Als die Xbox-Version von Final Fantasy VII Remake Intergrade endlich eintrudelte, habe ich mich gefühlt wie damals, als ich mich als Teenager aufs Fahrrad gesetzt habe, um mir das originale FF7 beim Händler meines Vertrauens zu holen. Damals bedeutete das: drei CDs, blockierter Fernseher und jede Menge Fantasie, um die Klötzchen-Cloud in meinem Kopf schöner aussehen zu lassen.
Heute startet ihr den Download, blickt auf euren 4K-TV – und steht in einem Midgar, das so detailverliebt und lebendig ist, dass die Erinnerungen von damals plötzlich verblassen.
Midgar neu denken
FF IV Remake Intergrade erzählt weiterhin nur den Midgar-Teil der Originalgeschichte, dehnt diesen Abschnitt aber zu einem vollwertigen 30–40-Stunden-RPG mit Nebenquests, erweiterten Figuren und komplett inszenierten Setpieces. Und keine Sorge: Auch als kompletter Neuling begreift ihr diese Story von Anfang an.
Ihr seid mit Cloud, Barret, Tifa und später Aerith unterwegs, kämpft gegen Shinra, sprengt Reaktoren, rennt über wackelige Stahlträger im Sektor 7 und lernt Slums kennen, die nun nicht mehr nur als Menügänge existieren, sondern als echte Stadtviertel mit Märkten, Kindern, Gassen und kleinen Geschichten am Rand. Das macht schon einen tollen Eindruck.
Ab in die Moderne!
Das Spiel erlaubt sich dabei bewusst Freiheiten: neue Sequenzen, zusätzliche Antagonistenmomente, mehr Screentime für Nebenfiguren und ein Finale, das sehr deutlich macht, dass die weitere Remake-Trilogie nicht bloß nacherzählen will.
Für alte Fans ist das ein spannender Spagat zwischen „Das kenne ich doch“ und „Moment, das war früher anders“. Für Neulinge ist es eine klar strukturierte, modern erzählte JRPG-Story mit ausreichend Kontext, um auch ohne PS1- oder PC-Erfahrung mitzukommen.
Kampfsystem: Echtzeit mit ATB-Seele
Das Herzstück bleibt das Kampfsystem, das versucht, das alte ATB-Gefühl mit modernen Action-Gefechten zu vereinen. Ihr steuert jeweils eine Figur direkt in Echtzeit, schlagt mit Standardangriffen zu, blockt und weicht aus. Dabei füllt sich eine ATB-Leiste; sobald mindestens ein Segment voll ist, könnt ihr das Geschehen verlangsamen oder pausieren und Fähigkeiten, Zauber oder Items aus einem Menü auswählen – ganz wie früher, nur eingebettet in flüssige Action.
Der Clou: Wirklich effektiv seid ihr erst, wenn ihr aktiv zwischen den Figuren wechselt. Cloud zerschneidet Nahkampftypen, Barret nimmt fliegende Gegner ins Visier, Tifa baut eine Druckleiste („Stagger“) auf, Aerith deckt das Feld mit mächtigen Zaubern ab.
Flexibel und äußerst komfortabel
Viele Attacken lassen sich nicht einfach wegblocken; Intergrade hat in den neueren Versionen eine klare ⚠︎-Markierung für unblockbare Angriffe eingeführt, was das Lesen der Kämpfe enorm verbessert. Dazu kommt das Materia-System, mit dem ihr Zauber, Buffs, Elementschäden und Supporteffekte in eure Ausrüstung sockelt – ein herrlich flexibles System, das zum Experimentieren einlädt und Builds tatsächlich spürbar verändert.
Anfangs fühlt sich das Kampfsystem etwas zäh und überladen an: viele Begriffe, viele Menüs, viele Optionen. Spätestens ab dem zweiten Kapitel, wenn ihr mehr Materia, mehr Fähigkeiten und ein besseres Gefühl für den Rhythmus habt, platzt der Knoten. Dann sind die Kämpfe schnell, taktisch und angenehm fordernd, ohne so chaotisch zu werden, dass ihr nicht mehr wisst, warum ihr verloren habt.
