Ghost of Yotei ist Sucker Punchs spiritueller Nachfolger zu Ghost of Tsushima – und katapultiert Spieler:innen ins düstere, morbide Ezo des 17. Jahrhunderts. Bereit für einen epischen Rachefeldzug?
Getrieben von einem Wunsch
Die Heldin Atsu jagt in einem klassisch inszenierten Rache-Epos die berüchtigte Yotei Six, die einst ihre Familie ermordeten. Was die Story an klassischen Genreversatzstücken bietet, kompensiert das Spiel durch gelungene Atmosphäre, haptisches Setting und emotionale Momente: Von verregneten Bergwäldern bis zu sturmumtosten Küsten bietet die lebendige Welt ein visuelles Spektakel, das echte Verbundenheit mit der Landschaft stiftet.
Bitter, vorhersehbar – aber packend in Details
Die Rache-Story von Atsu ist vorhersehbar, aber handwerklich ordentlich umgesetzt. Besonders in den Zwischenkapiteln gelingt es Ghost of Yotei, emotionale Tiefe zu erzeugen, etwa durch Flashbacks mit Atsus Mutter, musikalische Zwischenspiele am Shamisen und die Begegnung mit Verbündeten wie Oyuki. Die Antagonisten – Lord Saito und die Yotei Six – geraten farblos, funktionieren aber als Hassfiguren. Immer wieder gelingen Plot-Twists, die das „Genre-Rad“ nicht neu erfinden, aber für packende Bosskämpfe sorgen.
Die Story gibt sich weniger romantisch als Tsushima, und legt Wert auf das „Lone-Wolf“-Motiv: Atsu agiert jenseits von Ehre, setzt auf brutal-effektive Methoden und wird im Laufe der Geschichte zur rachsüchtigen Outlaw-Kämpferin mit individueller Entwicklung.
Waffen, Moves und echte Samurai-Power
Das Highlight bleibt das wuchtig inszenierte Kampfsystem. Atsu kämpft nicht wie Jin mit starren Stances, sondern setzt auf rock-paper-scissors-Dynamik: Kette, Speer, Schwert, Odachi und sogar Dual-Katanas im schnellen Wechsel geben mehr taktische Flexibilität als je zuvor.
Jeder Waffentyp hat eigene Upgrades, Kombos und Spezialangriffe. Mit dem Kusarigama kann man Gegner entreißen und abschließen oder sogar aus der Entfernung erledigen. Heavy Units kontert man mit dem Odachi, schnelle Kämpfer mit Speer – der dynamische Wechsel und die Experimentierfreude überzeugen, auch wenn das Zielsystem ohne Lock-on gelegentlich für Chaos sorgt.
Auch von weiter weg tödlich
Neben Nahkampf-Finesse verfügt Atsu über Bogen, Gewehr, Bomben und Blinding Powder: Fernkampf bekommt mehr Gewicht, bleibt aber als „Support“ für die nervenaufreibende Blade-Action klar im Hintergrund. Wolf-Beschwörung, Quick-Assassinations und Ninja-Elemente wie Rauchbomben runden das Arsenal ab.
Der Kampf ist choreografisch, schnell und tödlich – Blut spritzt, Waffen blitzen, und der ikonische Kurosawa-Modus (s/w-Bild plus japanisches Audio) macht aus jedem Duell ein visuelles Kino-Drama. Optional gibt’s ein „Takashi Miike“-Feature (extra viel Gore!) oder den „Champloo-Mode“ mit Lo-Fi-Beats statt klassischer Samurai-Musik. Kurz gesagt: Hier sollte jeder zufrieden sein.
Open World: Weniger Marker, mehr Freiheit
Die Landschaft von Ezo ist atemberaubend – nicht nur optisch, sondern auch spielerisch. Es gibt deutlich weniger Kartenmarker als beim Ubisoft-Standard, dafür Hinweise durch Rauchsignale, goldene Vögel und Fireflies, die zu verborgenen Hot Springs, Duell-Bäumen oder geheimen Altären führen.
Die Platzierung von Elementen und die organische Weltgestaltung fördern echtes Erkundungsgefühl – mit dem Fernglas auf Hügeln lassen sich neue Ziele entdecken, und versteckte Routen in den Bergen belohnen mit Upgrades. Keine Zwangsaufgaben, stattdessen subtile Hinweise und die Freiheit, Camps und Storyfragmenten nach eigenem Rhythmus zu begegnen.
Musikalisch wird das Thema Erkundung gelungen eingebunden: Mit dem Shamisen kann man Melodien spielen, die Collectibles oder Hot Springs ausfindig machen – ein gelungenes Bindeglied zwischen Exploration und Spielwelt.
Sammeln, Skippen und Skillen
Neben der Hauptstory warten zahlreiche Nebenerfahrungen: Rüstungsteile, Skill-Upgrades (z. B. Spider Lilly Armor mit Spezialeffekt), der Ausbau der eigenen Wolf-Partnerschaft und abwechslungsreiche Minispiele. Viele Nebenaktivitäten lassen sich erstmals auch skippen; für Komplettisten und Speedrunner gibt es also individuelle Spielwege.
Level-Ups erfolgen nicht zwangsläufig durch XP-Grinding, sondern durch das Finden geheimer Orte, Lösen von Rätseln und das Meistern von Duellen. Das macht die Progression flexibler und weniger monoton als bei vergleichbaren Titeln.
Technik & Schwächen
Die Technik punktet mit brillanter Grafik, dynamischer Wetteranimation und hochwertigem 3D-Sound, der Wind und Kampfgetümmel räumlich inszeniert. Kleinere Schwächen gibt’s bei der englischen Sprachausgabe und selten bei der Kameraführung, ansonsten bleibt die Präsentation ein echtes Fest für Samurai-Fans. Die Open World wirkt lebendig, NPCs und Gegneranimationen sind detailverliebt und laden zum Erkunden ein. Einfach traumhaft!
Fazit: Samurai-Rache mit Tiefgang und Freiheit
Ghost of Yotei ist ein hochklassiges Action-Adventure mit packender Atmosphäre, dynamischem Kampfsystem und einer offenen Welt, die tatsächliche Erkundung belohnt. Die Story ist nicht revolutionär, aber emotional und handwerklich gut gemacht; das Gameplay begeistert durch Waffenvielfalt, cleveres Design und persönliche Entwicklung. Wer Tsushima mochte, bekommt hier die konsequente Weiterentwicklung eines „Samurai-Power-Fantasy“-Spiels mit vielen Extras, cineastischer Inszenierung und frischer Entdeckerlust. Samurai, Shinobi und Open-World-Fans dürfen sich auf einen atmosphärisch-düsteren Exkurs ins wilde Ezo freuen.
Erhältlich für: PS
Webseite: playstation.com/de-de/games/ghost-of-yotei