Ja, wenn ich den Titel Ninja Gaiden höre, muss ich instinktiv an meine Kindheit denken: Mein Kumpel Marco hatte damals ein NES und das erste Ninja Gaiden. Tage und Nächte vergingen, bis wir halb mit dem Spiel durch waren. Es war knüppelhart, aber auch richtig toll inszeniert für damalige Verhältnisse. Und nun steht Jahre später also Teil 4 vor mir. Zeit für einen ausgiebigen Test.
Von der NES-Legende zur modernen Hack-and-Slash-Saga
Wie gesagt: Ninja Gaiden ist seit jeher Synonym für herausfordernde Action und präzises Combat-Design. Ursprünglich als „Ninja Ryūkenden“ auf dem NES gestartet, hat die Reihe nach ihrem Arcade-, 16-Bit- und frühen 3D-Debüt (ab 2004 auf Xbox) einen Kultstatus erreicht.
Mit über 7,7 Millionen verkauften Einheiten weltweit und zahllosen Ablegern – von Schattenkrieger-Abenteuern bis hin zu legendären Hack-and-Slash-Hochleistungen mit Hauptfigur Ryu Hayabusa – war Ninja Gaiden immer ein Tempel für Reflexe, Timing und den Umgang mit unmenschlicher Schwierigkeit.
Viel gelernt auf dem Pfad zum Ninja
In den letzten Jahren war die Reihe etwas ins Straucheln geraten: Nach Ninja Gaiden 3 trotz Razor’s Edge galt die Hoffnung auf ein Revival als vage – bis Koei Tecmo, Team Ninja und erstmals PlatinumGames ihre Kräfte für das große Comeback bündelten.
Mit der Entwicklung unter Xbox Game Studios entstand so nicht nur ein echter AAA-Titel, sondern ein Generationenwechsel, der Fans wie auch Neu-Einsteiger:innen hervorragend abholen sollte. Und ich kann jetzt schon leicht spoilern, dass dieses Team eine fantastische Arbeit geleistet hat.
Alte Legenden
Ninja Gaiden 4 ist die direkte Fortsetzung von Ninja Gaiden 3 und spielt in einem düsteren, regengepeitschten Neo-Tokio – angesiedelt nach einer katastrophalen Rückkehr des Dunklen Drachen, bekannt aus dem allerersten Gaiden und Dragon Sword.
Diese Unterwelt verschlingt die Stadt und sorgt für atmosphärisch dichte Cyberpunk-Szenarien, die den Spagat zwischen japanischer Mythologie und futuristischer Bedrohung schaffen. Aber keine Sorge: ihr müsst Teil 3 nicht zwingend kennen, um hier einzutauchen.
Neues Blut
Der Clou: Mit Yakumo tritt erstmals ein neuer Held ins Rampenlicht. Sein „Bloodraven“-Modus lässt ihn das eigene und feindliche Blut als Waffe manipulieren – für übermächtige Flächenangriffe, Finisher und Werkzeuge, die bisherige Gaiden-Games um eine frische Mechanik ergänzen. Ein Fest für die Augen - worauf ich später noch komme.
Ryu Hayabusa bleibt parallel in der Handlung und ist komplett spielbar, gilt aber als Prüfstein für Yakumo und die Gabelung zwischen Alt und Neu. Viele Signature-Moves wie Izuna Drop und Flying Swallow werden von beiden Kämpfern geteilt, was die Generationenbrücke eindrucksvoll schlägt. Eine tolle Idee, besonders für Neulinge.
Tradition trifft Innovation
Das Gameplay von Ninja Gaiden 4 ist die reinste Hommage – und Herausforderung für Fortgeschrittene wie Neulinge. Klassiker wie Wellen an Gegnern, Bosskämpfe und Action-Abschnitte, in denen man mit der „Raven Gear“ auf Rails grindet oder die Welt mit Grappling Hooks als Schauplatz nutzt, werden mit spektakulärer Vertikalität und Umgebungsinteraktion angereichert.
Das Movement ist viel dynamischer als früher und verleiht den Schlachten echte Bühne: Kämpfe erstrecken sich über Fassadensprünge, Bahnsteige und Dächer – der Spielstil ist frei und auf eine Art, wie man ihn von Platinum gewohnt ist. Einfach fantastisch! Solltet ihr selbst erlebt haben.
Kampfbereit?
