Als ich zum ersten Mal in Paradise Lost eingestiegen bin, wusste ich nicht so recht, was mich erwartet: Was haben Entwickler PolyAmorous und Publisher All in! Games hier gewerkelt? Ein Adventure? Ein Horror-Spiel? Survival? Wie gesagt: Ich wusste es nicht genau. Nachdem ich Paradise Lost dann beendet hatte, war mir klar: Hier wartet ein Walking Simulator auf euch – mit spannenden Ansätzen und vielen verpassten Chancen. Warum? Dann lest weiter.
Schleich dich!
Der Begriff des Walking Simulators ist vielleicht ein bisschen hart: Damit sind meist Spiele gemeint, bei denen ihr einfach durch die Gegend spaziert und die Story auf euch einprasselt – oftmals ohne großartigen Spielmechaniken. Dass so etwas nicht per se schlecht sein muss, zeigte bereit What remains of Edith Finch oder Gone Home. Das Format versteht es durchaus emotionale Storys zu übermitteln. Bei Paradise Lost bin ich da etwas zwiegespalten. Ihr übernehmt hier die Rolle des zwölfjährigen Szymon. Anfangs habt ihr noch nicht die Ahnung, in welcher Umgebung Szymon lebt oder was passiert ist.
Ohne zu viel zu spoilern: Szymon befindet sich in einer fiktiven Zeitschiene, in der die Nazis die Welt in Atomschutt und -asche gelegt haben. Auf der Oberfläche ist ein normales Leben nicht mehr möglich. Daher leben die wenigen Verbliebenen in Bunkern unter der Erde – so auch Szymon. Eine spannende Ausgangslage.
Erwartet nun aber kein Metro oder andere apokalyptische Shooter. Ihr werdet nie zur Waffe greifen müssen oder knifflige Hüpfpassagen meistern müssen. Vielmehr seid ihr damit beschäftigt euch durch die schlauchartigen Level – wir sind ja immerhin in Bunkern unterwegs – zu navigieren. Dabei lest ihr immer wieder Zeitungsartikel, Briefe, Tagebücher oder sonstige Notizen, die euch die Geschichte drumherum vermitteln.
Wer einfach stupide vorbeiläuft, verpasst einen Großteil der Story. Außerdem erzählen Rückblenden in Szymons Vergangenheit die Geschichte über die Nazis noch weiter. Es geht um eine grausame Erfindung, die furchtbar, aber faszinierend zugleich ist. Mehr will ich nicht verraten, weil es ein Hauptbestandteil des Spielspaßes ist. Daher habe ich auch immer wieder gerne ein paar Schriftstücke gelesen, um mehr zu erfahren.
Nur empfand ich diese Spielmechanik anfangs noch aufregend, weil ich nicht wusste, was als nächstes kommt – dieses Gefühl, dass doch jetzt gleich jemand um die Ecke hüpft und mir das Licht auspusten will, war allgegenwärtig. Doch passiert ist fast nie etwas. Nach einer Weile verging mir die Lust aufs Lesen. Dafür schlich sich aber bald ein Hauch Firewatch ein, das ich geliebt hatte.
Denn n einem Funk-Terminal macht Szymon Bekanntschaft mit Ewa, mit der er sich über Funk unterhält. Kann er ihr vertrauen oder steckt sie mit der Gegenseite unter einer Decke? Spannende Ansätze lodern auch hier auf. Nur leider schafft es PolyAmorous nie so recht, dass ich mich mehr für die beiden Hauptakteure interessiere. Sie bleiben das gesamte Spiel über blasse Charaktere – was einer meiner größten Kritikpunkte ist.
Blasser Abgang
Nach rund fünf bis sechs Stunden – je nach Lese- und Lauftempo – flackern die Credits über den Bildschirm. Auf der einen Seite werkeln die interessanten Erzählansätze immer noch weiter in meinem Hirn, auf der anderen Seite war ich etwas enttäuscht. Denn trotz des düsteren und atmosphärischen Settings, fehlt mir die Abwechslung und spielerische Umsetzung.
Hier und da betätige ich ein paar Schalter oder entscheide mich für die ein oder andere Richtung. Aber wirklichen Einfluss hat das meines Erachtens nicht auf die Story. Jedenfalls werde ich keinen zweiten Anlauf wagen. Dafür ist mir Paradise Lost dann doch zu lahm. Dabei wird selbst grafisch hier und da was geboten: Die unterirdischen Höhlensysteme der Nazis wirken verstörend und atemberaubend zugleich.
Die Details und die Momentaufnahmen des Nachkriegsgeschehens zaubern immer wieder packende Bilder auf den Monitor. Nur wirklich greifen kann mich das Ganze nie. Dafür fehlt die Tiefe oder fordernde Spielmechanik.
Fazit
Paradise Lost hat mich ein wenig enttäuscht. Ich wäre zu gerne tiefer in diese Welt eingetaucht. Doch Szymon und Ewa lassen mich ehrlich gesagt kalt. Viel zu oberflächlich und nebenläufig laufen ihre Dialoge ab, als dass sie mich packen könnten. Das Spieltempo ist deutlich zu langsam – auch wenn ich die Laufentaste durchgedrückt halte, komme ich zu schleppend voran.
Vom Lesen und den monotonen Aufgaben habe ich schnell genug. Die Ideen sind dabei durchaus da, nur an der Umsetzung muss sich PolyAmorous noch etwas üben. Dann klappt es auch mit dem nächsten Werk. Paradise Lost ist wirklich nur was für Hartgesottene, die das Genre des Walking Simulators lieben.
Erhältlich für: Xbox, Playstation, PC
Website: polyamorousgames.com