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Nioh 3

Brutale Evolution mit Ninja-Pflicht

Nioh 3 wirkt wie der Punkt, an dem Team Ninja alles, was sie seit Teil 1 gelernt haben, in einen Topf wirft: ultratiefer Kampf, neue Open-Field-Struktur, Dual-Style-System – und dazu noch mehr Loot und Systeme, als selbst gestandene Masocore-Veteranen beim ersten Blick verdauen können. Das Ergebnis ist ein enorm starker, aber bewusst fordernder Action-RPG-Brocken, der für mich klar Top-Qualitäten hat: mehr Evolution als Revolution, aber genau die Sorte „mehr Nioh“, die Fans wollten – vor allem im Koop. Lasst euch fesseln!

Meisterhaftes Kampfsystem, anstrengendes Drumherum

Die Combat-DNA ist weiterhin überragend. Das Kampfsystem ist wieder extrem tief, schnell und responsiv, mit präzisem Ki-Management, perfekten Blocks/Deflects und Stance-Wechseln, die euch eine unglaubliche Kontrolle über Tempo und Risiko geben, sobald der Knoten geplatzt ist. Die verschiedenen Waffen – Katana, Speere, Odachi, Tonfa, neue Ninja-Klingen usw. – fühlen sich klar unterschiedlich an und kommen mit eigenen Movesets, Skills und Timing-Fenstern, was das Ausprobieren neuer Builds enorm motiviert.

Gerade wenn man – wie ich – aus Khazan oder generell anderen Hardcore-Actionspielen kommt, klickt das System nach einer Weile so richtig: Ki-Timing sitzt, Yokai-Skills gehen ins Muskelgedächtnis über, und plötzlich fühlt sich jeder Kampf wie ein kleiner Tanz an, bei dem man genau weißt, wann man riskiert und wann man sich zurückzieht. Build-Basteln unterstützt das: Sets, Affixe, neue passive Effekte und die Option, Samurai- und Ninja-Fähigkeiten zu kombinieren, sorgen dafür, dass man stundenlang im Menü tüfteln könnte – und oft auch tut.

Zu viel des Guten?

Der große Wermutstropfen steckt aber in genau diesem „Drumherum“. Nioh 3 schüttet euch wieder gnadenlos mit Loot zu – jede Kleinigkeit hat eigene Perk-Kombinationen, Skalierungen und Synergien, was zwar Build-Tiefe bringt, aber im Alltag heißt: sehr viel Zeit im Inventar, sehr viel Statistik-Lesen. In Kombination mit dem neuen Ninja-Modus, der praktisch zum Pflichtfeature wird, kippt das ins Anstrengende: Ihr rüstet im Kern zwei Figuren parallel aus (Samurai und Ninja), müsst Items doppelt durchforsten und Ausrüstung doppelt pflegen – und das in einem Spiel, das euch ohnehin schon mit Kram zuspammt.

Hinzu kommt der gewohnte harte Einstieg. Der Prolog ist zwar etwas linearer und tutoriallastiger, aber spätestens nach den ersten offenen Feldern fliegen euch Systeme, Untermenüs, versteckte Optionen und Ressourcentypen um die Ohren. Das Spiel erklärt vieles nur rudimentär oder versteckt relevante Infos in Untermenüs, und manche Tode fühlen sich eher „okay, das konntest du nicht wissen“ als lehrreich an. Es ist dieses typische Nioh-Gefühl: Wenn du drin bist, ist es brillant – aber die Kurve dahin ist steil.

Gemeinsam stark

Der Koop ist dafür ein echtes Highlight. Bereits in der Release-Version funktioniert der gemeinsame Durchmarsch durch die Open-Field-Gebiete hervorragend: Von der ersten Region bis zum Endgame könnt ihr zu zweit alles erkunden, Nebenbereiche abklappern, Höllenzonen (Crucibles) räumen und Bosse legen, ohne auf umständliche Beschwörungslimits oder Missionstrennung achten zu müssen. Das hebt Nioh 3 für mich klar über viele Genre-Kollegen – als Koop-Erlebnis ist das Ding eine Wucht.

Gute Yokai-Fantasie, schwacher Fokus

Inhaltlich bleibt Nioh 3 sich treu: Japanisches Setting mit Yokai und historischen Figuren funktioniert immer noch, und die Zeitreise- und Epochen-Sprünge (verschiedene Perioden, verfluchte Felder, Spirit-Politik) liefern genug Hintergrund, damit man beim Nachlesen merkt: Da steckt deutlich mehr drin als „Dämonen verkloppen“. Wenn das Spiel wichtige Momente inszeniert – etwa große Bosskonfrontationen oder Wendepunkte zwischen euren Verbündeten – trägt die Stimmung sehr gut.

Aber: Die Story steht klar hinter dem Gameplay zurück. Der Plot funktioniert strukturell eher als Klammer für Gebiete, die Erzählweise ist unnötig verschachtelt und Charaktere bleiben emotional auf Distanz. Wenn man nicht sehr bewusst hinschaut, Dialoge liest und auch mal Codex/Notizen checkt, verliert man schnell den Überblick darüber, wer jetzt genau warum mit welchem Yokai im Clinch liegt – besonders, wenn man Sessions mit langen Koop-Grindphasen mischt. Das ist etwas schade.

