebenfalls spanischer Abstammung, was sich an der hörenswerten Vertonung erkennen lässt.
Im englischen Original vermischen sich die spanischen Wörter herrlich mit dem Englischen. Die deutsche Tonspur ist vielleicht einen Ticken schwächer, aber ebenfalls sehr gut vertont. Selbst bei der Musikwahl muss ich immer wieder rhytmisch mitwippen. Dabei entstehen auch absurde Szenen: Einfach herrlich, wenn ich eine Tabakplantage mit dem Flammenwerfer platt mache und im Hintergrund Ricky Martin „Un! Dos! Tres!“ trällert.
Grafisch spielt Far Cry 6 wieder eindeutig in der Oberliga, hat aber noch etwas Luft nach oben. Gerade bei den Animationen und den Cutscenes fällt die steife Mimik manchmal auf. Davon ab zaubert die Insel Yara herrliche Panoramen auf den Bildschirm. Oftmals ist hier alles so hübsch, dass man nicht so recht an eine schlimme Diktatur des Landes glauben mag. Aber das ist eine Sache, die viel zu sehr in die Tiefe gehen würde. Ebenso die politische Botschaft, die Ubisoft hiermit aussendet, können andere diskutieren.
Fazit
Fassen wir zusammen: Far Cry 6 geht sachte einen kleinen Schritt voran, ohne grundlegend was am Erfolgskonzept zu ändern. Eine Evolution, wie sich manche erhofft haben, ist das natürlich nicht. Dennoch ist Far Cry 6 ein Action-Trip, den sich kein Fan des Ego-Shooter-Genres entgehen lassen sollte. Hier kracht und knallt es im Minutentakt, dass es eine wahre Freude ist. Die Ballereinlagen sind wieder hervorragend gelungen und die Spielwelt ein Traum. Die Rollenspielelemente sind für manche Geschmackssache, persönlich finde ich das aber recht erfrischend. Eins ist sicher: Auf Yara werde ich die ein oder andere Stunde sicherlich noch verbringen – denn Ubisoft hat bereits jede Menge Nachschub angekündigt in Form von DLCs.
Erhältlich für: PC, PS, Xbox
Website: ubisoft.com/de-de/game/far-cry/far-cry-6