Seit der letzten gamescom war ich auf The Blood of Dawnwalker besonders gespannt. Schon damals hat mich die Idee neugierig gemacht. Ein Vampir-Rollenspiel, das euch nicht einfach nur stärker werden lässt, sondern euch ständig fragt, wofür ihr eure Zeit einsetzen wollt. Nach dem Spielen kann ich sagen: Genau diese Zeit-Mechanik ist tatsächlich eine der erfrischendsten Ideen des gesamten Abenteuers.
Ein Monat für die Familie
Ihr spielt Coen. Tagsüber ist er ein Mensch. Nachts verwandelt er sich in einen Vampir. Seine Familie wurde entführt, und ihm bleiben 30 Tage und 30 Nächte, um sie zu retten, bevor der Vampirfürst Brencis gekrönt wird.
Das klingt zunächst nach einem gnadenlosen Countdown. In der Praxis funktioniert die Uhr aber anders. Zeit vergeht nicht automatisch, während ihr durch die offene Welt lauft, kämpft oder die Landschaft erkundet. Erst wichtige Quests, bestimmte Dialogentscheidungen, Untersuchungen und einige Verbesserungen kosten euch Zeit.
Jede dieser Aktionen zeigt euch vorher an, wie viele Zeitabschnitte sie verbraucht. Eine goldene Sanduhr im Journal macht die Kosten sichtbar, und auch in der Welt wird euch angezeigt, was eine Aktivität ungefähr kostet. Ihr könnt also planen. Oder ihr trefft spontan eine Entscheidung und müsst später mit den Folgen leben.
Zeit als echte Ressource
Genau hier wird Dawnwalker interessant. Ihr könnt nicht alles erledigen. Manche Nebenaufgabe wartet nicht ewig, andere Chancen verschwinden, wenn ihr euch für eine andere Mission entscheidet. Das erzeugt einen angenehmen Druck, ohne euch permanent zur Eile zu zwingen.
Ich finde diese Lösung besonders gelungen, weil sie das übliche Open-World-Verhalten ein wenig aufbricht. Normalerweise wird jede Nebenquest irgendwann erledigt. Hier müsst ihr euch fragen, ob ihr wirklich drei Zeitsegmente investieren wollt, um einem verschwundenen Späher zu helfen, während eure Familie auf Rettung wartet.
Das fühlt sich erfrischend an. Nicht jede Entscheidung hat nur eine Belohnung. Manchmal ist die Belohnung schlicht das Wissen, dass ihr euch bewusst gegen etwas anderes entschieden habt. Zudem motiviert das ungemein zu einem zweiten oder dritten Durchgang.
Mensch bei Tag, Vampir bei Nacht
Der Wechsel zwischen Tag und Nacht verändert nicht nur die Stimmung, sondern auch eure Fähigkeiten. Tagsüber kämpft Coen mit seinem Schwert und nutzt Hexenmagie. Nach Sonnenuntergang stehen ihm Klauen und vampirische Kräfte zur Verfügung.
Als Vampir könnt ihr euch unter anderem teleportieren, euch in einen Wolf verwandeln, Gegner hypnotisieren oder ihnen Blut absaugen. Auch der Schattenschritt ist wichtig, weil er euch auf Dächer und über Abgründe bringt. Dadurch wird die Tageszeit zu einer taktischen Entscheidung. Manche Orte und Fähigkeiten lohnen sich bei Nacht deutlich mehr.
Das bringt eine schöne Spannung in die Erkundung. Ihr könnt zwar selbst festlegen, wann ihr bestimmte Zeitabschnitte voranschreiten lasst, müsst aber trotzdem aufpassen, wann ihr menschlich und wann ihr vampirisch unterwegs seid.
Kämpfen mit Richtung
Das Kampfsystem orientiert sich an Spielen wie Kingdom Come: Deliverance. Ihr greift aus verschiedenen Richtungen an und müsst gegnerische Schläge entsprechend blocken oder parieren. Ein sauberer Richtungsblock kann direkt in einen Konter übergehen.
Am Anfang fühlt sich das etwas ungewohnt an. Nach ein paar Begegnungen versteht ihr aber, warum die Richtung wichtig ist. Blindes Draufhauen bringt euch nicht weit. Ihr müsst beobachten, reagieren und den richtigen Moment erwischen.
Coen kann passive sowie aktive Fähigkeiten in drei Bäumen freischalten: Schwertkampf, Magie und Vampirkräfte. Das sorgt für Entwicklungsmöglichkeiten, auch wenn die Gegnerauswahl und die Abwechslung in längeren Kämpfen als ausbaufähig sind. Aber das ist meckern auf sehr hohem Niveau.
Eine Welt mit starken Momenten
The Blood of Dawnwalker spielt in einem abgeschiedenen mittelalterlichen Tal, das von Vampiren beherrscht wird. Die Welt ist düster, aber nicht einfach nur grau. Dörfer, Wälder, Burgen und Ruinen erzählen von einer Region, die schon vor Coens Ankunft aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Die Story und viele Nebenquests gehören für mich zu den stärkeren Elementen. Entscheidungen verbinden sich miteinander und ihre Folgen werden deutlich spürbar gemacht - ähnlich wie bei den Witcher Spielen. Allerdings wiederholen sich die Aufgaben auch nach einer Weile, was aber nicht so wild ist.
Fazit
The Blood of Dawnwalker ist ein ambitioniertes Vampir-RPG mit einer wirklich starken Grundidee. Die Zeit-Mechanik ist erfrischend, weil sie euch nicht einfach alle Inhalte nacheinander abarbeiten lässt. Ihr müsst Prioritäten setzen und akzeptieren, dass manche Geschichten liegen bleiben.
Seit der letzten gamescom war ich gespannt auf diesen Titel. Das Warten hat sich für mich gelohnt. Besonders die Verbindung aus menschlichen und vampirischen Fähigkeiten sorgt dafür, dass sich Tag und Nacht spielerisch unterschiedlich anfühlen.
Nicht jede Nebenaufgabe begeistert, und die offene Welt könnte an einigen Stellen abwechslungsreicher sein. Trotzdem bleibt ein spannendes Rollenspiel, das euch mit starken Entscheidungen, düsterer Atmosphäre und einem überraschend cleveren Zeitkonto lange beschäftigen kann. Eure Uhr läuft nicht ständig. Eure Entscheidungen tun es schon. Und das macht den Titel zu einem heißen Kandidaten für das Spiel des Jahres – zumindest unter den Top Drei.
Erhältlich für: Xbox, PS, PC
Webseite: de.bandainamcoent.eu/dawnwalker/the-blood-of-dawnwalker