EA hat schon ein Händchen für ausgefallene Indie-Titel. Ich erinnere nur an „Fe“. Nun also darf Entwickler Jo-Mei Games unter den schützenden Publisher-Schirm von EA schlüpfen und sein Werk präsentieren – und das ist ganz schön harte Kost. „Sea of Solitude“ befasst sich nämlich mit ziemlich unangenehmen Themen wie Depressionen, Alkoholismus, Mobbing und Gleichgültigkeit. Dennoch fesselt das Spiel von Anfang an.
Meine inneren Dämonen
Kay ist mit den Nerven am Ende – so scheint es zumindest. Die Hauptfigur von „Sea of Solitude“ wacht inmitten eines tosenden Meeres auf, eingepfercht auf ihrem Boot. Doch es ist nicht irgendein Meer, nein. Darin schwimmen riesige Monster, die Kay bei jeder Gelegenheit nach dem Leben trachten – so die Ausgangslage.
Jo-Mei Games geht schon in den ersten Minuten ihres Werks mit dem Spieler auf Konfrontationskurs. Die Welt, in der sich Kay bewegt, ist auf der einen Seite bedrohlich, unangenehm und düster, auf der anderen Seite gibt es aber auch wundervolle, bunte, bewegende Momente. So viel zur Atmosphäre von „Sea of Solitude“.
Kommen wir aber zur Spielmechanik. „Sea of Solitude“ ist ein fast klassisches Action-Adventure. Kay kann jedoch weder kämpfen sich noch in irgendeiner Weise wehren. Sie hüpft, klettert und schippert durch die Fantasy-Welt – alles aus der Third-Person-Perspektive eingefangen.
Während ihrer Reise in ihr tiefstes Innere, wie sich schnell herausstellt, muss sie auch das ein oder andere Rätsel lösen. Aber keine Sorge: Wirklich schwierig wird es fast nie – jedenfalls was die Rätsel angeht. Bei den Hüpfpassagen sieht die Sache etwas anders aus.
Verzögerung bedeutet den Tod
Wenn Kay Anlauf nimmt, hat sie dieses merkwürdige Momentum, mit dem ich anfangs erst zurechtkommen musste. Ein zu kurzer Anlauf endet meist in einem zu kurzen Sprung – was wiederrum oftmals mein virtuelles Ableben bedeutet hat.
Daran musste ich mich wirklich gewöhnen. Auch dass Kay hin und wieder an Kanten hängenbleibt, zeigte mir, dass das Studio eher klein ist. Aber wirklich gestört hat es mich nicht – bis auf die zwei, drei Frustmomente beim Erklimmen des Hochhauses.
Von der Story her rechne ich es „Sea of Solitude“ und natürlich Schöpfer Jo-Mei Games hoch an, dass sie sich dieser Thematik widmen. Nur hätte ich mir an manchen Stellen gewünscht: „Weniger ist mehr!“. Ich hatte hin und wieder das Gefühl, dass mich das Spiel zu sehr an der Hand nimmt, was die Interpretation der Monster angeht.
Wenn ich noch nicht erahnt hätte, dass es sich bei dem Kraken um die Kays Mutter handelt, hätte ich es spätestens nach den gefühlt fünfzig Erwähnungen in den inneren Monologen gemerkt. Ihr könnt mir ruhig etwas mehr zutrauen! Versucht es mal.
Davon abgesehen hatte ich jedoch meinen Spaß mit „Sea of Solitude“, wenn man das so sagen kann. Es gab da immer wieder kurze Momente, die mich überrascht berührten – was mich zum Nachdenken anregte. Und wenn ein Spiel das schafft, hat es bei mir etwas richtig gemacht.
Flickenteppich mit Flair
Das Gameplay spielt immer wieder mit frischen Einfällen, von denen ich zwar nicht alle begrüße, aber die Abwechslung sehr zu schätzen weiß. An einer Stelle dauerte es sogar fast fünf Minuten bis ich begriff, was das Spiel jetzt von mir will.
An anderen Stellen geht es von der gemütlichen Erkundungsmechanik urplötzlich zu einer adrenalingeladenen Hetzjagd, um dann in einer Kletterpartie zu enden. Über Langeweile kann ich mich also in den rund acht Stunden nicht beschweren.
Wahrscheinlich sind andere schneller durch. Ich wollte jedoch jede Möwe aufschrecken – ja, das geht! – und alle geheimen Flaschen einsammeln, in denen kurze Briefe stecken. Mein Sammeltrieb wurde jedenfalls geweckt. Die eigentliche Stärke von „Sea of Solitude“ liegt wohl in der Optik.
Es ist schon bedrückend, beeindruckend und überwältigend, wenn diese schwarzen, gigantischen Monster durch den Bildschirm fliegen, schwimmen oder stampfen. Und wenn sich diese düsteren Momente plötzlich mit bunten, heiteren und bezaubernden Eindrücken der Welt mischen, hat „Sea of Solitude“ meine volle Aufmerksamkeit.
Fazit
„Sea of Solitude“ ist vielleicht nicht für jedermann aufgrund der harten Thematik. Doch wer sich auf das Werk von Jo-Mei Games einlässt, der wird ein wunderbares, wenn auch nicht immer aalglattes, Action-Adventure erleben, das unter die Haut geht.
Optisch beeindruckend, versprüht „Sea of Solitude“ einen besonderen Charme. Nur hätte man die Geschichte weniger aufdringlich gestalten können. Aber ich denke, dass Jo-Mei Games auf einem guten Weg ist, sich in der Community einen Namen zu machen.
Erhältlich für: Xbox One, PS4, PC
Website: ea.com/de-de/games/sea-of-solitude