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Temple Twist von Kosmos

Tempel, Taktik und totale Verwirrung.

Manchmal reicht ein Blick auf den Spieltisch, um zu wissen: Dieses Brettspiel hat verstanden, dass ein guter erster Eindruck die halbe Miete ist. Temple Twist von Kosmos gehört genau in diese Kategorie. Statt einfach ein paar Plättchen und Karten auf den Tisch zu werfen, baut ihr erst einmal einen kleinen Tempel auf, der aussieht, als wolle er gleichzeitig Familienspiel, Knobelgerät und Indiana-Jones-Dekoobjekt sein.

Und das funktioniert erstaunlich gut, denn schon das Setup ist ein Ereignis: Der zusammengebaute Tempel zieht die Blicke an, macht neugierig und vermittelt sofort das Gefühl, dass hier nicht bloß abstrakt geplant, sondern wirklich an einem physischen Labyrinth herumgetüftelt wird.

Indiana zum Anfassen

Genau dieser Tempel ist auch die große Bühne des Spiels. Im Kern bewegt ihr einen Würfel durch ein dreidimensionales (eigentlich eher zweidimensionales) Labyrinth aus 16 Räumen, indem ihr Wände verschiebt, Einschübe verändert oder den gesamten Tempel dreht. Das ist die entscheidende Attraktion des Spiels und macht den besonderen Kniff aus.

Dieses Setup ist also nicht bloß hübsch, sondern der eigentliche Star des Abends. Man schaut nicht nur auf das Spiel, man beobachtet den Tempel fast wie ein kleines Bühnenbild, das sich mit jeder Aktion neu inszeniert.

Blitzschnell im Tempel-Abenteuer

Erfreulich ist dabei, wie schnell man hineinkommt. Temple Twist ist leicht zugänglich, leicht aufzubauen und grundsätzlich familienfreundlich, und genau das merkt man auch beim Einstieg. Die Regeln sind schnell begriffen, die Grundaktionen überschaubar, und niemand muss erst ein halbes Studium in Tempelmechanik absolvieren, bevor der Abenteuerwürfel rollen darf. Sehr hilfreich ist dabei die schöne Kosmos-App, die euch alles bis ins kleinste Detail auf dem Smartphone oder Tablet erklärt. Coole Sache!

Gleichzeitig kann dieser einfache Zugang fast schon ein wenig zu glatt wirken: Man hat anfangs schnell das Gefühl, alles verstanden zu haben, und dass alles hier etwas zu einfach ist. Doch dann lächelt das Spiel freundlich und beginnt, einen in seinem rotierenden Mauerwerk herumzuschubsen.

Richtig stark wird Temple Twist nämlich dort, wo es seine Variabilität ausspielt. Die Tempel-Einschübe verändern die Struktur des Labyrinths ständig, wodurch sich jede Runde neu anfühlt und das Spiel nicht in starre Muster kippt. Die variablen Einschübe halten jede Partie frisch, was den Wiederspielwert enorm erhöht.

Mehr Herausforderungen gefällig?

Dazu kommt, dass Kosmos nicht bei einer hübschen Grundidee stehen bleibt. Das Basisspiel ist lediglich der Einstieg. Es gibt anpassbare Schwierigkeitsgrade über zusätzliche Ziele und Handicap-Karten sowie eine Kampagne mit 20 Aufgaben, die teils sogar dauerhafte Veränderungen mitbringen.

Genau hier zeigt sich, warum Temple Twist mehr ist als ein einmalig nettes Gimmick: Die verschiedenen Spiel-Modi sorgen tatsächlich für Abwechslung und fordern immer wieder ein leicht anderes Denken. Wer erst einmal nur ein hübsches Familienspiel mit Drehmechanik erwartet, entdeckt schnell ein Spiel, das seine Herausforderung ziemlich clever staffelt.

Abenteurer reden nicht

Und dann wäre da noch die Kommunikation – oder besser gesagt: das kontrollierte Nicht-Kommunizieren. Offiziell ist die eingeschränkte Absprache ein zentraler Teil des Konzepts. Ihr müsst gemeinsam planen, ohne frei über alle Karten sprechen zu dürfen. Auf dem Papier klingt das reizvoll, weil es Teamspiel, Intuition und Vorausplanung erzwingen soll.

In der Praxis wirkt es aber ein wenig merkwürdig: Gerade bei einem kooperativen Rätselspiel liegt es eigentlich in der Natur der Sache, über Optionen zu reden, und wenn das Spiel diese naheliegende Reaktion nur halbherzig begrenzt, entsteht schnell ein leicht schräges „Wir dürfen darüber nicht reden, reden aber natürlich irgendwie trotzdem“-Gefühl. Aus meiner Sicht ist das kein so elegantes Designelement.

Besonders sympathisch ist hingegen, dass Temple Twist trotz seiner Mechanik nie steril wirkt. Das Material macht richtig was her, der Tempel sieht aufgebaut großartig aus. Das Setup hat diese Mischung aus Abenteuercharme und Knobelkulisse. Die Illustrationen auf Schachtel und Tempelwänden tragen viel dazu bei, dass aus einem abstrakten Raumproblem ein kleines Dschungelabenteuer wird.

Schleimi: Süß, aber nutzlos

Und jetzt zu einem Thema, das wahrscheinlich in keiner offiziellen Pressemeldung auftaucht, aber unbedingt in einen ehrlichen Testbericht gehört: Schleimi. Dieses grüne Schleimmonster ist offenbar so etwas wie Regelmaskottchen, Erklärwesen oder freundlicher Tempelhausgeist, taucht in der Anleitung auf, erklärt Dinge – und verschwindet dann wieder aus der spielerischen Relevanz, als hätte es plötzlich einen anderen Termin.

Nach allem, was aus Verlagsbeschreibung und Rezensionen ersichtlich ist, spielt Schleimi im eigentlichen Ablauf tatsächlich keine erkennbare mechanische Rolle; jedenfalls wird er in den verfügbaren Spielbeschreibungen nicht als reguläres Spielelement hervorgehoben.

Oder ich bin einfach zu dumm, um das zu kapieren. Für mich wirkt Schleimi wie die Art Figur, die in einer frühen Redaktionssitzung jemand mit großer Begeisterung erfunden hat und die dann einfach geblieben ist, obwohl niemand mehr genau sagen konnte, warum.

Fazit

Unterm Strich ist Temple Twist ein Spiel, das seine Innovation nicht nur behauptet, sondern sichtbar auf den Tisch stellt. Der Einstieg ist angenehm einfach, die Tempelmechanik sorgt für echte Frische, und die unterschiedlichen Modi geben dem Ganzen genug Futter, damit es nicht nach zwei Partien wieder im Regal versinkt. Nur das eingeschränkte Kommunikationssystem bleibt ein leicht krummer Baustein in einem ansonsten sehr charmanten Tempelbauwerk. Und Schleimi bleibt, bis auf Weiteres, das wahrscheinlich größte ungelöste Mysterium dieses Spiels.

Webseite: kosmos.de/de/temple-twist_1685751_4002051685751