Aber auch typisch Nioh: Lore und Hintergrundgeschichte sind interessant, wenn man sich aktiv damit beschäftigt, aber das Spiel drängt sie euch nicht wirklich auf und inszeniert selten so kraftvoll, dass man gebannt vor dem Bildschirm hängt. Für ein Action-RPG reicht das, für Story-Fans bleibt es eher „okay“.

Präzise Steuerung, funktionale Präsentation

Auf der technischen Seite liefert Nioh 3 das, was man von Team Ninja erwartet. Steuerung und Hit-Detection sind extrem präzise; gerade in 60fps-Modi fühlt sich jede Rolle, jeder Parry und jeder Ki-Pulse punktgenau an. Die Kämpfe laufen im Normalfall flüssig, die Animationen sind sauber und gut lesbar, und das Sounddesign – von Waffentreffern über Yokai-Schreie bis hin zu subtilen Audio-Hinweisen auf Angriffe – unterstützt das Kampfsystem vorbildlich.

Optisch ist es ein klarer Schritt nach vorne gegenüber Nioh 2, mit besseren Materialien, dichterem Effektgewitter und schickeren Yokai-Designs, aber kein gigantischer Sprung, der das Genre neu definiert. Die Menüs und Inventare sind nach wie vor unnötig verschachtelt. Wer schon in Nioh 2 regelmäßig im Ausrüstungswald verloren ging, wird sich hier direkt zuhause fühlen – im Guten wie im Schlechten. In einem Spiel, das so sehr vom Feintuning eurer Builds lebt und euch gleichzeitig mit Loot bombardiert, wäre ein stärker aufgeräumtes Interface Gold wert gewesen.

Open Field, dicht und clever

Der vielleicht größte strukturelle Schritt ist das neue *Open-Field-Design. Team Ninja spricht bewusst nicht von „Open World“, sondern von großen, nahtlos verbundenen Feldern, die ihr frei erkundet, in denen aber weiterhin dichte, handgebaute Level-Strukturen stecken – quasi eine Nioh-Version dessen, was Elden Ring mit seinen Zonen gemacht hat. Genau das scheint bei dir ja auch gezündet zu haben: Wie bei Elden Ring erst die Skepsis („Wie machen sie aus so was Linearem etwas Offenes?“), dann die Begeisterung, wenn man merkt, wie logisch alles ineinandergreift.

Das Leveldesign ist durchdacht: Abkürzungen, Schleifen, vertikale Ebenen und knappe Sichtlinien sorgen dafür, dass jeder Vorstoß in eine neue „Hölle“ (Corrupted Areas) sich spannend anfühlt. Erkundung lohnt sich: Ihr findet Kodamas* versteckte Yokai-Schreine, optionale Mini-Bosse und seltene Ausrüstung, mit der ihr euch spürbare Vorteile erspielen könnt. Das gibt der Open-Field-Struktur eine klare, kampffokussierte Struktur, statt sie in beliebigem Erkunden zu ertränken.

Auf der anderen Seite gibt es einige Kritikpunkte: Viele Umgebungen ähneln sich stilistisch – verfluchte Dörfer, Wälder, Festungen, Tempel – und die Welt wirkt oft mehr wie eine kunstvolle Kulisse für Kämpfe als wie ein lebendiges Ökosystem. Gerade in ruhigeren Phasen merkt man, dass NPC-Dichte, Alltagsszenen oder Ereignisse nicht im Fokus stehen: Die Atmosphäre schwankt je nach Gebiet zwischen stimmig dicht und funktional.

Fazit: Brachial gutes Nioh – mit bekannter Überforderung

Nioh 3 fühlt sich für mich wie eine konsequente Weiterentwicklung eines ohnehin meisterhaften Vorgängers an. Das Kampfsystem ist noch tiefer, Builds sind noch vielfältiger, das Open-Field-Design weckt den Entdeckertrieb, und im Koop ist das Ganze schlicht „richtig geil“ – eine der besten Möglichkeiten derzeit, sich zu zweit durch Dämonen-Japan zu prügeln.

Gleichzeitig bleiben typische Nioh-Probleme: der harte Einstieg, die schlechte Erklärkultur, das lootgetriebene Menü-Mikromanagement und jetzt zusätzlich ein neuer Ninja-Modus, der sich eher aufgedrängt als optional anfühlt und das ohnehin schon überladene Item-Management verdoppelt. Wer damit leben kann – oder diese Art Überforderung sogar liebt –, bekommt ein Action-RPG, das im Kern locker eine 8 bis 9 von 10 verdient und für Fans ein kleines Fest ist. Wer hingegen ein zugänglicheres, klarer strukturiertes Soulslike sucht, wird Nioh 3 respektieren, aber wahrscheinlich nicht lieben.

Erhältlich für: PS, PC

Webseite: https://teamninja-studio.com/nioh3/de/