Es hatte sich bereits angekündigt: das neuste Werk von Ubisoft könnte ein paar Baustellen mit sich bringen. Skull and Bones befand sich zehn Jahre in der Entwicklungshölle – und das merkt man dem Spiel öfters mal an. Aber ihr solltet noch nicht direkt die Segel streichen. Hier steckt auch viel Spaß drin. Schauen wir mal rein.
Große Erwartungen
Über den Entwicklungszustand von Skull and Bones lässt sich streiten: Einige sagen, dass das hier nicht mehr als eine Beta sei, andere sehen es als fertiges Spiel. Und dann wäre da noch Ubisofts Oberhaupt Guimont XXX, der von einem AAAA-Spiel spricht. Richtig gelesen, vier mal A. Fakt ist: Man kann es spielen. Aber von einem AAAA-Spiel ist Skull and Bones meilenweit entfernt. Kommt mit an Deck.
Was will Skull and Bones eigentlich sein? Ganz einfach: Eine Piraten-Simulation. Ihr startet als No-Name und erobert dann Stück für Stück die sieben Weltmeere. Das klingt in der Theorie ganz interessant. Praktisch macht das auch Laune, aber fühlt sich anders an als es sollte. Das will ich euch anhand meiner Reise durch den Ozean etwas genauer erklären.
Unerwarteter Aufstieg
Nachdem das große Piratenschiff von den Engländern auf den Grund geschickt wurde, bleibt meine Hauptfigur auf einer im Wasser treibenden Planke zurück. Ein Glück, dass mich zwei andere Piraten mit ihrer Dau, ein Mini-Schiff, finden. Aus irgendwelchen Gründen ernennen sich mich direkt zum Kapitän des Kahns und sehen großes Potenzial in mir. Ab da konnte ich die Story schon nicht mehr ernst nehmen. Jedenfalls darf ich das Schiff steuern und erst einmal ein paar Aufgaben erledigen, bevor wir unseren mächtigen Piraten-Chef treffen.
Skull and Bones verfolgt eigentlich keine richtige Story. Die kleine Geschichte am Anfang soll euch nur in die Welt der Piraten einführen. Der Rest des Abenteuers ist euch überlassen. Seht es als riesiger Sandkasten voller Möglichkeiten an, wo ihr der Spaß-Kapitän seid. Auch wenn es eine kleine Geschichte gibt, ist die voller Logiklöcher, dass damit jeder Kahn sinken würde. Schade drum.
Rein in die tobende See
Ubisoft nimmt euch aber mit auf eine atmosphärische Reise und wunderschöne Küsten. Das Meer sieht gigantisch gut aus, was es auch sollte – immerhin ist es der heimliche Hauptdarsteller. Die meiste Zeit seid ihr eh an Deck bzw hinter dem Steuer und genießt den Wellengang. Anders als noch in Assassin's Creed Black Flag, seid ihr nur selten an Land unterwegs. Und falls doch, dann auf immer gleichen Inseln und ohne viel Interaktionsmöglichkeiten. Auch hier wieder eine vertane Chance.
Das Lenken des Schiffs jedenfalls fühlt sich gut an, wenn auch sehr Arcadelastig. Mir gefällt das aber. Sowieso sind die Schlachten auf dem Wasser ein Spaß-Garant. Bis ihr euer Schiff allerdings soweit habt, dass ihr von anderen gefürchtet werdet, vergeht einige Zeit. An dieser Stelle zeigt sich Skull and Bones sehr grindfreudig. Soll heißen: Ihr müsst viele Aufträge erledigen und andere kleine Schiffe kapern, bevor ihr reich werdet. Aber das passt noch zum Konzept des Spiels.
Verlockung ohne Substanz
Wenn ich über das Meer segle, dann locken mich die fremdartigen Inseln. An der Vegetation lässt sich dabei gut erkennen, ob ich nun am afrikanischen Festland, an Madagaskar oder Singapur vorbei schippere. Die Macher:innen haben hier ein schickes Ebenbild des indischen Ozeans auf den Bildschirm gezaubert. Hier und da lässt sich auch mal an Land gehen. Aber wie gesagt: Zu entdecken gibt es dort so gut wie nie etwas. Die meisten Inseln bestehen aus einer Kochstelle und einem oder mehreren NPCs, die einem mit etwas Glück einen Nebenauftrag geben.
Nur die großen Orte wie Adoré sind da mehr mit Leben gefüllt – wirken im Vergleich mit den anderen großen Orten auch wieder gleich und wenig inspiriert. Sobald ihr auf den Steg kommt, wartet eine Handvoll anderer Piraten auf euch, die ein paar Sprüche klopfen, sobald ihr nah genug an ihnen seid. Das passiert jedes Mal und in jedem großen Hafen. Ich fand's bereits nach dem zweiten Mal merkwürdig. Aber das ist nur ein Detail.
Mach ruhig, was du willst
Ein anderes Detail fiel mir bei der Belagerung von fremden Städten auf. Es gibt unterschiedliche Fraktionen, doch ich kann mich keiner davon verpflichten. Scheinbar haben auch die Aufgaben der Parteien nicht sonderlich viel Einfluss auf die anderen Fraktionen. Und die NPCs können mir auch nie lange böse sein. Das zeigt sich, wenn ich mal wieder eine Stadt vom Meer aus in Schutt und Asche gelegt habe. Ich bekomme dann zwar Besuch von ein paar feindlichen Schiffen. Doch sobald ich diese versenkt habe, ist alles wieder beim Alten und ich habe mehr Beute. Ob ich nun dort am Hafen anlegen darf oder nicht, spielt für den Angriff keine Rolle.
Das mögen alles kleine Dinge sein, die ich hier anmerke. Doch in der Summe trüben sie die Gewässer, in denen ich mit meinem Kahn schippere. So spaßig die Seeschlachten auch sind, so enttäuschend ist der Rest. Mir fehlt der Reiz des Entdeckens. Das hatte Black Flag weitaus besser im Griff. So wird Skull and Bones recht schnell monoton und langatmig. Dabei steckt hier eine Menge Potenzial.
Fazit
Skull and Bones ist bei Weitem kein AAAA-Titel. Es ist aber auch kein totaler Reinfall. Aus meiner Sicht ist es einfach noch nicht ganz fertig. Viele Mechaniken scheinen noch unausgereift oder erst gar nicht existent. Einzig die Seeschlachten mit individualisierbaren Schiffen lässt Freude aufkommen. Das Entdecken fehlt leider komplett. Auf die Story kann ich gut verzichten. Aber als Gesamtpaket hat der Titel wirklich zu wenig Fleisch an den Knochen und wirkt eher wie ein Flickenteppich an Ideen, die noch nicht so recht zusammenpassen. Über die kommenden Monate könnte sich darauf aber ein viel besseres Spiel entwickeln - es braucht eben Zeit. Bleibt nur die Frage, wie viel Geduld die Spieler:innen mit Ubisoft haben. Bisher verdient sich Skull and Bones das Prädikat nett für nebenher – nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Website: ubisoft.com/de-de/game/skull-and-bones