Was für eine schöne Überraschung! Lost Ember: Rekindled Edition ist weniger ein simples „Next-Gen-Update“ und mehr eine zweite Chance für einen Indie-Geheimtipp, der 2019 unter dem Radar vieler Spieler durchgeschwommen ist. Denn auch ich habe dieses wunderbare Spielchen damals verpasst und war umso begeisterter, dass ich nun hier eintauchen durfte. Und das hat sich gelohnt.
Die neue Fassung kombiniert die technisch überarbeitete Lost Ember: Rekindled Edition mit dem frischen Legendary-Souls-DLC und schnürt damit ein Paket, das die Stärken des Originals deutlicher herausstellt – und gleichzeitig zeigt, wo die Reise dieses stillen Naturabenteuers hingehen will. Lasst euch von einer emotionalen Geschichte fesseln.
Rekindled Edition: Das Hauptspiel im neuen Gewand
Kern des Pakets bleibt das ursprüngliche Lost Ember. Als Wolf, begleitet von einem schwebenden Geisterführer, streift ihr durch eine längst untergegangene Welt, in der die Ruinen der Yanren-Zivilisation von üppiger Natur überwachsen sind.
Der Clou: Ihr könnt nahezu jedes Tier, das euch begegnet, übernehmen – vom Kolibri, der durch Engstellen zischt, über Wombats und Wildschweine bis hin zu Fischen und Papageien. So erlebt ihr dieselbe Landschaft aus völlig unterschiedlichen Perspektiven, entdeckt Erinnerungsfragmente und setzt Stück für Stück die Geschichte von Kalani und dem Untergang der alten Welt zusammen. Allein für diese Art der Erzählung feiere ich Lost Ember bereits.
Märchenhaft schön
Die Rekindled Edition hebt das alles technisch auf ein deutlich höheres Niveau. Die Umstellung auf Unreal Engine 5, 4K und HDR sorgt für sichtbar schärfere Texturen, kräftigere Farben und beeindruckendere Lichtstimmungen, gerade in Dschungeln, Tempel-Ruinen und nächtlichen Szenen.
Viele Performance-Probleme des ersten Release – Framedrops, Pop-in, instabile Effekte – sind spürbar reduziert, was die Atmosphäre konstanter wirken lässt. Neue Extras wie ein Free-Roam-Modus und ein weihnachtlicher „Christmas Mode“ laden zudem dazu ein, die Welt ohne Storydruck einfach zu genießen.
Durchatmen und genießen
Spielerisch bleibt Lost Ember aber bewusst entschleunigt. Es gibt keine Kämpfe, kein Loot, keinen Skilltree; der „Fortschritt“ besteht darin, neue Tierformen zu finden, mit ihnen verborgene Pfade zu erreichen und mehr über die Vergangenheit zu erfahren.
Wer ohne Questmarker und Belohnungsfeuerwerk nervös wird, wird hier auch mit der Neuauflage nicht glücklich. Wer hingegen Lust auf ein meditativeres Erkunden mit starkem Fokus auf Story und Stimmung hat, bekommt nun eine deutlich rundere Fassung derselben Vision.
Zudem habt ihr die Wahl, ob ihr euren Begleiter stumm schaltet und selbst alles entdecken wollt. Das ist zwar noch atmosphärischer, lässt die Story dann aber arg kryptisch werden. Ich empfehle euch den normalen Modus, zumal euer geisterhafter Begleiter wirklich schön vertont ist und für stimmungsvolle Momente sorgt.
Legendary Souls: Neue Seelen, neue offene Welt
Das brandneue Legendary-Souls-DLC ist keine lose Zusatzepisode, sondern erweitert die Welt um eine eigenständige, große Open-World-Region, die frei erkundet werden kann. Statt die Geschichte von Kalani weiterzuerzählen, stellt ihr hier anderen „lost embers“ nach – verloren gegangenen Seelen, die, wie ihr einst, ihren Weg zur legendären Stadt des Lichts suchen.
