Kaum eine Rennspielserie hat einen derart klangvollen Namen wie Gran Turismo und voller Vorfreude löse ich meinen zwölfstelligen Code auf meinem PlayStation-Account ein und bin schon leicht ungeduldig aufgrund des mehrstündigen Downloads – ja, ich sollte meinen Internetvertrag überdenken. In unserem Test lest ihr, ob sich das Warten gelohnt hat.
Der Urvater der Rennspielsimulation
Nicht nur ich warte auf den Download, sondern auch die GT-Fans im Allgemeinen, denn Sony hat sich lange Zeit gelassen mit dem siebten Teil der Serie. Lässt man das etwas aus der Reihe gefallene GT Sport außen vor sind es nunmehr fast neun (!) Jahre. Mit Gran Turismo 7 präsentiert uns Polyphony Digital nun endlich wieder ein „richtiges“ Gran Turismo, denn hier findet ihr wieder alles von einer umfangreichen Solo-Kampagne mit hunderten Autos, einer Vielzahl an Tuning-Möglichkeiten und zusätzlichen Herausforderungen. Also genau das Richtige für die alten Fans der Serie, die wie ich schon 1997 auf der PS1 auf Bestzeitjagd gingen.
Wie in der Einleitung bereits erwähnt, habe ich GT7 nicht als physische Disk, sondern als Downloadcode getestet, welcher zunächst einmal installiert werden wollte, was bei knapp 100GB auch nicht von jetzt auf gleich geschieht. Während der Wartezeit könnt ihr dennoch Rennen in Form einer Musik-Rallye fahren, in denen ihr zu klassischer Hintergrundmusik eine Strecke befahrt und versucht, so weit wie möglich zu kommen, bis der Songtitel zu Ende gespielt ist. Das unterhält euch nicht die ganzen 5-6 Stunden (je nachdem, wie schnell eure Internetleitung ist), aber ein kurzweiliger Spaß ist es dennoch.
Zucker und Milch gefällig?
Ist der Download erstmal beendet, geht es nicht etwa direkt auf die Rennpiste, sondern erstmal ins Café. Dieses dient als Hub inmitten der Übersichtskarte und versorgt den Spieler regelmäßig mit neuen Infos und Aufgabenstellungen. Ihr werdet also öfter mal auf einen Kaffee vorbeischauen. Und da jeder mal klein anfängt, ist natürlich ein fahrbarer Untersatz eine Grundvoraussetzung für euren Erfolg auf der Strecke.
Ihr startet mit einem kleinen Grund-Etat, mit dem ihr zunächst aus einer Handvoll gebrauchter Wagen wählen könnt, die allesamt recht simpel und einsteigerfreundlich sind. GT ist also nicht nur was für eingefleischte Profis, denn auch Anfänger finden sich hier gut zurecht. Was auch an den vielen Fahrhilfen liegt, denn über das Anzeigen der Ideallinie und der Bremspunkte bis hin zu einer Lenkunterstützung ist vieles einstellbar.
Zunächst werden euch drei Rennstrecken freigeschaltet, auf denen ihr die ersten Fahrversuche starten und euch auch die ersten weiteren Vehikel verdienen könnt. Denn getreu des GT-Mottos sind Rennveranstaltungen in der Regel nicht für alle Autos geeignet, sondern vielmehr nach einer bestimmten Fahrzeuggruppe vorbehalten.
Bei einer Veranstaltung mit dem Namen „getunte japanische Kompaktwagen“ könnt ihr also nicht mit einem Mini Cooper antreten. Das Spiel „zwingt“ euch dann quasi dazu, euren Fuhrpark peu á peu zu erweitern, um weiter im Spiel fortzuschreiten.
Die Lizenz zum … Fahren
Doch die Rennveranstaltungen sind nicht nur nach Fahrzeuggruppen beschränkt, denn auch ihr müsst euch mehreren Prüfungen unterziehen, um gewisse Rennfahrerlizenzen zu erhalten. Insgesamt gibt es fünf Lizenzklassen – bei der untersten, nationalen Lizenz lernt ihr die Basics wie das Bremsen und das Treffen des Scheitelpunkts einer Kurve. All dies gilt es, in neun kurzen Prüfungen unter Beweis zu stellen, um dann in einer Abschlussprüfung das Erlernte umzusetzen.
