Ich halte sehr große Stücke auf das Hamburger Studio Daedalic Entertainment. Einige meiner beliebtesten Adventures wie die Deponia-Reihe stammen aus dem Haus. Nun hat sich Daedalic mit Herr der Ringe: Gollum an ein neues Genre gewagt – und hat sich ziemlich verrannt. Aber fangen wir von vorne an.
Das Bild trübt sich
Als ich die ersten Screenshots zu Herr der Ringe: Gollum sah, hüpfte mein Herz vor Freude. Endlich mal wieder ein cooles Spiel aus einem meiner Lieblingsuniversen. Die Freude trübte sich vor einem halben Jahr als die Screenshots nicht mehr ganz so gut aussahen. Aber hey, es kommt nicht immer auf die Grafik an, oder?! Ein erster Vortest der PC Games machte mich dann aber stutzig. Hier war die Rede von schwerwiegenden Bugs und lahmem Gameplay. Das wollte ich selbst erleben.
Die Story klang schon mal vielversprechend: Die Geschichte dreht sich um die bedauernswerte Kreatur Gollum bzw Smeagol, wie sein richtiger Name lautet. Die Erzählung spannt dabei einen weiten Bogen zwischen den Büchern des Hobbit und dem Herr der Ringe. Abseits platt getretener Pfade soll hier der Leidensweg von Gollum nacherzählt werden. Klingt aufregend. Ich bin jedenfalls an Bord.
Gollum für die Augen
Als ich das Spiel dann zum ersten Mal starte, muss ich den Aufschrei meines inneren Fanboys etwas zügeln. Wie sieht Gollum denn aus? Zum Fürchten – aber nicht auf eine gewollte Art und Weise. Aber das liegt immer noch im Rahmen künstlerischer Freiheiten. Ich tue das als Geschmackssache mal ab. Doch die erste Sequenz ist dann keine subjektive Meinung mehr. Wenn die Elben über den eingefärchten Gollum reden, verstehe ich kein Wort – nicht weil ich kein Elbisch kann, sondern weil der Ton grausam abgemischt ist. Viel zu leise und undeutlich. Als Gandalf dann das erste Mal auftaucht, wird es nicht besser. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht.
Spielerisch schickt euch Daedalic auf eine Tortur, die nicht nur Gollum, sondern auch die Person am Controller leiden lassen möchte. Größtenteils schleicht ihr euch durch Areale gefüllt mit Langeweile. Das liegt zum einen an der dämlichen KI, zum anderen aber an der unterirdischen Technik. Die Animationen sind teilweise abgehakt, dann ploppen Texturen viel zu spät (oder manchmal gar nicht) auf. Außerdem schwebt Gollum oft über den Boden, was merkwürdig aussieht.
Technisch in den Minen von Moria
Hinzu kommt eine recht eigenwillige Steuerung oder Kollisionsabfrage. Hier und da reagiert Gollum nicht auf meine Befehle und macht unnötigerweise den Abgang von Klippen, die eigentlich nicht sonderlich gefährlich waren. Im Einzelfall betrachtet sind das Kleinigkeiten, die passieren können. Doch in Summe verderben sie einem wirklich den Spielspaß.
Herr der Ringe: Gollum setzt euch zudem viel zu oft die gleiche Kost vor. Soll heißen: Erwartet spielerisch ja keine Abwechslung. Gleiches gilt übrigens auch für die Story: ich hatte nie das Gefühl, dass sie irgendwie Fahrt aufnimmt, geschweige denn interessant wird. Daedalic hat hier sehr viel Potenzial auf der Straße nach Mordor liegen lassen.
Digitaler Sargnagel
Inzwischen hat sich das Studio sogar selbst zu Wort gemeldet und verkündet, dass sie keine Blockbuster-Spiele mehr machen wollen. Nach diesem Titel ist das zwar äußerst verständlich, aber es tut ebenso weh - mir zumindest als Fan des Studios. Ich frage mich nur, warum das bei Gollum niemand hat kommen sehen, dass der Titel in einem derart desolaten Zustand ist. Selbst mit sehr vielen Patches wird Gollum nie das Mittelmaß überschreiten können.
Fazit
Auch als hartgesottener Fan kann ich Der Herr der Ringe: Gollum nicht mit reinem Gewissen weiterempfehlen. Zu viele Bugs durchqueren Gollums Weg und zu wenig Spielspaß gesellt sich dazu. Fast möchte man meinen, dass Spieler:innen hier physisch die Leiden dieser Kreatur nachempfinden sollen. Aber ich denke nicht, dass das gewollt ist. Damit bleibt dieses Spiel alleine für den Hauptcharakter ein kleiner Schatz, den er gerne haben darf.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch
Website: gollumgame.com