Schon der Titel klingt wie ein Kommentar zum eigenen Leveldesign, und in den ersten Minuten dachte ich: „Wenn das so weitergeht, hasse ich diesen Ort sehr gern.“ Ein missglücktes Ritual, eine Heldin namens Elena, die in einer verdrehten Zwischenwelt landet, und eine Präsentation, die aussieht, als hätte jemand einen 80er-Horror-Comic direkt auf den Bildschirm getackert – I Hate This Place macht anfangs extrem viel richtig.
Ein 80er-Horrorcomic zum Spielen
Stilistisch ist das Spiel ein Hingucker. Dicke Outlines, kräftige, flache Farbfelder, Onomatopoesie als Bildschirmtext – Geräusche tauchen als „Tap“, „THUD“ oder schrille Schriftfetzen neben euch auf, als würdet ihr Seiten umblättern. Die Welt wirkt eher gezeichnet als gerendert, inklusive grober Rasterstrukturen und Cel-Shading, das die Konturen richtig schön herausknallen lässt.
Dazu kommt ein Soundtrack, der stark auf 80er-Synth setzt: flirrende Flächen, dumpfe Basslinien und immer wieder kleine akustische Stiche, wenn irgendwo etwas nicht stimmt. Das passt hervorragend zur Tonlage, irgendwo zwischen Stranger Things, Cronenberg-Körperhorror und „billigem“ VHS-Schocker. Unheimlich ist hier weniger das, was ihr konkret seht, sondern dieses Gefühl, in einer Welt zu stecken, die absichtlich künstlich wirkt – als hätte jemand absichtlich zu dick aufgetragen, damit ihr euch nie ganz sicher fühlt.
Rutherford Ranch: Vom Tageslicht zur Dämonennacht
Spielerisch werdet ihr auf Rutherford Ranch losgelassen, ein offen strukturiertes Gebiet mit verfallenen Feldern, Wäldern, einem verlassenen Örtchen und Bunkern, die tief in den Untergrund führen. Das Ganze läuft in einer isometrischen Perspektive und ist als craft-basierter Survival-Horror gedacht: tagsüber erkundet ihr, plündert verlassene Häuser, durchsucht Scheunen, bunkert Essen, Holz, Metall und andere Ressourcen; nachts werdet ihr zur Beute, denn dann kommen die wirklich unangenehmen Kreaturen heraus.
Der Tag-Nacht-Wechsel ist dabei mehr als nur Kosmetik. Bei Tageslicht seht ihr weit, könnt euch Wege markieren, Outposts reaktivieren und euer Lager ausbauen. Wenn die Sonne weg ist, wird die Sicht stark eingeschränkt, mehr Gegner tauchen auf, sie sind aggressiver und halten mehr aus; oft ist es klüger, sich in einen Safe-Raum zurückzuziehen und den Sturm auszusitzen, statt heroisch zu werden. Das gibt dem Spiel eine angenehme Struktur: Erkundung, Vorbereitung, Überleben – in genau dieser Reihenfolge.
Stealth durch Geräusche – großartige Idee, zähe Umsetzung
Der eigentliche Clou ist, wie das Spiel mit Geräuschen umgeht. Die meisten Monster sehen schlecht, hören dafür umso besser. Jeder Schritt, jeder Sprint, jeder Schuss erzeugt Geräusch, das ihr als Comic-Soundeffekt seht. Kreise und Schrift zeigen euch an, wo euer Lärm hingeht und wann ihr die Aufmerksamkeit von irgendetwas Undefinierbarem geweckt habt.
In der Theorie ist das fantastisch: Ihr schleicht, seht buchstäblich, wie laut ihr seid, und könnt Geräusche gezielt nutzen, um Gegner in Fallen zu locken oder von eurem Weg wegzulocken. Ihr kriecht, werft Flaschen, legt improvisierte Bomben – und wenn alles klappt, fühlt ihr euch wie in einem analogen Schleicher-Brettspiel mit visuellen Soundreglern.