Das Combat-Design ist anspruchsvoll, aber fair: Blocks, Parrieren und Ausweichen haben eigene verstärkte Zustände beim Einsatz des „Bloodraven“-Modifikators. Mit der „Berserk“-Leiste ladet ihr flächendeckende Attacken auf oder bereit Spezialmanöver vor, die Rüstungen zum Bersten bringen.
Veteranen merken schnell, dass klassische Ninja-Tricks nicht mehr die letzte Rettung sind. Gegner können nun mit Blocken in der Luft Konter aushebeln oder Ultimate Techniken countern. Zum ersten Mal agiert die KI eigenständig und schaltet mitten im Kampf auf Projektile oder Abwehr um, wenn ihr zu oft die gleiche Taktik fahrt. Echt beeindruckend.
Waffen für mehr Abwechslung
Am Waffenarsenal erkennt man deutlich den Einfluss von Platinum: Neben Klassikern gibt es Yakumos besondere mechanische Arme, die ferngesteuerte Bomben, Shurikens und riesige Klingen in mehreren Kombos aus dem Boden stampfen.
Das Arsenal ist so vielseitig, dass jeder Spielstil bedient wird: Von klassischen Ninja-Blades bis zu experimentellen Zerstörungswaffen ist alles dabei, was das Actionherz höherschlagen lässt. Hier hat sich das Team mal so richtig ausgetobt.
Schwierigkeitsgrad, Zugänglichkeit und Support
Ihr habt es sicher schon herausgehört: Ninja Gaiden 4 bleibt bockschwer, bietet aber erstmals ein ausgefeiltes Onboarding. Tutorials, Videos zu jedem Move und ein zugängliches Leveldesign sorgen für einen guten Überblick, insbesondere für Einsteiger:innen. Alles ist durchdacht für Controller-Präzision.
Die Eingaben reagieren exakt, das Spielgefühl ist brillant und das Tempo sowie Intensität perfektioniert. Die Accessibility-Features sind herausragend: von invertierten Kontrolle-Möglichkeiten bis hin zu Farben für Objekte/Feinde und High-Contrast-Modi – der Titel ist so freundlich wie nie zuvor für Anfänger und Feinschmecker gleichermaßen.
Technik, Präsentation und Sound
Optisch zeigt Ninja Gaiden 4 ein stylisches, fast monochromes Cyberpunk-Japan, bei dem rote Blutspritzer und Explosionen besonders hervorstechen. Die Musik bewegt sich zwischen Synthwave und epischer Orchestereinlage, das Sounddesign ist druckvoll und überträgt jeden Treffer fühlbar ins Pad. Die Umgebungen wirken organisch und sind voller Details, die den neuen wie alten Mythos der Serie transportieren.
Die größte Stärke – das neue Kampfsystem und die komplexen Waffenwechsel – ist auch gleichzeitig seine Schwäche: Einsteiger:innen fühlen sich im schnell überfordert; Pro-Gamer:innen feiern die zusätzliche Tiefe und Dynamik.
Einige Fans vermissen die bunte Klarheit der alten Spiele; die neue herausfordernde Arena-Struktur und die geschickte Verknüpfung von Bosskämpfen, Plattform-Elementen und Story sorgen aber für einen deutlichen Modernisierungsschub. Platinum Games drücken dem Spiel sichtbar den Stempel auf, was manch einen Puristen irritieren könnte, andere (wie ich) feiern genau das.
Fazit: Die Ninja-Saga ist zurück – komplex, fordernd, wunderschön
Ninja Gaiden 4 gelingt die perfekte Mischung aus Hardcore-Action, Innovationsdrang und Franchise-Treue. Die Story bringt ordentlich Tiefgang, die Technik überzeugt durch Detail und Dynamik, das Gameplay ist bockschwer, aber nie unfair, und die Zugänglichkeit wird erstmals im Genre kompromisslos großgeschrieben. Wer Ninja Gaiden und Platinum Games liebt, bekommt hier das forderndste, vielseitigste und modernste Abenteuer, das die Reihe je gesehen hat. Anfänger werden gefordert, Profis gefördert, und das Ninja-Mythos wird weitergeschrieben – als Blutrausch mit Präzision, Seele und Stil. Kurz gesagt: Ein wahrer Segen fürs Action-Genre. Brutal gut!
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: https://teamninja-studio.com/ng/de/ng4