Zwei Modi, viel Glanz
Auf Xbox Series X bekommt ihr das „Intergrade“-Paket, also die technisch verbesserte Version inklusive Yuffie-DLC und QoL-Anpassungen. Es gibt zwei Grafikmodi: Einmal der Qualitätsmodus mit nativer 4K-Auflösung bei 30 FPS. Und der Performance-Modus mit niedrigerer Auflösung bei soliden 60 FPS.
Beide laufen sehr stabil; Performance-Einbrüche sind selten und kurz. Im Qualitätsmodus wirken Texturen, Beleuchtung und Distanzdetails etwas schärfer, der Performance-Modus sorgt dafür, dass Kämpfe und Kameraschwenks butterweich wirken – gerade in einem Action-RPG eine starke Empfehlung. Digital-Foundry-Analysen bescheinigen der Series-X-Version, dass sie praktisch auf Augenhöhe mit der PS5 liegt, inklusive gleicher Auflösungsziele und Effekte.
Es gibt allerdings auch kleine Ecken und Kanten: Manche NPCs wirken detailarm, mit Gesichtern, die eher PS3- als Current-Gen schreien, und einzelne Texturen (Türrahmen, Hintergrundfassaden) fallen in ihrer Qualität auf. Das schmälert den Gesamteindruck kaum, ist aber sichtbar, wenn ihr darauf achtet.
Inhalte & Yuffie-Bonus
Als Intergrade-Version bringt die Xbox-Fassung direkt Episode INTERmission mit: ein zweikapiteliger Zusatz, in dem ihr als Yuffie Kisaragi ein paralleles Abenteuer in Midgar erlebt. Yuffie spielt sich komplett anders – agiler, mit Fern- und Nahkampfkombinationen über ihren Shuriken – und bringt ein eigenes Mini-Cast, eigene Minigames und zusätzliche Einblicke in Shinras Machenschaften mit.
Inhaltlich ist das eine schöne Ergänzung, die vor allem Fans freut, die sich schon immer gefragt haben, was die Wutai-Ninja während Clouds Hauptgeschichte so treiben.
Qualität an den passenden Stellen
Dazu kommen Quality-of-Life-Upgrades: Ein Photo-Mode, um die schönsten (oder peinlichsten) Momente festzuhalten. Verbesserte Licht- und Nebeleffekte, die Midgar noch stimmungsvoller erscheinen lassen. Dazu ein kleiner UI-Feinschliff und Balancing-Anpassungen (unter anderem bei bestimmten Materia), die das Gesamtpaket runder machen.
Nicht alle neu eingeführten Szenen und Figuren sind gleich stark. Manche Erweiterungen wirken, als wären sie eher als Brücke zu den kommenden Teilen gedacht, ohne für sich allein wirklich zu glänzen. Das nimmt dem ansonsten sehr stringenten Kernplot gelegentlich den Drive.
Fazit: Später, aber in Bestform
Wenn ihr wie ich mit dem Original groß geworden seid, ist die Xbox-Version von Final Fantasy VII Remake so etwas wie der späte, aber dafür sehr sorgfältig vorbereitete Besuch eines alten Freundes. Das Kampfsystem balanciert Action und Taktik überzeugend, Midgar ist als Schauplatz endlich so groß, dreckig und lebendig, wie es die Fantasie damals versprochen hat, und die technische Umsetzung auf Xbox steht der PlayStation-Fassung in nichts nach – im Performance-Modus sogar mit genau dem Schwung, den ein modernes Action-RPG braucht.
Das Spiel leistet sich Längen und nicht jede Ergänzung sitzt, aber als Gesamtpaket ist Final Fantasy VII Remake Intergrade auf Xbox ein starkes, sehr empfehlenswertes JRPG – für Nostalgiker:innen genauso wie für Neulinge, die wissen wollen, warum ausgerechnet diese Geschichte seit Jahrzehnten so viele Menschen nicht mehr loslässt.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch
Webseite: playstation.com/de-de/games/final-fantasy-vii-remake-intergrade