„Morning! Nice day for fishing, ain’t it?“ – mit diesem Kultspruch begrüßt euch das erste Videospiel der neuseeländischen Sketch-Comedy-Truppe Viva La Dirt League im Städtchen Honeywood, mitten in der MMO-Welt von Azerim. Fans von „Epic NPC Man“ werden sich sofort wie zuhause fühlen: Wieder einmal ist irgendetwas gewaltig schiefgelaufen, alle menschlichen Abenteurer sind verschwunden – und ausgerechnet Baelin, der freundlich-naive Fischer-NPC, ist plötzlich die letzte Hoffnung der Stadt.
Die Rute im Gepäck
Statt Schwert und Schild gibt es Angelrute und Köder, und genau diese absurde Prämisse macht den Reiz des Spiels aus. Neu ist, dass das humorvolle Angel-RPG inzwischen auch auf Xbox Series X|S und Xbox auf PC spielbar ist, inklusive Erfolgen und Cloud-Saves – perfekt für alle, die lieber mit Controller als mit Maus durch Azerim stapfen.
Gespielt wird, wie es der Titel verspricht: Ihr angelt. Und zwar immer. Während Angel-Minispiele in anderen Rollenspielen oft nur nettes Beiwerk oder lästiger Pflichtteil sind, dreht sich hier das komplette Gameplay darum. Das hatte mich zu Beginn etwas abgeschreckt, weil ich die Hintergründe nicht kannte.
So schön verrückt
Ihr lauft, segelt und schippert mit Baelin durch eine liebevoll gestaltete Pixelwelt, werft eure Leine in Flüsse, Seen und Meeresbuchten und erledigt jede Quest ausschließlich über eure Angel. Dass das überhaupt funktioniert, liegt an der cleveren Mechanik: Sobald ein Fisch anbeißt, beginnt ein kleines Echtzeit-Kampfsystem.
Ihr greift an, blockt, setzt Zauber ein und müsst eure Ausdauer im Blick behalten, während sich die Flossengegner mit Kontern, Rückstößen und Spezialangriffen wehren. Was auf dem Papier nach Gag klingt, spielt sich überraschend taktisch und fordert in den späteren Gebieten deutlich mehr Timing, als der gemütliche Einstieg vermuten lässt.
Ein Gag-Feuerwerk
Unterwegs begegnet ihr einer ganzen Parade an bekannten Gesichtern aus Honeywood: Knoblauchfarmer Greg, Zauberer Baradun, Räuberduo Charles und Bernard, Schmied Bodger und viele weitere NPC-Größen bekommen ihre Auftritte.
Die Quests sind vollgestopft mit Anspielungen auf die Sketches, Dialogen, Meta-Humor über Videospiel-Logik und Rollenspiel-Klischees. Wenn Bodger zum zwanzigsten Mal seinen Hammer „verlegt“ oder Baraduns Magie eher Chaos als Hilfe ist, fühlt sich das fast wie eine spielbare Best-of-Compilation der Serie an.
Ganz viel Charme
Der Retro-Pixelstil mit kräftigen Farben, Parallax-Hintergründen und charmanten Animationen tut sein Übriges, um das Ganze wie ein verloren gegangenes SNES-RPG wirken zu lassen – nur eben mit deutlich modernerem Gag-Feuerwerk.
Rollenspiel-Fans bekommen zudem ein leichtgewichtiges, aber motivierendes Progressionssystem: Für jeden erfolgreichen Fang kassiert ihr Erfahrung, steigt Level, verbessert Lebenspunkte, Ausdauer oder kritischen Schaden und schaltet neue Zauber frei.
Ihr könnt Baelin in unterschiedliche Richtungen entwickeln – etwa defensiv mit Heilfokus, aggressiv mit hohem DPS-Ausstoß oder als kontrollorientierten Angler, der Fische mit Debuffs und Statuseffekten weichkocht, bevor er sie einzieht.
Stetiger Ausbau mit dicken Fischen
Parallel sammelt ihr Materialien, Schätze und natürlich Fisch ohne Ende, um das verwüstete Honeywood Stück für Stück wieder aufzubauen. Neue und ausgebaute Gebäude liefern bessere Köder, Ruten, Hüte, Ringe und andere Ausrüstung, die in den Kämpfen spürbare Vorteile bringen – besonders, wenn die Bossfische ins Spiel kommen.
Die Bossbegegnungen sind das spielerische Highlight: Mehrphasige Kämpfe, Schockwellen, Projektile, Tentakel-Attacken und Auren, die euer Timing und Ressourcenmanagement ordentlich fordern. Wer unvorbereitet anrückt, ohne Tränke, Buff-Hüte oder passende Verzauberungen, bekommt schnell eins aufs Maul – oder vielmehr auf die Rute. Gerade hier fühlt sich Nice Day for Fishing eher wie ein kompaktes Action-RPG an als wie „nur“ ein Angelspiel.
Zu viel Angler-Latein?
Allerdings nutzt sich die Grundformel mit der Zeit ein wenig ab: Viele Gefechte folgen ähnlichen Mustern, und wer das System einmal verinnerlicht hat, kommt recht zuverlässig durch die Standardkämpfe. Auch die Lauf- und Segelpassagen zwischen den Hotspots können auf Dauer etwas strecken, insbesondere wenn man gerade „nur mal eben“ eine Quest abgeben will.
Trotz dieser Abnutzungserscheinungen funktioniert Nice Day for Fishing hervorragend als kurzweiliger Happen für zwischendurch. Die Sessions müssen keine Stunden dauern, um sich lohnend anzufühlen: Ein paar Fische fangen, ein Gebäude ausbauen, einen neuen Zauber testen, einen Boss versuchen – schon hat man wieder ein kleines Erfolgserlebnis mehr auf der Uhr.
Der Humor, die vertrauten Figuren, die kompakten Quests und das befriedigende „Plopp“ beim Einziehen eines besonders zähen Fangs machen die Spielzeit leicht und angenehm. Auf Xbox kommt dazu der Reiz, Achievements einzusammeln und bequem vom Sofa aus in Azerim abzutauchen, ohne auf die Inhalte der anderen Plattformen verzichten zu müssen.
Fazit
Nice Day for Fishing bleibt eine charmante Indie-Perle, die Comedy, Retro-RPG und Geschicklichkeit auf ungewöhnliche, aber stimmige Weise kombiniert – und mit der Xbox-Version endlich auch die letzte große Konsolen-Lücke schließt. Wer Viva La Dirt League liebt, Spaß an selbstironischen Fantasy-Welten hat oder einfach ein kurzes, humorvolles RPG für zwischendurch sucht, sollte die Leine auswerfen. Es ist vielleicht kein endloser Content-Ozean, aber ein sehr lohnender Fang – besonders jetzt, wo die Gewässer von PC, PlayStation, Switch und Xbox gleichermaßen nach Baelin rufen.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch
Webseite: nicedayforfishing.com