Ein bisschen aufgeregt bin ich ja schon – King’s Bounty war in meiner Jugend eines der wenigen Spiele, die mich direkt begeistert hatten. Insgesamt hat das Spielchen zwar nicht die besten Kritiken eingeheimst, aber mir ein völlig neues Genre nähergebracht. Bzw. hat King’s Bounty im Jahr 1990 ein völlig neues Genre erschaffen.
Und jetzt – über 30 Jahre später – folgt der nächste Teil. Vielleicht könnt ihr meine Aufregung nachvollziehen. Wem das alles nichts sagt mit King’s Bounty, der erinnert sich vielleicht an Spiele wie Disciples oder Heroes of Might and Magic. Genau solchen Spielen hat King’s Bounty den Weg vorbereitet. Jedenfalls handelt es sich um taktische, rundenbasierte Rollenspiele mit jeder Menge Truppenverwaltung. Ich habe es geliebt.
Nun also soll die nächste Evolutionsstufe dieses Genres eingeleitet werden. Mein PR-Ansprechpartner hat es so ausgedrückt: „Ein bisschen könnte man den Vergleich zwischen King’s Bounty 1 und Teil 2 so sehen, wie die Neuauflage von XCOM, das ebenfalls die Reihe revolutionierte.“ Ganz so falsch lag er mit dieser Aussage nicht.
Das Abenteuer beginnt
Zu Beginn der Kampagne werde ich vor die Wahl gestellt: Welchen Helden will ich in den kommenden Stunden verkörpern? Da ich einen Hang zur Magie habe, fällt meine Wahl auf Katarina, eine begabte Gräfin. Das Bauernmädchen Elisa und den Krieger Aivar lasse ich links liegen. Bis auf die Hintergrundgeschichte ändert sich dabei wenig.
Die Story ist doch recht linear aufgebaut, wie ich später feststellen werde. Also im Grunde wirkt sich das Ganze lediglich auf eure Spielweise aus. Aber selbst das könnt ihr im Verlauf des Spiels selbst entscheiden oder beeinflussen. Also euer Krieger kann später auch zum Magier werden, wenn ihr wollt. Mein Abenteuer mit Katarina startet.
Los geht es in einem Kerker. Aus der Schulterperspektive begleite ich die gefangene Magierin zum Vorgesetzten eines kleinen, verschneiten Außenpostens. Alles erinnert mich irgendwie an eine Folge aus Game of Thrones. Vor allem irritiert mich eine Tatsache: Ich steuere die Heldin aus der Third-Person-Perspektive – beim klassischen King’s Bounty kam immer eine isometrische Perspektive zum Einsatz.
Jeder Schritt musste dafür gut geplant sein, bevor der Tag zu Ende ging. Das entfällt nun auf einen Schlag. Vielmehr laufen wir hier herum, wie in einem Witcher- oder Zelda-Spiel. Damit verliert das Spiel einen Aspekt, den ich beim Vorgänger immer mochte. Nun laufe ich also so durch die Welt und entdeckte nebenher Geheimnisse – man gewöhnt sich dran.
Taktischer Hochgenuss
Aber einen Aspekt behält King’S Bounty 2 bei und verbessert diesen sogar noch: Die taktischen Rundenkämpfe. Diesen sind nun perfekt ins Spielgeschehen integriert: Sobald ihr mit eurem Helden auf Feinde trefft, wechselt das Geschehen in eine Draufansicht. Über den Kampfort werden dann Hexfelder gelegt, auf denen sich die Truppen bewegen dürfen.
Wer wann an der Reihe ist, entscheidet der Initialwert der Einheit. Katarina darf aber nicht bewegt werden, sondern nur die Truppen, die sie in ihrem Team hat. Das sind bis zu fünf verschiedene Einheiten. Mehr Einheiten könnt ihr aber auf der Reservebank parken. Das System ist anfangs ziemlich undurchsichtig und wird nicht sonderlich ausgiebig erklärt. Bei mir hat es eine Weile gedauert, bis ich verstanden habe, wie hier alles funktioniert.
Jedenfalls müsst ihr bei jedem Aufeinandertreffen dafür sorgen, dass der Gegner keine Einheiten mehr zur Verfügung hat. Habt ihr keine Einheiten mehr, heißt es Game Over. Katarina kann allerdings auch in den Kampf eingreifen, allerdings nur indirekt mit Zaubersprüchen und Buffs. Je weiter ihr in der Story voranschreitet, desto herausfordernder werden die Kämpfe. Ihr müsst dann auf entsprechende Schwachstellen der Feinde achten und eure Stärken geschickt in den Kampf integrieren – einfach herrlich.
Talente, wohin das Auge schaut
Nach jedem Sieg gibt es neben Erfahrungspunkte auch neue Items, die ihr eurem Helden anziehen dürft. Der Skillbaum ist zudem recht schön geraten, dass ihr experimentieren dürft. Neue Einheiten gibt es übrigens immer wieder mal in der Welt bei entsprechenden Händlern zu kaufen. Außerdem habt ihr immer mal wieder Nebenaufgaben, die euch Einheiten und Punkte bescheren.
Punkte? Ja, es gibt grundsätzlich vier verschiedene Richtungen in King’s Bounty 2, nach denen ihr streben könnt. Zwei sind immer gegensätzlich. Es gibt Disziplin und Anarchie, Stärke und Gewandtheit. Je nachdem, wie ihr euch entwickelt, könnt ihr neue Einheiten und Fähigkeiten erwerben – interessantes System. Grafisch ist King’s Bounty eindeutig nicht in der Top-Liga. Viele Texturen und Animationen wirken etwas holzig und angestaubt.
Die Atmosphäre ist aber dennoch ganz gut. Einen Aspekt hätte ich aber fast vergessen: Es gibt keine Schwierigkeitsgrade. Soll heißen: Für jeden Spieler gibt es die gleiche Herausforderung, was besonders bei Neulingen ab der Hälfte des Abenteuers zu Frust führen kann. Dann nämlich werden die Kämpfe immer taktischer und meist hilft nur ein schnelles Speichern vor einem Aufeinandertreffen. Daran könnten die Entwickler von 1C Company vielleicht noch schrauben.
Fazit
Ganz die Neuauflage, die ich mir erhofft habe, ist King’s Bounty 2 leider nicht geworden – aber dennoch ein ziemlich gutes Rundentaktikspiel. Denn der taktische Part auf der Übersichtskarte aus Teil 1 fehlt mir doch etwas zu sehr, auch wenn ich das Herumlaufen und Erkunden aus der Third-Person-Perspektive ganz charmant finde.
Dafür sind die taktischen Kämpfe wirklich ein Genuss – fordernd, strategisch und immer spannend. King’s Bounty 2 könnte noch ein ganzes Stück besser sein, wenn man manche Mechaniken besser erklären würde. Aber insgesamt bin ich doch sehr zufrieden mit diesem taktischen Leckerbissen. Mit ein paar Patches können so manche Schnitzer zudem locker ausgebessert werden.
Erhältlich für: PC, Xbox, PS, Switch
Website: kingsbounty2.com/de