Starke Fortsetzung: GRIME II setzt euch erneut in eine grotesk-schöne, organische Welt. Diesmal ist euer Charakter „Formless“, also ein Wesen, das Formen stiehlt, Gegner absorbiert und aus ihren Mustern neue Fähigkeiten und sogenannte Molds formt.
Allein diese Prämisse sorgt schon dafür, dass das Spiel nicht wie das hundertste austauschbare Metroidvania wirkt, sondern wie ein Fiebertraum aus Skulpturengarten, Albtraum und Kunstinstallation. Das Ganze bringt einen ganz eigenen Touch mit sich: klebrig, körperlich, seltsam. Und gerade deshalb faszinierend.
Einzigartige Welt
Diese Welt scheint eines der großen Pfunde des Spiels zu sein. Schon auf der gamescom beim Besuch der Entwickler musste ich die grotesken Kreaturendesigns loben. Aber auch die handwerklich starke Soundkulisse und die Biome, die sich deutlich voneinander unterscheiden, muss ich hervorheben. Und das alles ohne den roten Faden der verstörend-schönen Gesamtästhetik zu verlieren.
Das ist nicht nur hübsch im üblichen Indie-Sinne, sondern hat echte Eigenständigkeit. Ihr müsst GRIME II einfach in Bewegung sehen. Es ist ein Spiel, das nicht geschniegelt gefallen will, sondern euch erst einmal in seine seltsame Materialität hineinzieht. Ein merkwürdiges, aber einzigartiges Gefühl.
Kampf mit Zähnen
Der eigentliche Star ist aber das Kampfsystem. Schon im ersten Teil gefiel mir das sehr gut. GRIME II wiederholt die Mechaniken des Vorgängers aber nicht bloß, sondern erweitert sie: mit Force-Management, Grasp-System, Molds, unterschiedlichen Waffen, Ranged-Optionen und genug Bausteinen, um verschiedene Spielstile zuzulassen.
Genau dadurch wirkt das Spiel nicht wie ein hübsches Erkundungsspiel mit netten Bossen, sondern wie ein richtiger Kampftest mit Substanz. Es gibt hier echt viel zu entdecken und ein sehr befriedigendes Gefühl, wenn eine Taktik hinhaut. Besonders spannend dabei ist, dass die Kämpfe zugleich fordernd und flexibel sind.
Erkunden mit Reibung
Wie ihr seht: GRIME II glänzt mit frischen Ideen und lädt zum Erkunden ein. Aber die Ideen bekommen oft nicht genug Raum, um sich zu entfalten. Denn es gibt einfach zu viele gute Ideen in diesem Spiel. Ja, ich weiß! Das ist ein interessanter Kritikpunkt, weil er fast schon nach einem Luxusproblem klingt.
Wenn ein Spiel mit Kreaturen, Formen, Kunstmotiven, Fähigkeiten und Biomen nur deshalb nicht ganz makellos wirkt, weil es seine eigenen Einfälle manchmal zu dicht aneinanderreiht, dann steckt darin immerhin mehr Übermut als Leerlauf. Trotzdem sollte man das ernst nehmen: Wer von einem Metroidvania nicht nur starke Bosskämpfe, sondern auch ein perfekt getaktetes Entdeckergefühl erwartet, könnte hier stellenweise mehr Reibung spüren, als ihm lieb ist.
Atmosphäre statt Komfort
GRIME II ist außerdem kein Spiel, das euch betont sanft an die Hand nimmt. Auch beim Vorgänger musstet ihr vieles selbst herausfinden. Das gefällt mir auch ziemlich gut. Ihr braucht also etwas Geduld für seine Systeme, seine Kämpfe und seine eigentümliche Welt. Das passt wiederum sehr gut zur gesamten Inszenierung: Diese Welt will nicht bequem konsumiert, sondern erarbeitet werden.
Gerade darin liegt auch seine Faszination. GRIME II ist die Art Spiel, die nicht jeden sofort umarmt, dafür aber bei den richtigen Spielern einen deutlich stärkeren Eindruck hinterlässt als viele glattere Genrevertreter. Bei mir war das jedenfalls der Fall. Wenn ihr Metroidvanias mögt, die euch nicht bloß beschäftigen, sondern regelrecht an ihren eigentümlichen Kosmos fesseln wollen, dann dürfte dieses Spiel ziemlich tief sitzen.
Fazit
GRIME II ist für mich ein kraftvoller Nachfolger, der die Identität des Originals nicht verdünnt, sondern entschlossener ausformt. Seine größte Stärke liegt in der Verbindung aus grotesker Kunstwelt, wuchtigem Kampfsystem und dem Gefühl, sich jeden Fortschritt wirklich zu verdienen. Kleinere Einwände bei Exploration, Erzählrhythmus und Ideenverdichtung ändern wenig daran, dass hier eines der markanteren Metroidvanias des Jahres entstanden ist. Wirklich großes Kino!
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: store.steampowered.com/app/2529790/GRIME_II