Sumerian Six stammt von Artificer und wurde von Devolver Digital veröffentlicht; das Spiel schickt euch in eine alternative Version des Zweiten Weltkriegs, in der die Enigma Squad gegen einen ehemaligen Verbündeten kämpft, der mit einer mysteriösen Substanz namens Geiststoff und allerlei übernatürlich angehauchter Technologie für die falsche Seite arbeitet. Schon dieser Grundgedanke macht klar, dass hier keine nüchterne Historienstrategie wartet, sondern ein Mix aus Abenteuer, Comic-Stealth und leicht größenwahnsinniger Science-Fiction. Allein das hat mir schon gefallen und ist einer der größten Pluspunkte.
Sumerian Six hat keine Angst davor, ein bisschen albern, ein bisschen überdreht und dabei trotzdem erstaunlich fokussiert zu sein. Statt bloß „noch ein Taktikspiel mit Nazis“ zu liefern, zieht es seine Energie aus einer wunderbar schiefen Mischung aus Geheimoperation, Mad-Science-Labor und okkulter Bedrohung. Das Ergebnis ist ein Spiel, das auf dem Papier fast nach Trash klingt, in der Praxis aber erstaunlich viel Spaß macht.
Schleichen als Denkspiel
Spielerisch bewegt sich Sumerian Six sehr klar in der Tradition von Commandos, Shadow Tactics und Desperados III: isometrische Perspektive, Echtzeit-Stealth, Sichtkegel, Patrouillenrouten, Spezialfähigkeiten und eine Pausenfunktion, mit der ihr mehrere Aktionen gleichzeitig koordinieren könnt. Das Grundprinzip ist vertraut, aber gerade das funktioniert hier erstaunlich gut, weil das Spiel seine Systeme sauber lesbar macht und euch schnell in dieses herrliche „Ich beobachte erst mal fünf Minuten die Gegner, bevor ich überhaupt einen Schritt mache“-Denken zieht.
Für mich liegt darin die eigentliche Magie solcher Spiele. Gute Stealth-Taktik fühlt sich immer ein bisschen an wie das Knacken eines Uhrwerks: Erst wirkt alles unübersichtlich und unmöglich, dann erkennt man plötzlich kleine Lücken im System, isoliert Wachen, taktet Bewegungen sauber durch und legt in wenigen Sekunden einen ganzen Posten lahm. Genau dieses Gefühl erzeugt Sumerian Six, was unglaublich befriedigend ist.
Ein Team mit Profil
Was Sumerian Six über reines Sichtkegel-Abzählen hinaushebt, ist die Zusammensetzung seines Teams. Die Enigma Squad besteht nicht aus austauschbaren Einheiten, sondern aus Spezialisten mit besonderen Fähigkeiten, die sich herrlich kombinieren lassen. Blendmanöver, Gedankentricks, Sabotage, lautlose Ausschaltungen oder brachialere Optionen ergeben zusammen einen Werkzeugkasten, der ständig kleine Improvisationsmomente produziert.
Für mich ist das wichtig, weil ein solches Spiel sonst schnell in Routine kippen kann. Wenn jede Figur denselben Zweck erfüllt, löst man irgendwann nur noch dieselbe Aufgabe mit einer anderen Animation. Diese Truppe hier wirkt aber wie eine Mischung aus Geheimdienst, Forscherzirkel und okkulter Sonderabteilung - also genau so schräg, wie das Setting es verspricht.
Missionen mit Flow
Mindestens ebenso entscheidend ist aber, wie gut das Spiel seine Missionen strukturiert. Für mich punktet Sumerian Six vor allem mit abwechslungsreichen Karten und einer Reihe markanter Schauplätze, darunter Burgen, Tempel, Industrieanlagen und andere Orte, die nicht nur funktional, sondern auch atmosphärisch klar unterscheidbar sind. Das klingt zunächst nach einem kleinen Detail, ist aber in Wahrheit enorm wichtig: Gute Stealth-Level müssen nicht nur spielbar, sondern auch merkbar sein.
Statt euch durch gesichtslose Zweckräume zu lotsen, setzt das Spiel auf Levels, die Struktur und Stimmung miteinander verbinden. Das hilft nicht nur der Atmosphäre, sondern auch dem Spielfluss, weil man Räume, Engstellen und Gefahrenzonen schneller „liest“. Gerade in einem Spiel, das so stark auf Beobachtung und Timing setzt, ist das Gold wert.
Stil, Stimmung und Eigenart
Was mir an Sumerian Six besonders sympathisch ist, ist seine Weigerung, geschniegelt und steril auftreten zu wollen. Die Präsentation ist klar, comicartig und gut lesbar, mit kräftigen Farben und einer Bildsprache, die sich angenehm von der oft ernsten Tarnfarben-Ästhetik anderer Stealth-Spiele absetzt. Das passt perfekt zu einem Spiel, das zwar Nazis vermöbeln lässt, sich dabei aber nicht im dumpfen Kriegsdrama verliert.
Und genau das macht es für mich so angenehm eigenständig. Sumerian Six erfindet die Grundlagen seines Genres nicht neu, aber es verpasst ihnen eine Handschrift, die man nicht mit jedem anderen Taktikschleicher verwechseln würde. Zwischen Wissenschaftswahn, Mythologie und Spezialtruppe liegt hier eine ganz eigene Würze, die dem Spiel deutlich mehr Persönlichkeit gibt, als man zunächst erwarten würde.
Fazit
Unterm Strich ist Sumerian Six für mich ein richtig starker Schleicher, der das klassische Echtzeit-Stealth-Taktikmodell sehr gut versteht und mit ausreichend eigener Verrücktheit auflädt, um nicht bloß wie eine pflichtbewusste Genreübung zu wirken. Besonders dann, wenn ihr Freude daran habt, Gegnerbewegungen zu studieren, Spezialfähigkeiten clever zu kombinieren und euch nach einem perfekten Zugriff für ein paar Sekunden wie das klügste Genie im Raum zu fühlen, trifft das Spiel einen sehr präzisen Nerv.
Zum absoluten Meisterwerk fehlt ihm vielleicht ein wenig erzählerische Wucht und der letzte Funke echter Größe über sein sehr gutes Systemdesign hinaus. Aber ganz ehrlich: Wenn ein Spiel euch mit Werbären, Okkult-Nazis, cleveren Sichtkegel-Puzzles und einem herrlich zugänglichen Quickload-Rhythmus so zuverlässig bei Laune hält, dann macht es verdammt viel richtig.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: devolverdigital.com/games/sumerian-six