The Amusement ist eines dieser seltenen VR-Spiele, die nicht zuerst an Effekte, sondern an Präsenz denken. Wie ich das meine? Es geht hier um das Gefühl, wirklich irgendwo zu sein, statt nur mit zwei Controllern durch eine Kulisse zu wedeln. Gerade deshalb ist das hier weniger Jahrmarkt als Erinnerungsmaschine.
Es ist ein melancholisches, kunstvoll gebautes VR-Abenteuer, das mit seiner Erzählung und seinem Fortbewegungskonzept beeindruckt. Fairerweise muss man sagen, dass es spielerisch aber nicht immer die gleiche Höhe hält.
Ein Park aus Erinnerung
ARTE France und Curvature Games schicken euch als Samantha Burkhart in einen verlassenen Freizeitpark der 1920er Jahre. Diesen soll sie im Auftrag ihrer Mutter inspizieren. Für Samantha ist es ein Ort, der zugleich Familienerbe, Trauerkapsel und begehbares Gedächtnis ist. Jede Attraktion wird dabei zum Auslöser für Kindheitserinnerungen, für die konfliktreiche Beziehung ihrer Eltern und für die Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs auf diese Familie.
Schon diese Ausgangslage hebt The Amusement von vielen VR-Erzählspielen ab. Statt Science-Fiction-Gimmicks oder Horror-Jumpscares gibt es hier verrostete Fahrgeschäfte, vergilbte Plakate und bröckelnde Fassaden. Zudem herrscht eine tieftraurige Grundstimmung, die viel besser funktioniert, als man bei einem Spiel mit Vergnügungspark im Titel vielleicht vermuten würde. Es ist ein Ort, an dem man nicht Achterbahn fährt, sondern durch Verluste hindurchgeht.
Laufen statt sticken
Die eigentliche Besonderheit ist aber die Fortbewegung. The Amusement setzt stark auf sogenanntes Redirected Walking. Dabei handelt es sich um eine VR-Technik, bei der ihr euch real in einem relativ kleinen Bereich bewegt, während das Spiel euch so durch die Welt lenkt, dass ihr subjektiv größere Wege zurücklegt. Laut ARTE ist genau das die optimale Art, den Park zu erleben, weil jeder Schritt körperlicher, direkter und eben deutlich „echter“ wirkt als klassisches Stick-Laufen. Zumal mir dabei nicht schlecht wurde, was bei Stick-Laufen öfters mal der Fall ist. So fühlt sich das gesamte Erlebnis nach einem echten Erlebnis an und eben nicht nach einem Spiel. Das hat ARTE France toll hinbekommen.
Atmosphäre kann das Ding
Audiovisuell lässt The Amusement seine Muskeln spielen. Die verlassenen Attraktionen, rostigen Mechaniken und stillen Plätze des Parks habe eine erstaunlich melancholische Wirkung. Das geht echt unter die Haut. Aber auch das Sounddesign mit knarzenden Rädern, ächzenden Aufzügen und räumlicher Tiefe trägt viel zur Stimmung bei.
Auch die narrative Inszenierung hat gute Einfälle. Erinnerungen werden unter anderem über Schattenspielfiguren und stilisierte Zwischensequenzen vermittelt. Das passt sehr gut zu der nostalgisch-gebrochenen Ästhetik. Besonders positiv fällt dabei auf, dass die Geschichte nicht als bloßer Vorwand dient, sondern wirklich das Herz des Spiels ist. Für Story-Fans dürfte das wohl der größte Kaufgrund sein.
Die Rätsel halten nicht ganz mit
Wo The Amusement schwächer wird, ist beim eigentlichen Spielteil zwischen all dem Staunen. Die Rätsel würde ich als eher leicht, wenig variantenreich und im späteren Verlauf zunehmend repetitiv beschreiben. Das liegt daran, dass Werkzeuge, Interaktionen und Puzzleideen vergleichsweise früh vollständig eingeführt werden. Das bedeutet nicht, dass das Spiel langweilig wird! Aber eben, dass seine stärkste Neugier eher aus Ort und Geschichte als aus cleverer Verbindung der Mechaniken besteht.
Hinzu kommt, dass die Hinweise teilweise zu schnell ins Haus flattern. Hilfestellungen werden oft ungefragt und sehr früh gegeben, was den Reiz des Tüftelns etwas untergräbt. Daran merkt man, dass hier die Story eher im Vordergrund steht.
Zwischen Kunststück und Kompromiss
Spannend ist, wie unterschiedlich die Reaktionen von meinem Kumpel und mir auf die Geschichte ausgefallen sind. Nach der Erfahrung würde ich das so sagen: The Amusement ist erzählerisch offensichtlich ambitioniert und stilbewusst, aber nicht so universell packend, dass jeder automatisch mit Samantha und ihrer Familie mitfühlt.
Trotzdem bleibt das Spiel bemerkenswert. Schon weil ARTE hier nicht irgendein nettes Bildungs-Experiment abliefert, sondern ein echtes VR-Abenteuer mit eigener Handschrift, klarer Themenwahl und technisch ungewöhnlicher Fortbewegung. Das ist mutiger als die meisten Mainstream-VR-Spiele und gerade deshalb interessanter, selbst wenn nicht jeder Baustein perfekt sitzt.
Fazit
The Amusement ist ein ungewöhnlich elegantes, melancholisches VR-Abenteuer, das Atmosphäre, Geschichte und körperliche Immersion viel ernster nimmt als die meisten Genre-Kollegen. Seine größte Stärke liegt nicht in den Rätseln, sondern in dem Gefühl, durch einen verlassenen Ort und zugleich durch das zerbrochene Innenleben einer Familie zu gehen.
Die Schwächen sind aber sichtbar: spielerisch etwas zu dünn, bei den Rätseln nicht variantenreich genug und erzählerisch nicht für jeden gleich mitreißend. Unterm Strich bleibt für mich trotzdem ein sehr spannendes VR-Werk. Es ist kein lauter Freizeitpark-Hit, sondern eher ein stiller, rostiger Geisterzug, der vielleicht nicht jede Kurve perfekt nimmt, aber lange im Kopf bleibt.
Erhältlich für: Meta Quest, Steam VR
Webseite: arte.tv/digitalproductions/de/the-amusement