Dieser Blizzard traf mich völlig unvorbereitet: Der offizielle Start von Overwatch 2 kam für mich absolut unverhofft und ohne Vorwarnung – plötzlich war es da. Der Helden-Shooter von Blizzard Entertainment betrifft ohne großes Tamtam die digitale Bühne. Auf den ersten Blick hat sich jedoch wenig geändert. Ob das Konzept heute noch so gut funktioniert? Schauen wir mal genauer drauf.
Leichte Nostalgie
Es ist schon eine Weile her, dass ich Overwatch gespielt hatte: 2016 und ein wenig noch im Jahre 2017 habe ich einige Zeit in die heldenhafte Ballerorgie versenkt. In 6er-Teams ging es gegen andere Teams in verschiedenen Disziplinen. Die Heldenauswahl war fantastisch und jeder Heroe spielte sich individuell. Mit D.va und ihrem riesigen Roboter versetzte ich das Schlachtfeld in Chaos. Mit Genji schlich ich mich an Feinde heran. Mit Mei startete ich in der Arena eine Schneeballschlacht.
Nach einiger Zeit hatte ich sogar Tracers Rückspulfunktion halbwegs im Griff und konnte mit Widowmaker Gegner aus weiter Entfernung ausschalten. Aber das ist schon lange her. Inzwischen sind meine Reaktionen nicht mehr so gut und ich verbringe viel Zeit mit ruhigeren Spielchen. Dennoch ließ der Start von Overwatch 2 mein Herz höherschlagen. Ich war neugierig, was mich erwartete.
Die erste dicke Überraschung: Overwatch 2 ist kein Vollpreis-Produkt. Overwatch 2 ist free-to-play, also völlig kostenlos. Ganz ehrlich: Inzwischen bin ich bei kostenlosen Spielen etwas skeptisch. Besonders nach Blizzards letztem free-to-play-Ausflug ins Reich von Diablo Immortal. Ob sich Overwatch 2 auch eine heimliche Pay-Wall aufbauen wird? Das klären wir später. Zunächst will ich mal erleben, wie sich Overwatch über die Zeit verändert hat. Also laden wir die knapp 30 Gigabyte auf die Xbox herunter und schauen uns das mal an.
Bindungsängste
Die zweite Überraschung folgt auf dem Fuße: Kaum ist das Spiel heruntergeladen, kann es losgehen - dachte ich zumindest. Doch bevor ich auf die Server kann, warten noch „300 Leute“ vor mir in der Schlange. Auch nach 30 Minuten Wartezeit ändert sich die Zahl nicht. Nach einer Stunde kommt es zum Verbindungsfehler und plötzlich sind 900 Leute vor mir. Na toll.
Am ersten Tag schaffe ich es also nicht, mich mit den Servern zu verbinden. Blizzard hat auch Jahre nach Diablo 3 immer noch nicht seine Server im Griff oder genügend Ressourcen, um dem Ansturm gerecht zu werden. Das ist sonderbar, wenn man auf die Erfahrung des Teams schaut. Die Tage danach werden nicht besser. Aber zumindest schaffe ich es nun mich zu verbinden und kann loslegen.
Als ich dann im Hauptmenü von Overwatch 2 bin, kommt mir alles irgendwie vertraut vor. Auch im Tutorial merke ich wenige Veränderungen. Grafisch sieht das hier immer noch super schick aus. Aber hat sich der Comic-Look wirklich geändert? Ein Blick auf alte Screenshots zeigt, dass es lediglich ein Feintuning ist, was Blizzard hier vorgenommen hat. Das passt für mich absolut. Ich war nur verwundert, wie gut sich diese Grafik über die Zeit gehalten hat.
Und was erwartet mich inhaltlich? Persönlich freue ich mich ja auf die Solo-Kampagne oder zumindest den PvE-Modus, von dem ich schon mal im Vorfeld gehört habe. Und siehe da: Fehlanzeige! Den reicht Blizzard demnächst irgendwann nach. Macht nichts. Dann schauen wir doch einfach, wie es sich spielerisch gewandelt hat.
Die wilde Fahrt beginnt
Nach den ersten Dämpfern, die mir leicht die Vorfreude genommen hatten, ging es in mein erstes Unranked-Match. Die Ranked-Variante hatte ich zum einen noch nicht freigespielt (das geht erst nach 50 gewonnenen Partien), zum anderen wäre ich auch hoffnungslos unterlegen. Schauen wir mal, wie sehr meine Reaktionen in den letzten Jahren abgebaut haben. Ich entschließe mich für Widowmaker – keine Ahnung, was mich da geritten hat. In meinen ersten Runden wurden weniger die Feinde als vielmehr meine Ehre zerstört. Man, war ich schlecht. Aber Spaß hatte ich dennoch. Das lag an unterschiedlichen Faktoren.
Zunächst habe ich mich über das Wiedersehen mit alten Bekannten gefreut: Alle Charaktere aus Teil 1 waren wieder da und haben vier schlagkräftige Figuren ins Rooster hinzubekommen. Anfänger könnten damit allerdings ziemlich überfordert sein. Blizzard hat das auch erkannt und lässt euch die Charaktere anfangs nicht frei wählen.