Je nach Fahrerlizenz werden euch also auch weitere Türen geöffnet und ihr könnt euch in schwierigeren Events beweisen. Das höchste der Gefühle ist dann die Superlizenz, für die ihr aber auch alles in die Waagschale legen müsst. Das Spiel staffelt dabei in Zeitvorgaben für Bronze, Silber, und Gold und gerade letztere sind wirklich sehr herausfordernd und ideal für alle, die auch die letzte Hundertstelsekunde herausholen wollen.
Ein weiteres Merkmal der GT-Serie sind natürlich auch die vielfältigen Tuning-Möglichkeiten. Ihr könnt eure Preisgelder nicht nur in die Erweiterung eures Fuhrparks investieren, sondern auch euren Bestand weiter aufwerten. Ich könnte diesen Artikel wohl noch um einige Seiten länger schreiben, wenn ich auf alle Komponenten eingehen würde – sei es ein Sportauspuff, Chiptuning, eine Gewichtsreduzierung, ein Gewindefahrwerk oder Sport- oder Rennreifen mit allen möglichen Mischungen.
Es gibt einfach eine Unmenge an Optionen, um die Performance der Fahrzeuge zu verbessern. Die Preisgelder an sich – ihr werdet es erraten – verdient ihr durch Absolvieren der Rennen oder ihr erhaltet Geschenke, oder aber durch den Einsatz von Echtgeld im Shop. Für einige der teuren, exklusiven Fahrzeuge müsst ihr also entweder viel fahren oder eben (etwas tiefer) in die Tasche greifen. Man mag davon halten, was man will, jedoch wird niemand gezwungen, weiter Geld auszugeben, denn über den normalen Spielefortschritt sammelt ihr genüg Preisgeld, sodass die Mikrotransaktionen hier bloß eine Abkürzung darstellen.
Von Autoliebhabern für Autoliebhaber
Unter all dem schon jetzt Positiven merkt man Gran Turismo 7 auch die Liebe zum Detail an. Ihr könnt nicht nur die Innenräume der Fahrzeuge inspizieren - eine Rennspielserie für eine Konsole aus dem Hause Microsoft lässt grüßen – es werden euch auch interessante Fakten und die Geschichten der jeweiligen Wagen erzählt. Schön, dass die Autos als Hauptdarsteller des Spiels nicht bloß als Mittel zum Zweck dienen und standesgemäß in Szene gesetzt werden.
Man merkt es förmlich, wie dieses Spiel von Autoliebhabern entwickelt wurde. Auf der anderen Seite wäre es nur allzu schade, diese Fahrzeuge in einem beschädigten Zustand zu sehen, weshalb auch wohl ein Schadensmodell kaum vorhanden ist. Mehr als ein paar Dellen wird euer Bolide bei einem Crash in die Leitplanke nicht davontragen.
Die Zielgruppe – also ebenfalls Autoliebhaber - wird seine wahre Freude haben ob der großen Fahrzeugauswahl. An reinen Zahlen gemessen ist der Fuhrpark mit 424 Vehikeln zwar etwas kleiner als in vergangenen GTs, aber es fühlt sich absolut nicht aufgebläht an, denn von den Brot-und-Butter Autos wie einem VW Golf oder einem Ford Focus bis hin zu den italienischen Sportwagen mit dem springenden Pferd wird jeder ein passendes Straßenauto finden.
Und es geht noch höher, denn bei den richtig kniffligen Events seid ihr ohne einen Tourenwagen oder ein Vehikel aus dem Formelsport chancenlos. Dabei ist so ziemlich jeder Hersteller mit Rang und Namen an Bord, und alle im Spiel befindlichen Fahrzeuge hat man dann auch nicht von heute auf morgen freigespielt.