Zu spitze Ohren
In der Praxis stolpert das Spiel hier aber über die eigene Idee. Die Hörreichweite der Gegner ist groß; effektiv bedeutet das, dass ihr in vielen Bereichen quasi permanent kriechen müsst, um nicht sofort ganze Gruppen auf euch zu ziehen. Elena kriecht sehr langsam, und weil Feinde oft im Sichtbereich bleiben, verliert ihr schnell die Spannung: Ihr wisst, wo sie sind, ihr wisst, dass sie euch hören würden, also kriecht ihr – minutenlang. Der Horror, der aus Unwissenheit und Überraschung kommen soll, wird dadurch zu einem zähen „Okay, ich schleiche hier halt durch“-Gefühl.
Wer sagt „Dann renne ich eben“, erlebt die andere Seite der Medaille: Gegner holen euch im Sprint schnell ein, treffen hart, und Elena hat kaum defensive Optionen. Selbst mit Schrotflinte oder anderen Waffen wirken Kämpfe eher wie Notbremsen, die selten Spaß machen. Ein Standardgegner kann bis zu acht (!) Schrotflintentreffer wegstecken, die Startpistole fühlt sich wie ein Erbsengewehr an.
Für Survival-Horror ist das nicht per se falsch – Kämpfe sollen unangenehm sein –, aber hier kippt es oft in Frust: Ihr spielt „richtig“ (leise, vorsichtig) und habt wenig Action, oder ihr spielt impulsiv und werdet gnadenlos dafür bestraft.
Crafting, Bunker und Geisterlampe
Zwischen dem Schleichen sammelt ihr alles ein, was nicht niet- und nagelfest ist. Das Crafting-System erlaubt euch, aus Schrott, Chemikalien und organischen Materialien Fallen, Munition, Heilitems und Upgrades für euer Lager zu bauen.
Die Bunker funktionieren hier als klassische Survival-Horror-Dungeons: verschachtelte Gänge, Türen mit Stromrätseln, Abkürzungen, die ihr nach und nach freischaltet. Das Layout ist gut durchdacht, erinnert an alte Resident-Evil-Schulen – pragmatisch, logisch, jedoch ohne echte „Wow“-Momente. Geheimnisse gibt es, aber eher in überschaubarem Maß, und oft hättet ihr euch ein paar mehr echte Belohnungen fürs gründliche Umsehen gewünscht.
Dann sind da noch die „Spirit Realm“-Abschnitte. Hier wechselt das Spiel in eine surreale, geisterhafte Parallelversion der Welt, und Elena bekommt eine spektrale Taschenlampe. Mit der könnt ihr Geisterwesen „wegbrutzeln“, indem ihr sie lange genug anstrahlt. Auf dem Papier soll das ein anderer Horror-Ton sein, doch spielerisch ist es einer der schwächsten Teile: Das „Bestrahlen“ geistertypischer Gegner dauert lange, ist wenig spannend und wird mit mehreren Gegnern gleichzeitig schnell zur Geduldsprobe.
Fazit: Ein Ort, den man interessant findet – aber nicht unbedingt liebt
I Hate This Place ist eines dieser Spiele, bei denen ihr nach den ersten Stunden denkt: „Das Setting und der Look sind stark, hier steckt was drin“, und nach zehn Stunden merkt, dass aus „stark“ nie so ganz „großartig“ wird. Der Comic-Horror-Stil, die Idee mit sichtbar gemachten Geräuschen, das Tag-Nacht-Überlebenskonzept und die dichten Bunker-Dungeons – all das funktioniert mindestens ordentlich, manches sogar richtig gut.
Auf der anderen Seite stehen ein zähes Stealth-Tempo, frustrierende Kämpfe, Spirit-Realm-Segmente, die spielerisch abfallen. Wenn ihr großer Fan des zugrunde liegenden Comics seid oder gezielt nach einem stilistisch eigenständigen Survival-Horror mit Experimentierfreude sucht, kann sich ein Besuch in dieser verfluchten Ranch lohnen – zumal die Atmosphäre, die Musik und die Präsentation wirklich etwas Eigenes haben.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch
Webseite: brokenmirrorgames.com/ihatethisplace