Ihr müsst sie erst nach und nach freispielen, was absolut Sinn macht. So könnt ihr jeden Charakter langsam kennenlernen. Wenn ihr euch allerdings das Deluxe-Paket gekauft habt, bekommt ihr freien Zugang zu allen Charakteren. Aber wirklich nötig ist das nicht. Anfängern und Neulingen in Overwatch kann ich den langsamen Weg wärmstens empfehlen.
Darum hat Overwatch sich die 2 verdient
Bislang kann man vielleicht noch nicht verstehen, warum hier Overwatch 2 steht und nicht Overwatch 1.5. Denn auf den ersten Blick scheint es sich doch „nur“ um ein nettes Update zu handeln. Aber es gibt einige Änderungen, die wirklich alles durcheinanderwirbeln. Bringen wir mal einige Fakten auf den Tisch: Overwatch 2 hält 35 Charaktere bereit.
Jeder Charakter spielt sich individuell: Neben den Standard-Attacken kommen zwei spezielle und eine ultimative Fähigkeit hinzu. Hinzu kommen sechs neue Karten, auf denen ihr agiert. Alles gemischt mit etlichen Spiel-Modi, die keine Langeweile aufkommen lassen. Und jetzt kommt’s: Anstatt 6-gegen-6 geht ihr hier mit 5-gegen-5 auf die Pirsch. Ob das einen Unterschied macht? Und was für einen.
Das Spiel lässt sich nicht mehr mit einer ausgeglichenen Anzahl an Rollen spielen. Ihr dürft auf die Karten nur noch zwei Schadensausteiler, zwei Unterstützer und einen Tank mitnehmen. Diese Mischung macht die Gefechte wesentlich dynamischer und schneller. Das merke ich sogar als Wiedereinsteiger. Auch die Spielmodi, in denen ihr einen Roboter in die gegnerische Basis begleiteten müsst, unterstreichen das neue Spielgefühl.
Natürlich habt ihr auch die klassischen Varianten noch wie Deathmatch, Capture the Flag oder einen bestimmten Punkt eine Zeit lang halten. All das macht sehr viel Laune, auch wenn es eine Weile dauern wird, bis ihr euch an alles gewöhnt habt. All diese Charaktere, all diese Möglichkeiten, all diese Spielmodi - das ist ganz schön viel Holz für so ein Spielchen.
Gesuchted
Wenn ihr dann mal im Flow seid - was bei mir immer noch nicht wirklich klappt - dann ist es schwer den Controller aus der Hand zu legen. Denn spielerisch ist Overwatch 2 eine Wucht. Das Waffengefühl bzw. die Fähigkeiten fühlen sich einzigartig an, und jeder Charakter bringt seine eigenen Vibes mit. Das Ausprobieren macht Laune. Sogar während eines Matches könnt ihr nach einem Ableben den Charakter wechseln. Hier kommen sehr viele gute Ideen aufeinander. Damit sticht Overwatch 2 aus der Masse hervor.
Kommen wir zum free-to-play-Modell zurück: Was verbirgt sich dahinter? Haben wir eine Pay-Wall in Overwatch 2? Ich muss nach ein paar Tagen im Spiel zugeben, dass Blizzard sich wirklich Mühe gibt, nicht unangenehm aufzufallen. Denn pay-to-win ist hier nichts. Für Eilige gibt es die Möglichkeit sich gleich zu Beginn alle Charaktere freizukaufen – aber wirklich nötig ist das nicht.
Zudem lockt der Battlepass mit netten optischen Spielereien. Aber auch das ist nicht spielentscheidend. Auch die neuen Skins, die ihr euch kaufen könnt, machen nicht den Unterschied über Sieg oder Niederlage - zudem sind sie mit rund 20 Euro echt teuer. Also zusammengefasst: Ihr bekommt hier wirklich viel Spaß für kleines oder gar kein Geld. Das sieht man nicht so häufig. Daumen hoch für Blizzard an dieser Stelle.
Fazit
Mein Fazit nach knapp einer Woche in Overwatch 2: Das Spiel hat mich in vielerlei Hinsicht überrascht. Der plötzliche, lautlose Release überrumpelte mich quasi. Und dann dieses altbekannte Spielgefühl, das durch den Sprung auf 5er-Teams sich doch wieder völlig neu anfühlt. Drei frische Helden, sechs neue Karten und die spannenden Spielmodi werden mich sicher den Winter auf Trab halten.
Auch wenn meine Reaktionen längst nicht mehr die schnellsten sind, tauche ich hier gerne ab. Persönlich freue ich mich aber dennoch auf den kommenden PvE-Modus und vielleicht die ein oder andere Hintergrundgeschichte, die noch erzählt werden könnte. Overwatch 2 hat so viel Potenzial, von dem es erst einen Bruchteil nutzt. Diese Shooter-Perle halte ich ab sofort fest im Blick.
Erhältlich für: Switch, Xbox, PS, PC
Website: overwatch.blizzard.com/en-us