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Tainted Grail: The Fall of Avalon

Düstere Legenden, große Ambitionen.

Mit Tainted Grail: The Fall of Avalon wagt sich das polnische Studio Questline an eine der ältesten und faszinierendsten Sagen der westlichen Welt: die Artus-Legende. Doch statt klassischer Heldenromantik erwartet euch ein düsteres, gnadenloses Open-World-RPG, das die Mythen von Avalon in einen Abgrund aus Verfall, Verzweiflung und moralischen Grauzonen stürzt. Nach über zwei Jahren im Early Access ist das Spiel nun in seiner Vollversion erschienen und will vor allem Fans von Skyrim, Oblivion oder Kingdom Come: Deliverance begeistern.

Arthurianische Finsternis

Schon der Einstieg macht klar: In Tainted Grail ist nichts mehr, wie es war. Avalon ist ein sterbendes Land, zerfressen von der „Wyrdness“ – einer mystischen Seuche, die Realität und Wahnsinn miteinander vermischt. Die einstigen Ideale von König Artus sind längst pervertiert, seine Nachfahren und die Gesellschaft am Abgrund. Ihr schlüpft in die Rolle eines Gefangenen, der in diese Welt geworfen wird und schnell feststellen muss, dass jede Entscheidung Konsequenzen hat.

Die Story ist das große Highlight: Sie ist komplex, erwachsen, voller moralischer Grauzonen und lebt von starken Dialogen sowie einer Vielzahl an Nebenquests. Besonders gelungen ist, dass der Geist von Artus selbst als Beobachter und Kommentator an eurer Seite ist – ein erzählerischer Kniff, der viele Entscheidungen und die Welt selbst immer wieder neu beleuchtet.

Die Welt ist dabei nicht nur düster, sondern auch faszinierend: Ihr begegnet gebrochenen Helden, fanatischen Kulten, grausamen Herrschern und verzweifelten Überlebenden. Das alles wird von einer stimmigen Soundkulisse und einer zurückhaltenden, aber atmosphärischen Musik begleitet.

Erkundung, Entscheidungen und Überleben

Spielerisch orientiert sich Tainted Grail: The Fall of Avalo an klassischen First-Person-Rollenspielen. Ihr erkundet eine große, offene Welt mit mehreren Biomen, sammelt Ausrüstung, plündert Dungeons, sprecht mit NPCs und löst Quests, die oft mehrere Lösungswege bieten - was wirklich erfrischend sein kann und sich an euren Spielstil anpassen lässt.

Die Erkundung ist eine der größten Stärken des Spiels: Wer abseits der Hauptpfade unterwegs ist, wird mit Geheimnissen, besonderen Begegnungen und wertvollen Ressourcen belohnt. Crafting und Alchemie spielen eine wichtige Rolle – ihr sammelt Zutaten, stellt Tränke her und könnt sogar Häuser kaufen und dekorieren.

Die Entscheidungen, die ihr trefft, wirken sich spürbar auf den Verlauf der Geschichte und das Schicksal einzelner Charaktere aus. Das Spiel fordert euch immer wieder heraus, moralisch schwierige Abwägungen zu treffen – selten gibt es eine eindeutig „gute“ Lösung. Das sorgt für eine dichte, erwachsene Atmosphäre, die sich wohltuend von vielen Genre-Kollegen abhebt.

Kampfsystem und Charakterentwicklung: Solide, aber nicht perfekt

Das Kampfsystem ist einer der größten Kritikpunkte: Es ist zwar funktional, aber eher simpel und manchmal etwas unbeholfen. Nah- und Fernkampf gehen in Ordnung, fühlen sich aber nie so wuchtig oder präzise an wie in den besten Genrevertretern. Hier fehlt mir das unterschiedliche Feedback.

Die Gegner-KI ist oft berechenbar, und das Trefferfeedback bleibt auch dort eher schwach. Das Skillsystem erlaubt viele Builds und Spielstile, von Magiern bis Schurken, doch das Balancing der Ausrüstung ist nicht immer optimal – manche Waffen oder Rüstungen sind deutlich stärker als andere, was das Fortschrittserlebnis trüben kann. Aber ein paar Patches könnten das noch beheben.

Technik: Licht und Schatten

Optisch überzeugt das Spiel mit einer stimmungsvollen, düsteren Welt, die mit starken Licht- und Wettereffekten punktet. Die verschiedenen Gebiete sind abwechslungsreich, und die Weitsicht sorgt für einige beeindruckende Panoramen. Ja, das ist schon teilweise großes Kino.

Allerdings gibt es technische Schwächen: Bugs, Glitches und gelegentliche Abstürze sind noch immer präsent. Questmarker funktionieren nicht immer zuverlässig, Charaktermodelle wirken oft steif oder ausdruckslos, und in manchen Gebieten ähneln sich die Umgebungen zu sehr. Immerhin gibt es eine „Unstuck“-Funktion, falls ihr mal festhängt. Aber da drücke ich ein Auge zu.

Fazit: Für Fans düsterer Rollenspiele ein Muss – mit Ecken und Kanten

Tainted Grail: The Fall of Avalon ist kein perfektes Rollenspiel, aber ein mutiges, eigenständiges. Die düstere Neuinterpretation der Artus-Sage, die dichte Atmosphäre und die konsequent auf Erwachsene zugeschnittene Story machen das Spiel zu einem echten Erlebnis für alle, die genug von glatten Heldengeschichten haben. Wer über das hakelige Kampfsystem und die technischen Schwächen hinwegsehen kann, bekommt ein Rollenspiel, das lange fesselt, fordert und zum Nachdenken anregt. Gerade für Fans von Oblivion oder Kingdom Come ist Tainted Grail ein Geheimtipp – aber nichts für zartbesaitete Gemüter. 

Erhältlich für: Xbox, PC, PS 
Webseite: taintedgrail.com