Glühender Asphalt
Doch was ist neben dem virtuellen Fuhrpark bei einem Rennspiel ebenso wichtig? Richtig, die Rennstrecken. Auch hier weiß GT 7 mit Abwechslung und Detail zu überzeugen, denn insgesamt gibt es 34 Kurse mit 97 Variationen. Mit an Bord sind reale Strecken wie Laguna Seca oder Spa-Francorchamps bis hin zu GT-Klassikern wie Trial Mountain oder Deep Forest.Und diese sahen natürlich nie besser aus, besonders der Tag/Nacht-Wechsel ist immer wieder schön anzusehen.
Wie es sich für ein Rennspiel mit dem Zusatz „The Real Driving Simulator“ gehört, ist die Fahrphysik vollends auf Realismus ausgelegt. Natürlich habe ich keinen genauen Vergleichswert zur Realität, allerdings wird im professionellen Rennsportbereich sicherlich nicht grundlos mit GT-Spielen trainiert. Je nach Vehikel spürt ihr deutliche Unterschiede im Fahrverhalten, und gerade in der Cockpitperspektive kommt die Geschwindigkeit dann richtig gut zur Geltung.
Insgesamt habt ihr vier Kameraperspektiven, und da sollte auch für jeden etwas dabei sein. Auch die Wetterbedingungen machen einen Unterschied, denn bei regnerischen Bedingungen habt ihr freilich deutlich weniger Haftung und findet es häufiger im Kiesbett wieder als es euch lieb ist. Hier heißt es auch behutsam mit Gas und Bremse umgehen – für den DualSense Controller habt ihr dann auch mehrere Steuerungsmöglichkeiten und könnt dann entweder die hinteren Schultertasten oder die beiden Sticks nutzen.
Beides funktioniert gut und ihr könnt dosierter bremsen und beschleunigen. Ein Lenkrad mit Pedalen oder sogar einen Racing-Seat sind natürlich eine ganz andere Hausnummer, aber da sich das nicht jeder leisten kann oder will, hat man auch mit dem Controller ein gutes Gefühl.
Leichte Flecken auf der polierten Karosse
Als einziger Kritikpunkt sei hier bloß die etwas vorhersehbare KI zu nennen, die auch auf der höchsten der drei Schwierigkeitsstufen stur auf der Ideallinie bleibt und etwas unflexibel reagiert. Das soll nicht heißen, dass das Spiel zu leicht ist, denn ihr müsst immer noch mit dem Fahrverhalten eures eigenen Wagens zurechtkommen. Und da werden die Profis unter euch auch definitiv auf ihre Kosten kommen, denn nach Ausschalten aller Fahrhilfen schaffen nur die Wenigsten ein fehlerfreies Rennen.
Last but not least – ihr sollt euch natürlich auch mit euren Freunden messen dürfen. Dies geht lokal via Splitscreen oder eben auch online, wo ihr euren eigenen Raum anlegen könnt oder eben anderen Räumen beitreten könnt. Auch hier könnt ihr alles penibel einstellen – sei es die Rundenanzahl oder sogar den Treibstoffverbrauch.
Fazit
Unterm Strich ist Gran Turismo 7 nicht wirklich überraschend ein wirklich sehr gutes Rennspiel mit viel Liebe zum Detail, mit dem nicht nur Fans der Serie eine lange Zeit viel Spaß haben werden. Ein schön aufgezogener Storymodus schaltet euch nach und nach Strecken, Fahrzeuge und Missionen frei und hält euch auch so bei der Stange.
Das Fahrverhalten ist durch den hohen Realitätsgrad aufgrund der Unmengen an Fahrzeugen und Tuningeinstellungen unglaublich vielseitig, und spricht auch die Profizocker an, die sich gerne mit den kleinsten Details beschäftigen, um auch die letzten Hundertstelsekunden rauszukitzeln. Für mich eine klare Empfehlung für alle, die eine Playstation ihr Eigen nennen.
Erhältlich für: PlayStation 4, PlayStation 5
Website: playstation.com/de-de/games/gran-turismo-7