Wenn das Licht versiegt und nur Liebe bleibt: Gloomy Eyes lässt Spieler*innen und Zuschauer in eine magisch-düstere Welt eintauchen, die direkt der Fantasie von Tim Burton entsprungen sein könnte. Statt klassischem Gore oder Jump-Scares setzt das Adventure auf handgemachte gruselige Dioramen, charmanten Cozy Horror und ein poetisches Ambiente, das die Herzen berührt.
Ein bisschen was Corpse Bride
Die Story startet in einer apokalyptischen Dunkelheit: Die Sonne hat die Menschheit satt und verschwindet, daraufhin entbrennt ein Kampf zwischen Lebenden und Untoten – und mittendrin wächst die bittersüße Liebe zwischen dem jungen Zombiejungen Gloomy und der verschmitzten Menschenmädchen Nena.
Hollywood trifft auf Digitalmärchen
Gloomy Eyes wurde ursprünglich als preisgekrönte VR-Erfahrung veröffentlicht (u.a. Prämiert in Annecy) und überzeugt nun auch als „Self-Coop“-Adventure auf Konsolen und PC. Es handelt sich um ein Solo-Abenteuer, bei dem ihr die Figuren wechseln könnt bzw. müsst. Die Geschichte wird von einem alten Friedhofswärter erzählt, im Englischen kongenial gesprochen von Colin Farrell.
Die Stimmung entfaltet sich wie ein moderner Romeo-und-Julia-Plot mit nekromantischen Anklängen – schicksalhafte Begegnung, Außenseitertum und der verzweifelte Versuch, das Sonnenlicht zurückzubringen, setzen einen melancholisch-herzerwärmenden Ton.
Gruselig schön
Visuell dominiert handgebauter Diorama-Stil mit rotierbaren Miniaturwelten, die voller Geheimnisse und liebevoll gestalteter Details stecken. Licht und Schatten sind dabei nicht nur Kulisse, sondern dramaturgisches Werkzeug: Mal strahlt ein Kaminfeuer, mal tanzen Lichtstrahlen um verschneite Jahrmarkt-Fahrgeschäfte oder ihr müsst euch an Häusern vorbeischleichen, deren Licht nach draußen leuchtet.
Die Animationen sind flüssig, die Ästhetik wandelt zwischen Coraline, Corpse Bride und Nightmare Before Christmas. Wer will, kann jede Szene aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und so Details entdecken, die bei einem „normalen“ Adventure verloren gehen. Echt schön gemacht.
Puzzle, Perspektivwechsel und gemütlicher Grusel
Spielerisch bietet Gloomy Eyes eine Mischung aus Erkundung und Rätsel. Der Kniff: Ihr steuert entweder Gloomy oder Nena und müsst für jedes Puzzle clever zwischen den Figuren wechseln, um deren individuelle Fähigkeiten einzusetzen. Während Gloomy als Zombie etwa dunkle Pfade öffnen kann, trickst Nena mit Menschenlogik und Geschick. So werden Schalter gedrückt, Geheimgänge geöffnet und Hindernisse aus dem Weg geräumt. Die Steuerung ist intuitiv, Frustmomente sind selten – alles bleibt im märchenhaften Takt und lädt zum gemütlichen Tüfteln ein.
Jede Szene ist ein kleines Kunstwerk: Rotierende Dioramen, Miniaturjahrmärkte, geheimnisvolle Wälder und knorrige Friedhofstore sorgen für Staunen. Der Schwierigkeitsgrad bleibt dabei auf Einsteiger-Niveau, erfahrene Rätselfans freuen sich vor allem über die liebevolle Präsentation, weniger über fiese Denksportnüsse.
Melancholie und Magie
Die Musik ist verspielt, märchenhaft und setzt die düstere Grundstimmung perfekt um – kein Grusel, sondern eine bittersüße, verträumte Soundlandschaft. Was besonders im Gedächtnis bleibt: Das Spiel verzichtet komplett auf Jump-Scares, stattdessen gleiten Spielende elegant durch die melancholische Erzählung, die mal zum Lachen, mal zum Weinen, aber immer zum Nachdenken anregt. Das Ende bleibt offen und tragisch, doch die Reise ist märchenhaft schön und voller kleiner Wunder. Entschuldigt, wenn ich jetzt zu viel verraten habe. Aber spielt die sechs Stunden ruhig selbst und lasst euch überraschen.
Kritische Noten und Vergleich
Gloomy Eyes ist kürzer als viele Adventure-Kollegen – etwa 5 bis 6 Stunden Spielzeit –, aber die Liebe zum Detail gleicht das aus. Im Vergleich mit Genre-Vertretern wie Moss, Ghost Giant oder Lost in Random punktet das Spiel vor allem mit seiner künstlerischen Präsentation und der cinematographischen Erzählweise.
Gameplay-Freaks wünschen sich an manchen Stellen mehr Interaktivität; für Atmosphärenfans ist Gloomy Eyes hingegen ein kleines Juwel voller Persönlichkeit. Das sollte hier zumindest erwähnt sein.
Fazit: Düsteres Herz mit leuchtender Seele
Gloomy Eyes ist ein durch und durch eigenwilliges, emotionales Märchen, das Cozy Horror und Tim-Burton-Magie zu einem echten Erlebnis verschmilzt. Die bezaubernden Dioramen, die liebevolle Animation und die feinfühlige Story machen das Spiel zu einer Reise, die man gerne immer mal wieder besucht. Wer melancholische Abenteuer mit Herz sucht, wird hier glänzend unterhalten – und mit Gloomy und Nena bis zum Sonnenaufgang träumen.
Erhältlich für: Xbox, PC, PS, Switch
Webseite: arte.tv/digitalproductions/de/gloomy-eyes-the-game