Wenn ich jemanden frage, ob er oder sie früher Street Fighter gespielt hat, ist fast immer klar, was ich meine: nämlich Street Fighter II für das Super Nintendo. Als dieses Spiel 1991 erschien, war es das Maß aller Dinge – und fraß etliche Stunden meiner Freizeit auf. Seither sind 32 Jahre vergangen und viele Prügelspiele überschwemmten den Markt – auch neue Street Fighter Spiele. Doch keines davon blieb mir sonderlich im Gedächtnis. Mit Teil 6 der Reihe will Capcom aber nun das Genre neu definieren.
Ein neuer Leuchtturm in Sicht?
Nicht falsch verstehen: die älteren Street Fighter Spiele waren allesamt unterhaltsam. Aber nicht eins davon konnte mich so sehr in den Bann ziehen, wie damals Teil 2. Das lag daran, dass man hier einfach immer wieder das gleiche serviert bekam – technisch eben etwas ausgefeilter. So ging und geht es mir auch mit anderen Prügelspielen. Irgendwann ist man einfach satt, denke ich. Das hat auch Capcom bemerkt. Street Fighter 6 beschreitet daher völlig neue Wege.
Der Einstieg in Street Fighter 6 ist etwas ungewohnt. Kaum bin ich im Hauptmenü gelandet, weiß ich gar nicht so recht, wo ich starten soll. Drei Optionen lachen mich an: World Tour, Fighting Ground und Battle Hub. Anfangs habe ich keine Ahnung, was das alles zu bedeuten hat. Also steige ich mit der ersten Option, der World Tour, ein. Genau das würde ich euch auch empfehlen.
So individuell wie nie zuvor
Nach einer schicken kurzen Intro-Sequenz lernen wir Luke kennen, ein Neuling in der Reihe. Damit ist der sympathische Muskelprotz einer von sieben gänzlich neuen Charakteren. Elf Figuren könntet ihr aus älteren Titeln bereits kennen - darunter auch ikonische Helden wie Ryu, Ken oder Guile. Jedenfalls begrüßt euch Luke zum Einstieg. Und plötzlich öffnet sich ein Charakter-Editor. Ja, zum allerersten Mal in einem Street Fighter Game darf ich mir einen eigenen Heroen basteln. Sehr interessant.
Nachdem ich das getan habe, kommt eine allgemeine Einführung in die Mechaniken. Auch hier beschreitet Capcom neue Wege. Zunächst einmal lerne ich mich im dreidimensionalen Raum zu bewegen, was für die Reihe neu ist, zum anderen könnt ihr aus verschiedenen Steuerungsarten wählen. Neben der klassischen Variante für Profis gibt es die moderne und dynamische Variante.
Diese beiden entschlacken die Tastenvielfalt und umarmen Neulinge im Genre. So werdet ihr bei beiden Varianten kräftig unterstützt in der Auswahl an Schlägen, Tritten und Würfen. Außerdem funktionieren Kombos oder Spezialattacken damit wesentlich leichter. Für mich als Gelegenheitsprügler ein sehr willkommener Einstieg.
Steht ihr auf Rollenspiele?
Allein daran merkt man, dass Capcom die Reihe bei Street Fighter 6 für alle öffnen möchte. Jeder kann hier locker einsteigen und Erfolge feiern. Stück für Stück entwickelt man sich weiter zum Profi, wenn man es möchte. Aber wieder zurück zur World Tour. Dahinter versteckt sich tatsächlich eine Art Rollenspiel im Street Fighter Universum.
Daher auch die Bewegungen im dreidimensionalen Raum. Ihr lauft anfangs durch Metro City, die einigen Capcom-Veteranen aus älteren Spielen bekannt vorkommen könnte. Dabei redet ihr mit den Leuten dort, erledigt kleine Aufgaben (meist von A nach B rennen) und verprügelt natürlich Leute. Die Kämpfe finden immer aus der klassischen Seitenansicht statt. Über die Dauer von etwa 25 Stunden entwickelt ihr hier euren Charakter kontinuierlich weiter.
