Heinrich hat es nicht leicht – und das gleich aus mehreren Gründen: Zum einen ist er als Sohn eines Schmiedes im Jahr 1402 in Böhmen nicht gerade mit Wohlstand gesegnet. Zum anderen verliert er seinen Vater und seine Mutter nach einem heimtückischen Überfall von unbekannten Invasoren auf sein Dorf. Und dann wäre da noch zu erwähnen, dass Heinrich als Hauptcharakter dieses Rollenspiels über keinerlei Superfähigkeit verfügt, die ihn von anderen Mitbürgern abheben würde. Willkommen im Mittelalter, wie es wohl die meisten Menschen zu dieser Zeit erlebt haben. Das junge Entwicklerteam der Warhorse Studios hat sich ganz bewusst für ein Rollenspiel mit mittelalterlichem Setting entschieden, in dem es keine Fantasy-Elemente gibt, sondern historisch korrekte Darstellungen. Dies fängt an bei der Kleidung der Bürger über die Architektur der Gebäude bis hin zum malerischen Umland. Genauso könnte es zu Beginn des 15. Jahrhunderts wirklich zugegangen sein. Eine erstaunliche Leistung der Programmierer, die ihr ganzes Herzblut in dieses Werk gesteckt haben.
Nun aber verlässt sich der Titel nicht auf dieses Alleinstellungsmerkmal und kopiert munter bekannte Mechaniken aus anderen Gerne-Vertretern, sondern will sich auch dort aus der Masse heben: Jeder Handgriff muss erlernt werden, wie beispielsweise das richtige Handeln, Schlösser knacken und – ganz wichtig! – das Kämpfen. Letzteres wirkt allerdings durch das komplexe Steuerungssystem fast schon zu authentisch, um richtig Spaß zu machen. Zum Glück gibt es auch immer wieder die Möglichkeit, die meisten Auseinandersetzungen mit Worten zu lösen oder die Beine in die Hand zu nehmen. Besser ein Feigling als tot. Durchhalten wird belohnt: Nach einem holprigen, stark vom Erlernen der Spielmechaniken geprägten Einstieg nimmt das Spiel nach rund sechs bis acht Stunden endlich Fahrt auf und nimmt junge Nachwuchsritter auf eine atemberaubende Zeitreise ins Mittelalter mit. Grafisch ist das Ganze schon recht beeindruckend, bietet aber für eine eventuelle Fortsetzung reichlich Luft nach oben. Lediglich das Speichersystem könnte noch einmal überarbeitet werden, da nur an gewissen Stellen der Spielstand festgehalten wird – sehr untypisch und unpraktisch für ein Open-World-Rollenspiel. Wer Lust auf eine lehrreiche und unterhaltsame Reise ins europäische Mittelalter hat, sollte sein Ticket für „Kingdom Come: Deliverance“ lösen. Den Namen Warhorse Studios darf man sich dabei auch gerne merken – es könnte der Beginn einer grandiosen Erfolgsgeschichte werden.
GENRE Rollenspiel
FÜR Xbox One, PS 4, PC
ENTWICKLER Warhorse Studios
PUBLISHER Deep Silver
SPIELER 1
ONLINE ja
USK ab 16 Jahren
kingdomcomerpg.com/de