Gefesselt: Es klingelt an der Haustür – keine Zeit! Vielleicht öffnet ja meine bessere Hälfte. Wenn nicht: auch egal… Ich kann einfach nicht aufhören: Wer steckt hinter den gottanbetenden Maschinen in der Fabrik? So in etwa verliefen meine Stunden mit dem Test von „NieR Automata“. Dieses Gefühl, nicht aufhören zu können habe ich schon lange vermisst – geschweige denn gewusst, dass es überhaupt noch existiert.
Und genau das hat den Titel für mich zu einer großen Überraschung gemacht, von dem ich eigentlich nicht so viel erwartet hatte. An dieser Stelle schon mal ein Dankeschön an Sqaure Enix für diese Perle. Das waren meine ersten Eindrücke damals vor über einem Jahr als „NieR Automata“ für die PS4 und den PC erschienen. Nun darf ich mich erneut in den Kampf auf der Xbox One stürzen – und zwar in der „Become-As-Gods“-Editon.
Raus aus der Wohlfühlzone
Doch beginnen wir mit den ersten Eindrücken. Die Story ist jedenfalls nicht unbedingt die innovativste: Aliens haben die Erde mittels Maschinen angegriffen und die Menschheit musste auf den Mond fliehen. Von dort aus versuchen sie ihre Heimat mittels einer Androiden-Armee zurückzuerobern. Wie gesagt: Nicht gerade innovativ, aber doch ganz cool.
Auch die Optik ist zunächst gewöhnungsbedürftig. Der Spieler übernimmt die Steuerung des Androiden 2B im Kampfanflug auf eine Roboterfabrik – in alter Atari 2D Shooter-Manier. Das ist übrigens eine der vielen Besonderheiten des Spiels: flüssige Perspektivenwechsel von der klassischen Third Person Ansicht zu Top-Down beziehungsweise Seitenansicht sorgen immer wieder für frischen Wind und machen Laune.
Doch dann der Schock: Nachdem ich sicher gelandet bin und mich in bekannter, actionlastiger Rollenspielmanier zum ersten gigantischen Bossgegner durchgekämpft habe, folgte auch gleich das erste Ableben der sexy Androiden-Dame. Der hausgroße Roboterarm war eigentlich kaum zu übersehen, aber er hat mich erwischt – Abspann – Neustart.
Keine „Vom letzten Speicherpunkt starten?“-Option? Fehlanzeige! Es gibt keine Autosavefunktion – hätte ich doch nur mal den Hinweis dazu gelesen anstatt einfach weiterzuklicken. Zur Beruhigung sei jedoch gesagt: Nachdem der erste Endgegner besiegt wurde, gibt es die obligatorischen manuellen Speicherpunkte. Schnell habe ich mich daran gewöhnt – also alles kein Problem.
Knackig bis heiter
Herausforderung angenommen – wenn es denn erwünscht ist: Der Schwierigkeitsgrad ist nämlich jederzeit im laufenden Spiel änderbar und variiert von „One-Hit-Dead“ bis zu voll automatisierten Kämpfen. Gerade letzteres ist für Neulinge äußerst interessant: Der Spieler wird quasi zum Zuschauer und steuert die Protagonistin nur bis zum Kampf – die eigentliche Arbeit übernehmen dann ausgerüstete Chips.
Eine gelungene Möglichkeit, den Gamer in der Story voranschreiten zu lassen, ohne zu viel Zeit an kritischen Stellen zu verlieren. Davon könnten sich andere Titel ein Scheibchen abschneiden. Ich musste die Funktion bei einem der dicken Bosse auch anwenden, da ich zum Verrecken nicht hinter seine Bewegungsmuster gestiegen bin – und diese mir immer noch ein Rätsel sind …
Anders denken
Brechen wir es auf das Wesentliche: „NieR Automata“ ist ein Action-Rollenspiel, das sowohl auf bekannte Elemente setzt, dabei aber immer wieder eine eigene Note einfließen lässt. So werden zum Beispiel die üblichen Waffen-/Schadensupgrades und was es sonst so gibt, nicht an die einzelnen Ausrüstungsgegenstände gebunden, sondern in Form eines Computerchips auf einen begrenzten Datenspeicher gespielt.
Dem Spieler steht somit frei, wie er sein Interface (Minimap an/aus, XP-Balken, Schadensanzeige etc.) gestaltet beziehungsweise welche Boosts (kritischer Schaden, Angriffskraft ...) er verwendet. Eine richtig interessante Idee, die prima umgesetzt wurde. Grafisch wirkt der Titel stellenweise etwas eintönig und düster, ist aber dennoch gelungen und passt zur vermittelten Stimmung im Spiel.
Einhergehend mit den bereits angesprochenen Perspektivwechseln sorgt ein klassischer Soundtrack, welcher während Bosskämpfen durch einen Chor ersetzt wird, für Gänsehautmomente. Gesamtnote: Eins. Setzen! Der genretypische Humor bleibt ebenfalls nicht auf der Strecke.
So kam ich das ein oder andere Mal ins Schmunzeln, als sich die beiden Androiden über Maschinen lustig machen, die eine Art Familienbande entwickelten, sich gleichzeitig aber eine Art Androiden-Romanze zwischen beiden Hauptakteuren entwickelt und über Sinn und Unsinn der Welt philosophiert wird. Sehr charmant.
Ende gut, alles gut?
Die Entwickler geben an, dass es in dem Spiel über 20 verschiedene Varianten für das Ende gibt. Persönlich habe ich für das erste Durchspielen gute zwölf Stunden gebraucht – ist also noch einiges zu tun. Aber keine Sorge, dass es langweilig werden könnte: Anstatt ein identisches „New Game Plus“ starten zu lassen, erlebt der Spieler im nächsten Durchlauf die gleiche Story aus der Sicht eines anderen Protagonisten.
Hier bekomme ich dann die Ereignisse präsentiert, die im Hintergrund stattgefunden haben, während ich B2 gesteuert habe. So führen alle Handlungsstränge letztlich zusammen und ergeben eine doch äußerst gelungene und tiefgründige Story. Hut ab!
Die „Become-As-Gods“-Edition hält noch mehr Spaß bereit und kommt mit der DLC-Erweiterung 3C3C1D119440927 an, sowie vier Pod-Designs (Grimoire Weiss-Pod, Retro-Grau-Pod-Skin, Retro-Rot-Pod-Skin und Pappkarton-Pod-Skin) und der Maschinen-Maske. Wer also noch nichts von „NieR Automata“ zu sehen bekommen hat, der sollte hier zugreifen – es lohnt sich jedenfalls sehr.
Fazit
Machen wir es kurz: „NieR Automata“ ist und bleibt für mich ein Geheimtipp des laufenden (und letzten) Spielejahres und ich habe zu keiner Zeit bereut, es gespielt zu haben – auch nicht zum zweiten Mal. Für Action-Rollenspielfreunde gibt es definitiv eine klare Empfehlung.
Erhältlich für: Xbox One, PS4, PC