Wie viele Superhelden braucht es, um einen Gegner ordentlich auseinanderzunehmen? MARVEL Tōkon: Fighting Souls antwortet, ohne zu zögern: vier. Arc System Works macht aus dem Marvel-Universum einen rasanten Tag-Fighter, der wie ein überdrehter Anime-Comic aussieht und sich trotz der Bildschirm-Explosionen erstaunlich zugänglich spielt.
Vier gegen vier, aber anders
Das große Alleinstellungsmerkmal steckt im Aufbau der Kämpfe. Statt eines Duells oder eines üblichen Zweier-Teams stellt ihr euch ein Team aus vier Figuren zusammen. Dabei hat nicht jede Figur ihre eigene Lebensleiste. Das gesamte Team teilt sich eine zentrale Vital-Anzeige, die im Verlauf des Kampfes wächst, wenn weitere Mitglieder verfügbar werden.
Ihr startet mit einer Hauptfigur und ruft eure Teammitglieder für Assist-Angriffe herbei. Alternativ wechselt ihr direkt zu ihnen und passt eure Taktik an die Lage an. Das führt zu wilden Momenten, bleibt aber besser lesbar, als man bei acht Marvel-Figuren auf dem Bildschirm erwarten würde.
Dazu baut ihr die Assemble-Leiste auf. Ist sie voll, entfesselt ihr eine gemeinsame Team-Attacke mit maximalem Comic-Spektakel. Das ist ungefähr so, als würde die Avengers-Schlussszene aus einem Kinofilm für ein paar Sekunden direkt in euren Controller springen. Ich finde diese Momente immer fantastisch.
Arc System Works trifft Marvel
Für die Entwicklung ist Arc System Works zuständig, das Studio hinter Guilty Gear, BlazBlue und Dragon Ball FighterZ. Diese Herkunft sieht man in jeder Animation. Figuren und Arenen wirken wie handgezeichnete Anime-Interpretationen des Marvel-Kosmos, mit riesigen Spezialeffekten, starken Farben und sehr dynamischen Kameras.
Das Design bleibt dabei nicht einfach bei den bekannten Filmversionen stehen. Spider-Man, Captain America, Iron Man, Storm, Doctor Doom, Ms. Marvel, Star-Lord und Ghost Rider bekommen eigene Arc-System-Works-Interpretationen. Marvel-Nerds dürften sich besonders über Ghost Rider Robbie Reyes freuen. Er ist nicht Johnny Blaze auf dem Motorrad, sondern der jüngere Ghost Rider, der im Comic einen Dodge Charger fährt.
Auch Spider-Man darf seine Spezialität ausspielen. Sein Spinnensinn hilft ihm im Spiel dabei, Angriffe rechtzeitig zu erspüren und auszuweichen. Hulk bleibt dagegen das genaue Gegenteil: weniger Feinarbeit, mehr rohe Gewalt. Genau solche klaren Rollen machen die Figuren leicht verständlich, obwohl sich die Teams später sehr komplex kombinieren lassen.
Leichter Einstieg, viel Luft nach oben
Das Spiel versucht euch nicht mit ellenlangen Tastenkombinationen zu erschlagen. Ein Auto-Combo-System hilft Einsteigern dabei, mit wiederholten Eingaben ansehnliche Kombos auszuführen. Wer einfach mit Freunden losprügeln möchte, kann also sehr schnell Spaß haben.
Das bedeutet aber nicht, dass Tōkon flach wäre. Hinter den einfachen Grundlagen stecken Timing, Assist-Management, Figurenwechsel und clevere Teamzusammenstellungen. Das Spiel hat damit eine niedrige Einstiegshürde, aber eine hohe Decke für Leute, die sich wirklich in die Mechaniken einarbeiten wollen.
Die Tutorials und Trainingsoptionen kann ich nur loben. Gerade Neulinge im Fighting-Game-Genre werden gut an die Hand genommen. Das ist wichtig, denn ein Spiel kann noch so toll aussehen: Wenn ihr nach zehn Minuten keine Ahnung habt, warum ihr schon wieder im Staub liegt, hilft euch auch Doctor Doom nicht weiter.
Story und Extras
Neben Einzelkämpfen und Online-Duellen gibt es einen Story-Modus mit fünf Episoden. Jede folgt einem vorgefertigten Vierer-Team und zeigt denselben größeren Konflikt aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Verantwortlich für die Geschichte ist der bekannte Marvel-Autor Kieron Gillen, der unter anderem längere, viel gelobte Comic-Runs zu X-Men und Star Wars geschrieben hat.
Die Handlung dreht sich um The Champion. Dieser kosmische Gegner sucht auf der Erde nach würdigen Herausforderern und zwingt die Helden zu seinem seltsamen Turnier. Das passt prima zu einem Prügelspiel. Marvel hat schließlich seit jeher eine Schwäche dafür, Figuren aus allen Ecken des Universums gegeneinander antreten zu lassen.
Eine kleine Kuriosität ist Arcadia Rumble. Hier werden die Helden in niedliche Chibi-Figuren verwandelt, sammeln auf 3D-Karten Boni ein und wechseln danach wieder zurück in die regulären Duelle. Das ist nicht unbedingt der Hauptgrund für den Kauf, sorgt aber für eine angenehme Abwechslung zwischen den ernsteren Kämpfen.
Fazit
MARVEL Tōkon: Fighting Souls ist ein erstaunlich frischer Marvel-Prügler. Das 4-gegen-4-System, die gemeinsame Lebensleiste und die Assist-Mechaniken geben dem Genre einen eigenen Twist. Gleichzeitig bleibt der Einstieg angenehm unkompliziert, sodass ihr auch ohne jahrelange Fighting-Game-Erfahrung direkt schöne Kombos und spektakuläre Momente erleben könnt.
Für Marvel-Fans gibt es außerdem viel zu entdecken. Die Charaktere sehen vertraut aus, wirken aber durch Arc System Works deutlich wilder, größer und animehafter als in den Filmen. Wer Lust auf einen schnellen, hübschen sowie überraschend tiefen Prügler hat, sollte hier unbedingt ein paar Runden einplanen.
Erhältlich für: PS, PC
Webseite: playstation.com/de-de/games/marvel-tokon-fighting-souls