Die Struktur ist offener als im Hauptspiel: Auf der neuen Karte liegen sogenannte Soul Quests verteilt, kurze in sich geschlossene Geschichten, in denen ihr das Schicksal einzelner Seelen ergründet. Um dorthin zu gelangen, braucht ihr praktisch alle Tiere aus dem Hauptspiel: schnelles Klettern als Bergziege, lange Gleitflüge als Vogel, Tauchgänge in tiefe Seen, Graben in Erdhöhlen – das DLC designt seine Biome sichtbar um das komplette Tierarsenal herum. Es fühlt sich wie ein riesiger Sandkasten voller Möglichkeiten an – wirklich toll. Aber spielt unbedingt zuerst das Hauptspiel durch, bevor ihr euch hier hineinversetzt.
Noch mehr Entspannung
Die Quests selbst sind eher leise Vignetten als große Dramen: kurze Rückblenden, Orte, an denen die Seelen einst lebten oder starben, kleine Umgebungsrätsel. Der Reiz liegt darin, wie ihr durch wechselnde Perspektiven mehr über sie erfahrt und ihnen letztlich helft, den Weg ins Licht zu finden – quasi Miniaturen der Kernidee des Hauptspiels.
Dazu kommen neue Sammelobjekte, versteckte Erinnerungen und optionale Pfade, die das Endgame für Fans des Erkundens spürbar strecken, ohne die kontemplative Grundstimmung aufzugeben.
Technik und kleine Schwächen: Polierter, aber nicht makellos
So stark die Rekindled Edition Lost Ember optisch aufholt, ganz frei von Kanten ist sie nicht - das zeigen auch andere Testberichte: diese loben zwar die neue Klarheit, die bessere Fernsicht und die stimmungsvolleren Lichteffekte, bemängeln aber, dass Kamerasteuerung und Tierwechsel in engen Umgebungen weiterhin hakelig sein können. Da muss ich leider zustimmen.
Gerade in Höhlen oder schmalen Gängen kommt es zu Perspektivproblemen, und kleinere Glitches – etwa steckenbleibende Tiere oder kurz aufflackernde Geometrie – erinnern daran, dass hier ein Indie-Projekt am Werk ist. Einmal konnte ich durch eine massive Wand hindurch den Rest des Gebietes sehen, weil ich in der Wand steckte. Aber das nehme ich bei dem sonst so schönen Spiel gerne in Kauf.
Langsam, wer es mag
Auch bleibt das Pacing Geschmackssache. Wer die Story des Hauptspiels bereits kennt, findet im Legendary-Souls-DLC vor allem mehr desselben entspannten Erkundens, nicht aber neue Mechaniken oder dramatische Wendungen.
Kritiken beschreiben Lost Ember daher weiterhin als „Rohdiamant mit bewusstem Verzicht auf Spielsysteme“, der dank Remaster näher an die eigene Ambition rückt, aber seine ruhige, beinahe sture Haltung gegenüber typischen Fortschritts-Loops nicht aufgibt. Mir persönlich hat das nichts ausgemacht.
Fazit: Eine leise, nun deutlich rundere Reise – plus Extraschleife
Lost Ember: Rekindled Edition ist in Summe ein sehr stimmiges Paket: Die Rekindled Edition bügelt viele technische Schwächen des Originals aus, lässt die ohnehin starke Art Direction endlich so wirken, wie sie gedacht war, und zusätzliche Komfortfeatures wie Free Roam und Weihnachtsmodus machen die Rückkehr in die Tierwelt noch angenehmer.
Der Legendary-Souls-DLC ergänzt das Ganze um eine große, frei erkundbare Region, in der das Tierarsenal des Hauptspiels wirklich gefordert wird und neue Soul Quests kleine, berührende Geschichten weiterer verlorener Seelen erzählen. Wer das ursprüngliche Lost Ember mochte, bekommt hier genau das, was man sich von einer späten Erweiterung wünscht: mehr Raum zum Atmen, mehr Geschichten im selben Ton, technisch sauberer verpackt.
Für Neulinge ist Rekindled Edition die ideale Einstiegsversion: ein atmosphärisches, ungewöhnlich entschleunigtes Abenteuer mit klarem Fokus auf Natur, Erinnerung und Perspektivwechsel – vorausgesetzt, man kann damit leben, dass es kein Spiel für Lootjäger und Skilltree-Fans ist. Wer jedoch genau so ein ruhiges Gegenprogramm zu Dauer-Action sucht, findet in Lost Ember: Legendary Souls nun eine der überzeugendsten Fassungen dieser Idee.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: store.steampowered.com/app/3086580/LOST_EMBER_Rekindled_Edition