Routine ist eines dieser Spiele, bei denen schon das Hauptmenü klar macht, worauf man sich einlässt: Es ist dunkel, es brummt, irgendwo klackert altmodische Hardware – und alles schreit „80er-Sci-Fi-Horror“, nur eben auf einer verlassenen Mondbasis statt in einem Nostromo-Korridor. Eine interessante Ausgangslage, um meine Gänsehaut zu testen.
Nach über einem Jahrzehnt Entwicklungsodyssee wirkt das fertige Spiel fast wie ein Paradoxon: erstaunlich fokussiert, erstaunlich stilvoll – und gleichzeitig kompromisslos in dem, was es tun will und was nicht. Ab geht es zum Mond!
80er-Zukunft auf dem Mond
Routine schickt einen auf eine verlassene Mondstation, die aussieht, als hätte jemand 1982 sehr detailliert aufgemalt, wie das Jahr 2080 sein könnte. Statt Touchscreens gibt es wuchtige Terminals mit krummen CRT-Monitoren, klackernder Tastatur und blinkenden LED-Reihen, die teils wichtiger wirken als sie sind. Die Station ist in Sektoren aufgeteilt – Einkaufsbereiche, Wohnquartiere, Wartungstunnels – und fühlt sich dabei so glaubwürdig „bewohnt“ an, dass man fast enttäuscht ist, niemanden mehr lebend anzutreffen.
Dieser Retro-Zukunft-Look ist kein bloßer Stilfilter, sondern Kern der Atmosphäre. Jede Tür, jede Konsole, jede Maschine will „richtig“ bedient werden: Knöpfe drücken, Karten einstecken, Schalter umlegen – es gibt kaum klassische Spiel-HUDs, fast alles passiert „im Raum“. Das verstärkt die Immersion massiv, macht aber auch klar: Routine setzt darauf, dass man Lust hat, in dieser Umgebung zu verweilen und nach Details zu suchen, statt durch Markerpunkte zu sprinten.
Schleichen, schnaufen, nachladen
Spielerisch ist Routine ein First-Person-Survival-Horror mit Stealth-Fokus. Die Station wird von Sicherheitsrobotern patrouilliert, die einen standhaft für die eigentliche Bedrohung halten – und die sind praktisch unzerstörbar. Das bedeutet: Kein „Power-Fantasy“-Shooter, sondern „Wenn es schiefgeht, renne oder versteck dich“.
Die Steuerung geht dabei bewusst einen Schritt weiter als viele Genre-Kollegen: Volle Körperwahrnehmung, träge Beschleunigung, deutlich spürbares Gewicht beim Sprinten und Hocken. Das wirkt anfangs leicht merkwürdig an, trägt aber stark zum Gefühl bei, tatsächlich in einem Raumanzug über engen Metallboden zu stapfen – inklusive des leichten Widerwillens, eine dunkle Ecke zu durchqueren, von der man weiß, dass dort eben noch ein Roboter stand.
Schweizer Mond-Messer
Kernstück des Gameplays ist das C.A.T.-Gerät, eine Art multifunktionales Sci-Fi-Werkzeug, mit dem man Terminals hackt, Systeme neustartet, Türen öffnet und gelegentlich Hindernisse „wegschießt“.
Das Ding ersetzt gewissermaßen Waffe, Taschenlampe und Universal-Fernbedienung gleichzeitig und ist permanent im Einsatz – inklusive begrenzter Batterie, die man nur an bestimmten Stationen wieder auffüllen kann. Viele Rätsel und Progressionsschritte laufen über das C.A.T.: Module installieren, Codes aus Mails lesen, Systeme rebooten, Zugänge freischalten.
Angst vor Blech
Routine setzt nicht auf Jumpscare-Dauerfeuer, sondern auf eine konstante, unangenehme Grundspannung. Die Roboter sind nicht schnell wie Zombies, nicht übernatürlich wie Geister, sondern kalt, mechanisch und unerbittlich – und genau das macht sie so unangenehm. Ihr metallisches Knarzen, Servo-Gesurr und das Klicken ihrer Schritte gehören zu den Dingen, die einem noch nach dem Ausschalten in den Ohren liegen.
Die Soundkulisse ist überhaupt eines der größten Pluspunkte: minimalistische Musik, aber erstklassiges Sounddesign – Summen von Transformatoren, entfernte Klopfgeräusche in Lüftungsschächten, das tiefe Brummen der Basis selbst.
Gleichzeitig ist das Spiel gnadenlos, was Orientierung angeht: Es gibt keine bequeme Map, wenige klare Wegweiser, und wer nicht aufmerksam Mails liest, Karten studiert und Umwelt-Hinweise interpretiert, verläuft sich schnell. Für manche ist das Teil des Reizes – „Ich bin wirklich allein hier“ –, für andere sorgt es für Frust, wenn nicht klar wird, welcher Terminal jetzt mission-relevant ist.
Wenig gesagt, viel zu lesen
Narrativ bleibt Routine bewusst zurückhaltend. Man steuert einen namenlosen Techniker, der aus einer Isolationseinheit geweckt wird, weil auf der Basis irgendetwas schiefgelaufen ist. Was das genau ist, wie es so weit kommen konnte und was die Roboter wirklich antreibt, klärt sich vor allem über Mails, Log-Einträge und Umgebungsdetails.
Wer nur dem kritischen Pfad folgt, erlebt eine relativ geradlinige, atmosphärisch starke, aber erzählerisch eher schlichte Geschichte. Die interessantesten Fetzen – persönliche Dramen der Crew, ethische Dilemmata, Hinweise auf frühere Vorfälle – liegen in optionalen Logs, die man leicht verpassen kann. Das macht Routine zu einem Spiel, das man sich aktiv erarbeiten muss.
Fazit: Ausnahme-Horror für geduldige Nerven
Routine ist kein Horror, den man „nebenbei“ wegspielt. Es ist ein langsamer, konzentrierter Abstieg in eine sehr konkrete Vision von Sci-Fi-Angst: 80er-Retrofuturismus, verlassene Mondbasis, tödliche Roboter und ein Körper, den man bei jedem Schritt spürt.
Seine größten Stärken liegen in Atmosphäre, Sounddesign, Umwelt-Erzählung und Immersion; seine Schwächen in wenig komfortablem Pacing, Backtracking und der radikalen Abwesenheit von Komfortkrücken. Wer dafür bereit ist, bekommt eine der eindrücklichsten Horror-Erfahrungen der letzten Jahre – ein Spiel, das weniger durch Schockeffekte als durch konstantes Unbehagen im Kopf bleibt und die Vorstellung „Die Mondstation ist leer“ endgültig durch „Die Mondstation ist leer – und doch nicht“ ersetzt. Ein echter Geheimtipp!
Erhältlich für: Xbox, PS, PC, Switch
Webseite: routinegame.com