Es mag vielleicht gemein klingen: Aber inzwischen denke ich bei der Erwähnung des italienischen Entwicklerteams von Milestone direkt an lange Ladezeiten. Bei ihren Spielen wie der „Ride“-, „MXGP“- oder auch „WRC“-Serie konnte ich mir fast immer gemütlich eine Tasse Kaffee schnappen, bevor das eigentliche Renn-Event gestartet war. Für „Gravel“ war ich also gerüstet beziehungsweise stand meine Kaffeemaschine schon mal auf Standby.
Ab ins offene Gelände!
Das Interessante an der neuen Reihe ist diesmal, dass es sich nicht um einen Lizenzauftrag handelt: Bei „Gravel“ geht es Offroad ab in den Dreck – und das möglichst mit einem arcadelastigen Gefühl. Die bisherigen Simulationen, die Milestone abgeliefert hat, waren bei mir eigentlich immer unter „ganz okay“ eingeordnet, da sie in Sachen Fahrphysik gut, bei der optischen und technischen Präsentation eher dürftig waren. Andere Entwicklerteams (Hat hier jemand Codemasters gerufen?) machen ihre Aufgabe da deutlich besser. Also war ich gespannt, wie es sich anfühlt, wenn Milestone auf Arcade-Fahrt geht.
Die Präsentation ist diesmal ziemlich cool geworden: In einer Art fiktiven Rennshow arbeitet ihr euch dabei von Event zu Event bis zwischendurch immer mal wieder eine Art „Endboss“ auf euch wartet gegen den ihr antretet. Die Renn-Modi wechseln sich dabei munter ab, wagen aber keine echte Innovation: Demnach habt ihr von Sprint- und Rundenrennen über Zeitfahren und Mini-Events eigentlich alles dabei, was ihr sonst aus anderen Rennspielen kennt. Mir hat das nichts ausgemacht. Zudem begrüße ich die Geradlinigkeit der Präsentation geradezu, da ich mir keinen Kopf darüber machen muss, was ich als nächstes Spielen will: Einfach auf das kommende Event drücken, Auto auswählen und raus auf die Piste – passt!
Was wackelt hier denn so?
Beim Fahrgefühl bin ich mir jedoch nicht ganz sicher, was Milestone nun wirklich wollte: Denn sobald ich auf der Strecke bin, freue ich mich auf ein Arcade-Racer, bei dem ich springen, driften und kollidieren kann, ohne großartig die Konsequenzen zu scheuen. In einem gewissen Rahmen funktioniert dies hier zwar auch, aber mich beschleicht das Gefühl, dass die Entwickler sich nicht so richtig trauten, das Ganze komplett auf Arcade umzustellen. Denn viel zu oft hat mich die stellenweise doch realistische Steuerung und Fahrphysik überrumpelt. Es ist ein merkwürdiges, nicht ganz greifbares Gefühl beim Fahren: Es fühlt sich einfach nicht so locker-flockig an, wie es eigentlich sein sollte. Hier wäre deutlich mehr drin gewesen.
Auf der technischen Seite wurde ich mal wieder nicht enttäuscht: Milestone schafft es, dass meine Xbox One ein ganz schön langes Weilchen braucht, um das nächste Event zu laden. Diesmal dauert es zwar nicht so lange wie bei vorherigen Titeln, aber dennoch gibt die Konkurrenz dabei ein deutlich besseres Bild ab. Vielleicht sollten sich die Entwickler überlegen ein Mini-Spielchen in den Ladebildschirm einzubauen – dann würde mir das Warten gar nicht mehr so viel ausmachen. Bei der grafischen Präsentation bin ich allerdings ziemlich zufrieden mit dem Ergebnis: Das Geschwindigkeitsgefühl stimmt und die verschiedenen Automodelle sehen ordentlich aus. Nur an manchen Stellen ging meine Konsole mit der Framerate auf unerklärliche Weise in die Knie – ob das jetzt an meiner Xbox One lag oder ein allgemeines Problem ist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen. Genervt hat es aber ziemlich.
Fazit
Am Ende des Tages wandelt „Gravel“ auf einem schmalen Grad zwischen Unterhaltung und Frustration: Die Rennen und die geradlinige Präsentation sind dem Team diesmal sehr gut gelungen und sorgen für Abwechslung. Auch grafisch muss sich der Titel nicht verstecken – also vielleicht schon vor „Forza Horizon 3“. Nur in Sachen Fahrphysik kann ich mich nicht ganz so sehr mit dem Spiel anfreunden, da die Steuerung und das Verhalten der Karren merkwürdig zwischen Simulation und Arcade schwankt. Dürfte ich hier mehr um Ecken driften und unbesorgter bei hoher Geschwindigkeit ins Lenkrad greifen, um schnelle Wendemanöver zu machen, würde der Unterhaltungsfaktor deutlich in die Höhe schnellen. So bleibt mir ein guter bis mittelmäßiger Offroad-Titel, der sehr viel Potenzial im Dreck liegen lässt.
Erhältlich für: Xbox One, PS 4, PC
Website: gravelvideogame.com