Besser und besser
Neue Kleidung bzw Ausrüstung sorgt für bessere Werte und gewonnene Kämpfe erhöhen die Erfahrungspunkte. Ihr dürft frei entscheiden, bei welchem Meister ihr in die Lehre geht. Dadurch erhaltet ihr Zugang zu neuen Moves und dürft diese frei mit anderen kombinieren. Schon bald werdet ihr zum übermächtigen Krieger oder Kriegerin, die völlig überpowert ist. Ich fand das ganz amüsant. Kann aber auch verstehen, dass sich Profis daran stören. Aber für solche Fälle warten ja die beiden anderen Modi auf euch.
Kommen wir also zum Fighting Ground und Battle Hub. Hier werden Veteranen und Profi ihr Glück finden, da bin ich mir sicher. Im Fighting Ground gibt es den traditionellen Arcade-Modus, der mich gleich an Street Fighter 2 erinnerte. Hier werdet ihr von Kampf zu Kampf geschickt, um mehr über die ausgewählte Figur zu erfahren - Mini-Spielchen inklusive. Außerdem lernt ihr so die einzelnen Charaktere besser kennen. Aber Street Fighter bietet noch so viel mehr.
Tief hinein in die Perfektion
In knackigen Herausforderungen nehmt ihr jeden einzelnen Charakter unter die Lupe. In kurzen Tutorials erfahrt ihr wirklich alles über die Moves und deren Einsatz von den insgesamt 18 Figuren an Bord. Ihr lernt Kombos und das richtige Timing. Für Anfänger wie mich ist auch ein Zeitlupenmodus dabei. Richtig toll, was Capcom hier abliefert. Wenn wir gerade bei richtig tollen Sachen sind: Jede der insgesamt 16 Stages bietet einzigartige Umgebungen und teilweise auch Interaktionen. So kann es schon mal vorkommen, dass euch ein Stier auf die Hörner nimmt. So bleibt das Geschehen aber frisch und man darf tief eintauchen.
Apropos eintauchen: Bei den Trainings- und Tutorial-Sessions bekommt ihr auch sämtliche Spezialmanöver erklärt. Das neu eingeführte Drive-System lässt euch relativ leicht mächtige Schläge und Tritte austeilen, kann aber auch zur Verteidigung genutzt werden. Während Neulinge diese Option hin und wieder zur Abwechslung einsetzen, wird der Drive bei Profis zum essentiellen Spielelement, das über Sieg und Niederlage entscheidet. Einfach zu lernen, schwierig zu meistern.
Technischer Balance-Akt
Ihr seht schon: Street Fighter 6 bietet genug Inhalte, um ausgiebig darüber zu diskutieren. Daher ziehe ich langsam einen Schlussstrich und komme noch schnell zur Technik. Die Kämpfe sehen klasse aus und machen dank vieler Effekte echt was daher. Auch die Figuren sind hübsch animiert und gut in die Moderne gehievt worden.
Nur bei der offenen Welt im World Tour Modus musste ich öfters den Kopf schütteln. Texturen, Objekte und Texte wirken dort etwas schnell zusammengestückelt und teilweise einfach nicht hübsch. Ja, in manchen Arealen fühle ich mich zwei oder drei Konsolen-Generationen nach hinten versetzt. Ein merkwürdiger Spagat … Aber genug gemeckert, kommen wir zum Abschluss.
Fazit
Street Fighter 6 ist ein vollgepacktes Spaß-Paket für Fans von Prügelspielen. Ganz egal, ob ihr Neulinge seid oder zu den Veteranen der ersten Stunde gehört – Capcom begrüßt hier jeden mit offenen Armen. Der Rollenspielteil richtet sich an Solisten und Einsteiger, was ich sehr willkommen heiße. Aber auch Profis können sehr tief eintauchen und sich in etlichen Modi prügeln. Passend dazu bietet Capcom alle Freiheiten bei der Steuerung an, die ihr euch wünschen könnt. Ich wage jetzt zu bezweifeln, dass Street Fighter 6 das gesamte Genre umkrempeln wird. Aber Eindruck hinterlässt es definitiv – mal abwarten, wie ich in 32 Jahren darüber denke.
Erhältlich für: PS, Xbox, PC
Website: streetfighter.com/6/de