Wenn ich an meine zwei, zweieinhalb Stunden mit No Longer Home zurückdenke, fällt mir eine Zu-sammenfassung oder ein Fazit gar nicht mal so leicht. Warum das Werk von Humble Grove und Publisher Fellow Traveller dennoch in meinem Gedächtnis blieb, erkläre ich euch in den folgenden Zeilen.
Einzigartige Erfahrung
No Longer Home lässt sich schwer in eine Schublade pressen, genau wie die beiden Hauptcharaktere: Ao und Bo sind zwei Menschen, die von inneren Zweifeln und Unsicherheiten zerfressen sind. Beide fürchten sich vor der Zukunft und wollen ihren Platz im Leben finden – was gar nicht so leicht ist. Jede:r junge Erwachsene kennt das sicherlich. Es gibt Lebensphasen, an denen sich einfach alles ändert. Und darum dreht sich auch No Longer Home zum größten Teil.
Bereits im Vorspiel, bei dem ihr lediglich einem Dialog lauscht, wird klar: Ao und Bo sind nicht wie andere Menschen. Sie sehen sich als nonbinäre Persönlichkeiten – also weder Mann noch Frau. Das macht es bereits schwer im Deutschen mit einer korrekten Ansprache. Die Gespräche zwischen Ao und Bo werden schnell recht tiefgründig – oder erscheinen zumindest so, wenn sie existenzielle Fragen ansprechen. Als Spieler:in müsst ihr nur hier und da ein paar passende Antworten auswählen. Wirklich viel ändern tut ihr damit allerdings nichts.
Probleme oder Herausforderungen?
Nach dem Vorspann beginnt die Story: Während Bo wieder zu ihren Eltern ziehen soll, geht es für Ao wieder nach Japan. Das Zerreißt leider ihre gemeinsame Phase auf der Uni. Es entstehen Zweifel und sogar Depressionen. No Longer Home bietet inhaltlich teils harte Kost und regt zum Nachdenken an. Teils handelt es sich hierbei um autobiografische Züge der Entwickler:innen. Eine interessante Entscheidung, dass sie ihre Erfahrungen in einem Spiel festhalten.
Wobei das Wort Spiel so eine Sache ist: No Longer Home ist mehr eine Art Point&Click-Adventure, ohne die großen Rätsel. Fast könnte man von einem aus der isometrischen Perspektive erfolgten Walking Simulator sprechen. Denn sobald die Geschichte startet, bewegt ihr eine der Figuren durch knappe Areale und interagiert dort mit unterschiedlichen Gegenständen. Dabei gibt es kein richtig oder falsch. Oftmals lösen Interaktionen Gedanken, Gespräche oder weitere Aktionen aus. So erfahrt ihr mehr über die Protagonist:innen des Spiels. Allerdings sind einige der entdeckten Dinge eher Nebensache und nicht sonderlich wichtig für den Verlauf.
Zweifel an jeder Ecke
Interessant fand ich persönlich das Aufeinandertreffen mit den inneren Dämonen. Diese lauern in einigen Ecken eures Lebensweges: In den Unterhaltungen mit ihnen könnt ihr entdecken, was euch quält. Dabei kann man einige Sorgen durchaus mit den Charakteren teilen.
Grafisch wandelt No Longer Home auf einem bunten, aber detailarmen Niveau. Die Areale werden vor dem Betreten immer aus verschiedenen Ebenen zusammengeschoben, was einen eigenen Charme ausmacht. Aber erwartet keine bombastische Grafik. Dafür reißt der Soundtrack das aber wieder raus. Dieser ist zwar oft melancholisch angehaucht, passt aber perfekt zur Aufbruchsstimmung unserer Charaktere. Spielerisch ist No Longer Home allerdings sehr mager: Denn im Grunde habt ihr nicht sonderlich viel zu tun. Für Einsteiger:innen oder Gelegenheitszocker:innen eignen sich No Longer Home aber ganz gut. Dafür dauert es aber knapp nur zwei Stunden, was das Ganze wieder ausgleicht.
Fazit
No Longer Home ist eine sehr spezielle Erfahrung, die bei mir im Kopf aber noch nachhallte. Spielerisch braucht ihr keine großen Erwartungen zu haben. Dafür geht es inhaltlich ziemlich zur Sache und harte Themen, wie die eigene Identitätsfindung oder Depressionen stehen hier im Mittelpunkt. Das lässt No Longer Home aus der Masse an Indie-Spielen herausstechen, ohne Frage. Nur hätte ich mir persönlich ein bisschen mehr Spiel zu der Geschichte gewünscht. Dennoch gibt es eine Empfehlung von mir.
Erhältlich für: PC, Xbox, Switch
Website: humblegrove.com